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Der Betriebsvergleich

von Prof. Dr. Rudolf Seyffert
Der Betriebsvergleich erwächst aus der Betriebsstatistik. Diese vergleicht Betriebsvorgänge und Betriebsergebnisse ohne zeitliche Beschränkung miteinander zum Zwecke der Beurteilung der Betriebsverhältnisse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ihr Rahmen ist also viel weiter gezogen als der der Buchhaltung, die jeweils eine Periode abrechnet und außerdem nur die Wertrechnung, nicht aber die in vielen Fällen anschaulichere und klarere Mengenrechnung kennt. Für die Einzel- und die Großhandlungen hat die Statistik immer neben Buchhaltung und Kalkulation eine wichtige Rolle gespielt. Die Betriebsstatistik ist in der; einfachen Formen, in denen sie in Klein- und auch Mittelbetrieben anzusetzen ist, leicht erlern- und anwendbar und ergibt übersichtliche, klare und einfach auszudeutende Ergebnisse. So haben die Bestrebungen ihren guten Sinn, die darauf zielen, die Buchführung der kleinen und mittleren Handelsbetriebe in möglichst engem Rahmen zu halten, dafür aber die vom vielbeschäftigten Händler leichter zu führende Statistik auszubauen, die ihm sofort ansdiauliche Resultate liefert. Aus einer gut angelegten Statistik kann er ohne besondere Abschlußarbeiten jederzeit die Besdiaffungs-, Absatz- und Kostenlage seines Betriebes, die Entwicklung des Lagers, die der Handelsspannen usw. durch Vergleidi der einzelnen Zahlen untereinander erkennen.
Der Betriebsvergleich ist die Projektion der innerbetrieblichen Statistik in den zwisdienbetrieblichen Bereich. Die Statistik ermöglicht es beispielsweise, die eigenen Umsatz- oder Kostenzahlen durch die Monate und Jahre hindurch zu vergleichen. Das gleiche gewährt der Betriebsvergleich mit den Zahlen anderer Betriebe. Es ist für einen Kaufmann nicht nur unerläßlich, daß er sich die Verhältnisse seines eigenen Betriebes an der Entwicklung von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr klarmacht, sondern es muß darüber hinaus für ihn von größtem Interesse sein zu erfahren, wie sich in andern Betrieben, die seinem Betriebe gleichgelagert sind, die Dinge entwickelt haben. Falls er soldie Einsidrten in geordneter und einwandfreier Form gewinnen kann, ist ihm damit ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für die Beurteilung seiner eigenen Lage in die Hand gegeben. Nur ist es in vielen Fällen sehr schwierig. die Voraussetzungen für einen brauchbaren Betriebsvergleich zu schaffen. Je nach dem Grade der Vergleichbarkeit unterscheide ich zwischen Branchen-, Gruppenund Kreisbetriebsvergleichen. In seiner weitesten Form, der des Branchenbetriebsvergleichs, handelt es sich um einen Vergleich durch einen Geschäftszweig hindurch. Er ist darauf abgestellt, in wenigen entscheidenden Zahlen ein durchschnittliches Bild der wirtschaftlichen Situation einer Branche zu geben. Wenn sich eine ausreichend große Zahl von Betrieben beteiligt, ist es möglich, die Entwicklungstendenzen der Umsatz- und der Kostenzahlen, die auf eine im Betrieb beschäftigte Person entfallende Absatzgröße usw. einwandfrei zu erkennen. Erst damit ist für die wirtschaftspolitische Führung der Branche die Möglichkeit geschaffen, ihre Maßnahmen auf der Grundlage exakter Unterlagen zu treffen. Für den einzelnen Betrieb sind die Ergebnisse des Brandienbetriebsvergleichs insofern von Bedeutung, als er die ermittelten Brandienzahlen mit seinen eigenen vergleichen wird und ersieht, inwieweit er dem Branchendurchsdinitt entspricht. Für den sich an solchen Vergleichszahlen prüfenden Betrieb sind alle Abweichungen seiner Zahlen von den Vergleichszahlen betrieblich beachtlich.
Aber es ist nicht so, daß ein Abweichen nach oben oder unten immer positiv oder negativ gewertet werden könnte. Solche Schlüsse sind nur zulässig, wenn der Branchenbetriebsvergleich zu einem Gruppenbetriebsvergleich ausgebaut wird. Bei diesem werden nur Betriebe einer Branche miteinander verglidien, die die gleidie Leistungsbereitschaft aufweisen. So wird z. B. im Branchenvergleich der Durchschnittsabsatz je besdiäftigte Person festgestellt, der für die gesamte Branche gilt. Für einen Betrieb, der über oder unter dem Durchschnitt liegt, ist es ohne Zweifel von Interesse, die Abweichung zu erkennen, die er gegenüber dem Branchendurchschnitt aufweist. Die Absatzgröße je beschäftigte Person wird aber für ihn von unmittelbarem Interesse, wenn sie sich auf Betriebe bezieht, deren Verhältnisse seinen eigenen entsprechen, die also mit ihm voll vergleichbar sind. Denn nunmehr ist jede Abweichung nach oben für ihn ein Plus, jede nach unten aber ein Minus, das er sich auf die Dauer nicht gestatten kann.
Das große und schwierige Problem dieses betrieblich unmittelbar zu nützenden Vergleidies ist natürlich die Forderung nadi der Gleichartigkeit der zu vergleichenden Betriebe. Die Betriebe müssen die gleiche Leistungsbereitschaft aufweisen, d. h., s ic müssen zu der gleichen Wirtschaftsleistung befähigt sein. Ungeeignet als Merkmal .sind Beschäftigungsgrad oder Umsatzleistung. Sie sind nicht Ausdruck der Leistungsbereitschaft, sondern schon Leistungsergebnis. Der für die Leistungsbereitschaft zu wählende Maßstab ist vielmehr für die einzelnen Wirtschaftszweige verschieden, so daß sidi keine festen Regeln aufstellen lassen. Bei den Einzelhandlungen z. B. wird gleidie Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit wesentlich bedingt von der Gleichheit der persönlichen Arbeitskräfte, der Gleichheit des Warenkreises und bei städtischen Betrieben von der Gleichartigkeit der entscheidenden lokalen Standortbedingungen. Der Gruppenbetriebsvergleich wird daher im Einzelhandel die Betriebe vor allem nach der Zahl der beschäftigten Personen und nach den Sortimenten gliedern und nach Möglichkeit auch die Standortbedingungen berücksichtigen. Ihm geht es, genau wie dem Branchenvergleich, um repräsentative Zahlen. Die Zahl der Teilnehmer muß daher an einem Branehenbetriebsvergleich ebenso wie an einem Gruppenvergleich
so groß sein, daß sich repräsentative Durchschnittswerte ergeben.
Sind so diese beiden Vergleichsarten auf eine breite Erhebungsbasis angewiesen, so ist im Gegenteil dazu für die dritte der von mir unterschiedenen Arten des Betriebsvergleichs eine möglichst kleine Teilnehmerzahl wünschenswert. Bei diesen Kreisbetriebsvergleichen sind Kreise auszubilden, die nur wenige, fünf bis zehn Betriebe umschließen, für die dafür aber eine so weitgehende Übereinstimmung der Betriebssituation gegeben sein muß, daß praktisch eine volle Vergleichbarkeit, etwa wie bei gleichartig ausgestatteten Filialen der gleichen Unternehmung, besteht. Ein solcher Kreisbetriebsvergleich verlangt intensive Mitarbeit der angeschlossenen Firmen. An ihm werden sich nur solche beteiligen, die aufgeschlossen genug sind, die Vorteile zu erkennen, die die Verfünfbis Verzehnfachung der Betriebserfahrung mit sich bringt. Diese Firmen müssen auch untereinander genau bekannt sein. Zwar werden auch hier die Betriebsvergleichszahlen von einer neutralen Stelle als Durchschriittszahlen zu errechnen sein, sodaß die individuellen Zahlen der einzelnen Firma nur dieser selbst bekannt sind. Aber während beim Branchen- und Gruppenvergleich der einzelne Teilnehmer nur weiß, wie viele Firmen am Zustandekommen der Vergleichszahlen mitwirkten, muß sich beim Kreisvergleich jede beteiligte Firma ein genaues Bild der wenigen übrigen Firmen verschaffen, die mit ihr den Kreis bilden. Denn nur dann bekommen die Vergleichszahlen ihre letzte Anschaulichkeit. Zum Kreisvergleich gehören auch gegenseitige Firmenbesuche, die eine enge persönliche Fühlungnahme bezwecken, um so alle Voraussetzungen für einen Erfahrungsaustausch im weitesten Sinne des Wortes zu schaffen. Auf industriellem Gebiete wurden solche als „Erfagruppen" bezeichneten Erfahrungsaustauschgruppen schon vor dem ersten Weltkriege durch den Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken ausgebildet. Im Einzelhandelsbereiche sind seit 1942 in der Schweiz Erfagruppen mit großem Erfolg tätig. Hier liegt ein außerordentlich entwicklungsfähiges Gebiet des Betriebsvergleichs vor, von dem die besten Wirkungen auf die beteiligten Betriebe zu erwarten sind. Vor allem können Klein- und A4ittelbetriebe sich durch diese Art des Betriebsvergleiches Urteile und Einblicke verschaffen, wie sie sonst nur der Großbetrieb gewinnt, dem laufend die Meldungen seiner Filialen zugehen.
Jede rationellere Gestaltung der Betriebsarbeit hat zur Voraussetzung das Wissen um die Fehlerquellen, die Fehlleistungen bewirken, und um die Unvollkommenheiten, die dem Betriebe anhaften. Der Betriebsvergleich in seinen drei Arten des Branchen-, Gruppen- und Kreisbetriebsvergleichs ist das Erkenntnismittel dazu. Er ist immer das Produkt einer Gemeinschaftsarbeit, die der gegenseitigen Hilfe dient.
Das Institut für Handelsforschung an der Universität zu Köln hat die Organisation und Durchführung des Betriebsvergleichs im Handel in seinen drei hier unterschiedenen Arten in Angriff genommen. Das hat seinen Grund einmal darin, daß die Errechnung der Betriebsvergleichszahlen aus Gründen der Geheimhaltung durch eine neutrale Stelle durchgeführt werden muß. Am Kölner Institut ist durch ein Kennnummernsystem jede Gewähr dafür gegeben, daß die betriebsindividuellen Zahlen anonym bleiben. Aber das ist nicht der Hauptgrund, der für die Einschaltung eines wissenschaftlichen Instituts im die Betriebsvergleichsarbeiten spricht, so wichtig er für viele Teilnehmer ist.
Entscheidend ist vielmehr, daß aus wissenschaftlichen Gründen es nicht nur erwünscht sondern notwendig ist, daß die gesamte Betriebsvergleichsarbeit im Handel als eine einheitliche Forschungsaufgabe gesehen wird. Das Kölner Institut führt die Betriebsvergleichsarbeiten bereits für den gesamten Einzelhandel und für den genossenschaftlichen Großhandel durch und hat mit .sonstigen Zweigen des Großhandels entsprechende Vorarbeiten in Angriff genommen. Damit wird erreicht, daß über die einzelnen Branchen-, Gruppen- und Kreisvergleiche hinaus auch eine Vergleichbarkeit durch den gesamten Handel hindurch möglich wird. Voraussetzung dafür ist eine Verzahnung aller Erhebungsmethoden, die für die einzelnen Einzelhandels- und Großhandelsbranchen so ausgebildet sein müssen, daß eine Zusammenrechnung der den gesamten Handel angehenden Resultate möglich wird. Weiter ist es erforderlich, daß der Betriebsvergleich in engster, lebendiger Verbindung mit der Handelsforschung und darüber hinaus mit der gesamten wirtschaftswissenschaftlichen Forschung steht. Er ist nicht, wie das mitunter gesehen wird, nur eine statistische Aufgabe, die in -jedem zuverlässig geleiteten statistischen Büro erledigt werden kann. Er muß vielmehr laufend wissenschaftlich beobachtet, entwickelt und beeinflußt und von der Wirtschaftsforschung getragen werden, er bedarf der fortgesetzten wissenschaftlichen Kontrolle und Korrektur. Das ist aber nur im Forschungsraum einer Universität möglich, in der die Wirtschaftswissenschaft besonders gepflegt wird und in der Umwelt eines Instituts, dessen alleinige Aufgabe die Handelsforschung ist. Endlich ist erforderlich, daß die Ergebnisse des Betriebsvergleichs in ihrer objektiven Errechnung unantastbar sind und ihre Korrektheit von keiner Seite bezweifelt werden kann.
Über die betriebspraktische und wirtschaftspolitische Bedeutung hinaus haben die großen Zahlenmengen, die bei dem Kölner Institut für Handelsforschung durch die monatlichen Meldungen der am Betriebsvergleich beteiligten Betriebe anfallen - schon jetzt im ersten Halbjahre des Vergleichsbeginns sind es über 2200 - ihre wissenschaftliche Eigenbedeutung. Für die betriebswirtschaftliche Forschungsarbeit des Instituts sind sie so unentbehrliches Material wie etwa die täglichen atmosphärischen Registrierungen für die meteorologische oder klimatologische Forschung. Aus den zahllosen Einzelangaben, die die Betriebe monatlich zu den verschiedenen Umsatz- und Kostenverhältnissen melden, formt sich in zusammenfassender Durchund Verarbeitung ein Bild des wirklichen Betriebswirtschaftens, das anderswie nicht gewonnen werden könnte, und das die Grundlage für jede auf empirischer Tatsachenforschung aufbauende wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis ist.
1 Nach Wirtschaft und Statistik, Stuttgart und Köln. 1949 Heft 4, Seite 117.
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