Verkaufsautomaten für Lebensmitttel- und Tabakwareneinzelhandlungen
von Prof. Dr. Rudolf SeyffertIn der letzten Zeit werden vielerorts wieder Verkaufsautomaten eingeführt. Angesichts der Bedeutung dieser Vertriebsmöglichkeit für den betrieblichen Wettbewerb führte das Institut für Handelsforschung im Oktober 1949 bei seinen Betriebsvergleichsteilnehmern des Lebensmittel- und' Tabakwareneinzelhandels eine Rundfrage durch. 293 Lebensmittelhandlungen und 74 Tabakwarengeschäfte wurden gebeten, in kurzen Stichworten mitzuteilen, wie sie den Verkaufsautomaten für Tabakwaren und für Süßwaren vom Standpunkt ihres Betriebes aus beurteilen. Diese Frage wurde von 60%' der Lebensmittelgeschäfte gleich 176 Betrieben, und von 88% der Tabakwarengeschäfte,
gleich 64 Betrieben, beantwortet.
Die Beteiligungsziffern zeigen das größere Interesse des Tabakwarenfachhandels am Automatenverkauf. Von den 176 Meldungen des Lebensmitteleinzelhandels nehmen 151 auf den Süßwarenautomaten und 141 auf den Tabakwarenautomaten bezug.
Das Ergebnis der Befragung läßt erkennen, daß von den Einzelhändlern, die übrigens zu einem großen Teil in den Vorkriegsjahren Erfahrungen über den Verkaufsautomaten gesammelt haben, der Tabakwarenautomat günstiger beurteilt wird als der Süßwarenautomat. Für den Tabakwarenautomaten sprechen sich über die Hälfte aller Stellungnahmen aus, während den Süßwarenautomiten der größere Teil der Lebensmittelhändler ablehnt. Jedoch halten Vi. der zustimmenden Lebensmittelhändler und fast die Hälfte der zustimmenden Tabakwarenhändler die sofortige Aufstellung der Automaten für verfrüht. Für diese Einstellung wird als wichtigster Grund der Mangel an Hartgeld angeführt. Dann wird sowohl für Tabak wie für Süßwaren darauf hingewiesen, daß die für den Automatenverkauf erforderlichen Kleinpackungen noch fehlen. Der Tabakwarenhandel vertritt zum Teil die Meinung, man solle vor Aufstellung der Automaten die Neuregelung der Tabakwarenverbrauchssteuern abwarten, da sonst die durch die Preisveränderungen erforderliche technische Umstellung der Automaten zu viel Schwierigkeiten bereiten würde.
Aus der Reihe der Gründe, die für die Verwendung der Automaten angeführt werden, treten folgende besonders hervor: Die Lebensmittelhändler versprechen sich in erster Linie durch den Automatenverkauf außerhalb der normalen Geschäftszeit eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit. Beim Tabakwarenfachhandel tritt die Frage der Rentabilität des Automatengeschäftes mehr zurück Bei ihnen sieht man im Automatenverkauf in erster Linie die Möglichkeit, der Konkurrenz der ambulanten Händler, Verkaufsbuden und Gaststätte besser begegnen zu können. Der Lebensmittelhandel führt diesen Gesichtspunkt auch an, hält ihn aber nicht für den wichtigsten. Sehr häufig wird auch darauf hingewiesen, daß Verkaufsautomaten nur für Geschäfte in günstiger Verkehrslage, z. B. in Bahnhofsnähe, Hauptverkehrsstraßen usw., zweckmäßig seien.
Werden die Automaten verneint, dann vom Lebensmittelhandel zu einem höheren Prozentsatz als vom Tabakwarenhandel, denn beim Lebensmittelhandel sind Tabak- wie auch Süßwaren nur von geringerer Bedeutung. Die Gefahr des Diebstahls, des Einwurfs von Falschgeld, sowie die Zerstörung durch unsachgemäße Bedienung, vor allem durch Kinder, sind die Hauptgründe, die gegen den Verkauf durch Automaten angeführt wurden. Eine Reihe von Lebensmittelhändlern ist der Ansicht, die Kunden könnten ihren Bedarf nach Geschäftsschluß audi an anderen Stellen, wie Kiosken, Gaststätten usw. decken, wodurch sich der Automat erübrige. Diese Meinung wurde aber von den Tabakwarenhändlern so gut wie überhaupt nicht vertreten. Als Gegengrund werden auch die hohen Anschaffungskosten für Automaten angeführt, die keine Rentabilität erwarten lassen. Auch wird die Automatenaufstellung weitgehend für Geschäfte in Vororten, Randsiedlungen, Dörfern und Kleinstädten als unzweckmäßig angesehen. Für den Süßwarenautomaten wird noch besonders die Gefahr des Verderbs der Ware durch Witterungseinflüsse hervorgehoben. Die Lebensmittelhändler halten die persönliche Beratung und den Kontakt zwische Verkäufern und Kunden für den Süßwarenverkauf besonders notwendig und lehnen aus diesem Grunde den Automaten ab.
Die rege Beteiligung der Einzelhändler, sowie auch die begründeten und zum Teil ausführlichen Antworten, zeigten deutlich, daß der Einzelhandel die Frage des Automatenverkaufs mit Interesse verfolgt. Eine Auswertung aller Antworten auf ihre bejahende und verneinende Haltung zum Verkaufsautomaten ergab das in der nachfolgenden Tabelle 1 aufgeführte Bild. Die verschiedenen grundsätzlichen Ansichten werden in Prozenten der jeweils erteilten Antworten angegeben:
Tabelle 1
Grundsätzliche Stellungnahme der Lebensmittel - und der Tabakwarenhandlungen
zum Automaten
Die Fragestellungen, die sich aus den Verkaufsautomaten ergeben, sind nicht neu. Sie waren nach 1933 besonders aktuell, als im Zuge des Arbeitsbeschaffungsprogramms eine starke Förderung der Automatenindustrie einsetzte. Ein besonderes Automatengesetz vom 6. Juni 1934 regelte den Automatenverkauf. Mit der besonderen Frage des Tabakwarenautomaten hat sich die Dissertation von Dr. Franz Weyer beschäftigt, die aus dem Handelsseminar von Prof. Dr. Seyffert hervorging. Das Thema dieser Untersuchung lautete „Entwicklung und Struktur des deutschen Tabakwareneinzelhandels"; sie wurde 1940 in der Schriftenreihe des Instituts veröffentlicht. Besonderes Interesse verdienen die in dieser Arbeit angeführten Rentabilitätsberechnungen für den Außenautomaten für Tabakwaren. Diese Berechnungen stützen sich auf die Ergebnisse einer Rundfrage bei 490 Automatenbesitzern, die im Jahre 1937 veröffenlicht wurden.
Die Rentabilitätsberechnungen wurden getrennt nach den Anschaffungskosten der Automaten durchgeführt. Im Durchschnitt konnte festgestellt werden, daß 18% des Automatenumsatze während der allgemeinen Tagesverkaufszeiten, dagegen 82%: nach Ladenschluß getätigt wurden. Für die erste Gruppe der Automaten ergab die Umfrage, daß 97 Automaten, die bis zu 200 RM gekostet haben, einen Jahresumsatz von durchschnittlich 1528 RM erzielten. Nach Abzug der oben erwähnten 18% Tagesumsatz verbleibt ein geschätzter zusätzlicher Durchschnittsumsatz je Automat von 1253 RM. Für die Erfolgsrechnung wurde eine Lebensdauer der Automaten von drei Jahren zugrunde gelegt. Bei Berechnung einer entsprechenden Abschreibung, einer Verzinsung von 3/4% des Anlagewertes und eines angemessenen Kostensatzes für Licht, Reparaturen, Falschgeld usw. ergab sich für diese Gruppe der Automaten ein jährlicher Kostensatz von 109 RM. Zur Deckung dieser Kosten war unter Berücksichtigung eines damals üblichen Handelsrabattes von rund 1 % ein Mindestumsatz je Automat von 700 RM erforderlich.Es ergab sich nach Deckung aller Kosten damit ein gewinnbringender Umsatz von 55 3 RM als Differenz des zusätzlichenUmsatzes von 1253 RM zum erforderlichen Mindestumsatz von 700 RM. Dieser über den Mindestumsatz hinausgehende Umsatz von 553 RM brachte erst einen Gewinn, und zwar im Durchschnitt von 82.95 RM im Jahre. Für die einzelnen Gruppen errechnete Weyer in der am Automaten für 200 RM Anschaffungskosten dargestellten Weise die entsprechenden Zahlen, die in der Tabelle 2 zusammengestellt sind.
Aus der Tabelle 2 geht hervor, daß im allgemeinen bei Automaten bis zum Anschaffungswert von 300 bis 400 RM vor dem Kriege noch eine angemessene Verzinsung des Anlagekapitals erreicht werden konnte, während dies für Automaten mit höheren Anschaffungskosten nach den Berechnungen Weyers sehr in Frage gestellt waren. Dabei muß jedoch berücksichtigt werden, daß es sich bei den obigen Zahlen um Durchschnittswerte aus der Gesamtzahl der in die Berechnungen einbezogenen Automaten handelt. Tabakautomaten, die an einer günstigen Stelle, z. B. an einer Hauptverkehrsstraße, aufgestellt waren, konnten bessere Resultate erzielen. Eine Untersuchung zeigte z. B., daß ein sehr günstig gelegener Einzelhandelsbetrieb mit einer bedeutenden Automatenanlage so gute Ergebnisse erzielte, daß der Automatenverkauf fast ein Drittel des Gesamtumsatzes dieses Betriebes ausmachte.
