Der Bereich des Handels
von Prof. Dr. Rudolf SeyffertDem Institut für Handelsforschung an der Universität zu Köln obliegt satzungsgemäß die Aufgabe, die Fragen des Handels wissenschaftlich zu untersuchen oder ihre Bearbeitung anzuregen und zu fördern und die gewonnenen Erkenntnisse durch geeignete unterrichtliche und literarische Veranstaltungen auszuwerten. Wie weit ist dabei der Bereich dessen zu ziehen, was unter „Handel" zu verstehen ist?
Die Bezeichnung „Handel", schon im frühen 15 Jahrhunder bekannt, wird erst mit dem beginnenden 19. Jahrhundert allgemeiner verwendet, während noch das 18. Jahrhundert vo Kaufmannschaft, Kommerzien oder Handlung spricht. Heute wird das Wort „Handlung" nur noch institutionell gebraucht, um den nurhandeltreibenden Betrieb zu kennzeichnen. „Handel" ist funktionell zu verstehen, er ist überall da gegeben, wo ein Austausch von Gütern zwischen Wirtschaftsgliedern vorliegt.
Alle Wirtschaftsglieder, die sich am Güteraustausch beteiligen, treiben Handel. Die Produzenten erwerben Wirtschaftsgüter, um die Erzeugung durchführen zu können und die Konsumenten solche, die sie für den Verbrauch benötigen. Die Produzenten veräußern produzierte Güter, die Konsumenten die wirtschaftlich noch verwertbaren Reste der verbrauchten Güter. Die verkehrswirtschaftliche Aufgabe der Vermittlung zwischen Produzent und Konsument oder Produzent und Produzent durch Übernahme der Güter von dem einen und Weiterleiten an den anderen besorgen die Kaufleute im engeren Sinne, die Handel als alleinige Aufgabe treiben. Sie alle, Produzenten, Konsumenten und Kaufleute sind am Handel beteiligt. Diese Beteiligung ist verschieden umfangreich und verschieden intensiv, je nach der Art und den besonderen Umständen des Handels. Der Produzent handelt, indem e die Produktionsgüter durch Kauf oder Tausch erwirbt. Insoweit er das Produzierte verkauft oder vertauscht, treibt er wiederum Handel. Der Konsument handelt, indem er das zu Konsumierende erwirbt. Alles, was er für seine Haushaltsführung einkaufen oder eintausche muß, ist durch Handel beschafft. Er handelt auch, insofern er etwaige Konsumtionsreste als Abfälle oder Altwaren verkauft. Insbesondere aber sind die Dienstleistungen Handel, durch die er das Einkommen bildet, das der Ausgabenseite seiner Haushaltsführung entspricht. Zu diesen vielgestaltigen Erscheinungen des Produzenten- und des Konsumentenhandels tritt als dritte Art die des Kaufmannshandels. Dieser in den Handlungen durchgeführte Handel ist selbständiger Handel gegenüber dem angegliederten der Produzenten und Konsumenten. Für die Produktionsbetriebe und die Haushaltungen ist die Handelsaufgabe zwar unerläßlich falls sie sich arbeitsteilig in die Verkehrswirtschaft eingliedern wollen, aber sie ist nicht die einzige Aufgabe, wie bei den Handlungen.
So ergibt sich die Einteilung des Handels nach den beiden Grunderscheinungen des angegliedertenund des selbs tändigen Handels , aus der die drei Handelsarten abzuleiten sind: der an die Produktion angegliederte Handel, der Produzntenhandel, der an die Konsumtion angegliederte Handel, der Konsumentenandel , der durch Handlungen durchgeführte Kaufmannshandel.
Die Bezeichnungen direkter oder indirekter Handel drücken etwas anderes aus als selbständiger und angegliederter Handel. Mit direktem Handel ist unmittelbare Handelsdurchführung gemeint, mit indirektem mittelbare. Der Produzent treibt direkten Handel, wenn er unmittelbar an den Verwender seine Produkte absetzt oder die benötigten Produktionsgüter unmittelbar von ihrem Erzeuger beschafft. Indirekt handelt er, wenn er sic dabei der Handlungen bedient. Für den Konsumentenhandel gilt das gleiche.
Die Gliederun des Handels in den Produzenten-, den Kaufmanns- und den Konsumantenhandel bringt die Hauptarten des Handels in Erscheinung. Wenn der Sitz des Handels als Einteilungsgrund gewählt wird, ergeben sich andere Gruppen: die Formen des seßhaften Handels, des Hökerhandels und des Wanderhandels. Der Wanderhandel ist ein Handel im Herumziehen, wobei die Ware mitgeführt wird. In der Entwicklungsgeschichte der Handelsformen spielt er eine große Rolle. Heute hat er innerhal der europäischen Wirtschaftsweise nur noch Bedeutung in den Formen des der Einzelverteilung zuzurechnenden Meß- und Markthandels der eigentlichen Warenmärkte, de Hausiererhandels und der Wanderlager und Auktionen. Der Hökerhandel ist ebenfall Einzelverkauf, zwar nicht im Herumziehen, aber auch nicht von einem festen Geschäftssitze aus. In der Organisation des mittelalterlichen Handels spielen die Hocker und Winkler, die „armen Krämer" 1) eine wichtige Rolle, auch auf den Märkten. Die Hökerei ist auch jetzt noch nicht ohne Bedeutung. Sie bedient sich eines leicht transportablen Verkaufsstandes, der oft täglich früh aufgebaut und abends abgebrochen und dessen Standort nach Möglichkeit beibehalten wird. Der seßhafte Handel , von einem festen Geschäftslokal — Laden oder Kontor — aus durchgeführt, ist heute die Normalform. Er wird als Platzhandel betrieben, wenn sich der Absatz am Platze der Niederlassung abspielt, als Distanzhandel , wenn nadi auswärts verkauft wird. In Form des hausierenden Handwerkers oder des Verlegers, der heimindustrielle Produkte auf Märkten verkauft, wird Wanderhandel auch durch Produzenten betrieben. Auch Hökerhandel der Produzenten — z. B. Blumenverkauf durch Gärtner — kommt vor. Die ambulanten Formen spielen jedoch im Produzentenhandel eine noch geringere
Rolle als im Kaufmannshandel. Ganz allgemein ist der Handel, ob vom Produzenten oder durch Handlungen betrieben stationär geworden. Ob und inwieweit die zunehmende Tendenz, angegliederte und verselbständigte Transportleistungen wieder selbst zu übernehmen, auch die ambulanten Handelsformen erneut zu größerer Bedeutung bringen wird, ist noch nicht abzusehen. Falsch wäre es jedoch, sie für überholt und nicht entwicklungsfähig zu halten.
Nach der Art der Abnehmer ist zwischen Groß- und Einzelhandel zu unterscheiden. Einzelhandel ist bei Umsätzen von Waren in solchen Mengen gegeben, wie sie der Konsument üblicherweise für Familienhaushaltungen einzukaufen pflegt. Im Wesen des Großhandels liegt der Verkauf im Großen. Einzelhandel und Großhandel sind Formen des Produzenten- und des Konsumentenhandels ebenso wie des Kaufmannshandels. Produzenteneinzelhandel liegt vor, wenn ein Erzeuger seine Produkte an Konsumenten im Kleinen abgibt, Produzentengroßhandel, wenn der Verkauf im Großen erfolgt. Der Industriehandel z. B. ist fast ausschließlich Großhandel. Der Konsumentenhandel ist, soweit es sich um Einkäufe der Haushaltungen handelt, Konsumenteneinzelhandel. Konsumentengroßhandel ist der Verkauf der Konsumgenossenschaftszentralen an die Konsumvereine. Der Kaufmannshandel vollzieht sich ebenfalls als Einzel- oder als Großhandel. Einzelhandel treiben die Einzelhandlungen, Großhandel die Großhandlungen. Im Sprachgebrauch, vor allem auch der Wirtschaftspraxis, wird nun Einzelhandel und Einzelhandlung, Großhandel und Großhandlung in gleicher Bedeutung verwendet. Dagegen ist begrifflich dann nichts einzuwenden, wenn in den Fällen, in denen Einzelhandel und Großhandel nicht gleich Einzelhandlung und Großhandlung gemeint sind, durch einen Zusatz der Nichthandlungsfall erkennbar gemacht wird, also von Produzentengroßhandel, Konsumentengroßhandel usw. gesprochen wird. Einzelhandel bzw. Großhandel schlechthin is immer als Kaufmannseinzelhandel oder Einzelhandlung bzw. Kaufmannsgroßhandel oder Großhandlung zu verstehen. Die für den Einzelhandel bis in die Zeit nach demersten Weltkrieg hinein übliche Bezeichnung Kleinhandel war ein besserer Gegensatz zu Großhandel, führte jedoch immer wieder zur Vermengung der Begriffe Groß- und Kleinbetrie mit Großhandlung und Kleinhandlung. Großhandlung und Kleinhandlung sind die Fälle des selbständigen Groß- und Kleinhandels. Ein Großhandelsbetrieb kann natürlich sowohl Klein- wie Großwie Mittelbetrieb sein und ein Kleinhandelsbetrieb ebenfalls.
Nach der Bezahlungsform ergeben sich beim Handel die Formen des Kauf- und des Tauschhandels. Beim Kaufhandel wird Ware gegen Geld, beim Tauschhandel Ware gegen Ware gehandelt. Der Tauschhandel oder Baratthandel1) hat in seiner ursprünglichen Form in Zeiten des Warenmangels bzw. des Devisenmangels schon im bzw. nach dem ersten Weltkriege wieder eine gewisse Bedeutung erhalten (Kompensationsgeschäfte). Als Folge des zweiten Weltkrieges hat dann der Tauschhandel im innerdeutschen Verkehr, da eine Ordnung der Währungsverhältnisse bis Mitte 1948 ausblieb, großen Umfang erlangt.
Damit sind die Arten und Formen des Handels noch nicht annähernd ersdiöpft. Aber das Mitgeteilte reicht aus, den Bereich des Handels abzustecken. Handel ist Güteraustausch und damit Umsatzleistung. Unter Gütern sind hierbei beweglidie, zum Austausdi bestimmte Sachgüter, also Waren, gemeint. Der Handel mit Sachgütern ist also Warenhandel, oder, wi er auch bezeichnet werden könnte, Warenverkehr, Warenumsatz, Warenumschlag. Objekt des Handels können aber auch Dienstleistungen oder Rechte sein. Dieser Handel mit Dienstleistungen ist nicht Gegenstand der Untersuchungen, die das Institut für Handelsforschung durdiführt. Dessen Aufgabenbereich ist vielmehr der Handel mit beweglichen Sachgütern und umfaßt sowohl den angegliederten Handel der Produzenten un der Konsumenten wie den selbständigen der Handlungen.
1 Erich Köhler: Einzelhandel im Mittelalter, Stuttgart und Berlin 1938, S. 29., 1 Baratthandel oder Baraftohandel (ital. baratto = Tausch). Ausführlichere Beschreibung der Technik noch bei Carl Günther Ludovici : Grundriß eines vollständigen Kaufmanns- Systemi, 2. Aufl. Leipzig 1768 (Neudruck Stuttgart 1932) §§ 128/37. Neuere Darstellungen fehlen.
