Ein neuer Index der Einzelhandelsumsätze
von Dr. Robert Nieschlag Das Ende der alten Indexziffer
Geraume Zeit hat es in Deutschland an einer Indexziffer für die Einzelhandelsumsätze gefehlt. Der früher vom Institut für Konjunkturforschung seit 1924 (monatlich) berechnete Index reicht bis Juli 1944. Danach brach die Berichterstattung der Betriebe, die Grundlage für die Indexberechnung, ab. Zudem wurde es mit den starken Veränderungen im Bestand, in der „Kapazität" des Einzelhandels, die durch die Bombardierung der Mehrzahl der größeren Städte, vor allem ihrer Geschäftszentren, und durch andere kriegsbedingte Umstände (Schließung von Betrieben infolge Einberufung zur Wehrmacht, Heranziehung auch zahlreicher weiblicher Kräfte für die Rüstungsindustrie und dgl.) hervorgerufen waren, immer fragwürdiger, ob der Index unter diesen Umständen die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes noch zuverlässig wiedergab1).
Die Wiederaufnahme der Erhebungen im Einzelhandel, also der regelmäßigen Befragung der Betriebe, sei es für die Zwecke der allgemeinen Wirtschaftsbeobachtung und der wirtschaftspolitischen Orientierung, sei es für die Selbstkontrolle und Beratung der Betriebe (Betriebsvergleich), hat nach dem Kriege verhältnismäßig lange auf sich warten lassen.
Die chaotischen Verhältnisse der ersten Nachkriegsjahre, der Warenmangel, die Veränderungen in den Absatzwegen durch Kompensation und Warentausch, die Belieferung gewisser Bevölkerungsschichten mit den verschiedensten Waren durch die um sich greifende Naturalentlohnung, die Bildung umfangreicher schwarzer Märkte außerhalb des eigentlichen Einzelhandels, u. v. a. ließen es nicht ratsam erscheinen, bereits zu dieser Zeit die statistische Zusammenarbeit mit den Betrieben wieder aufzugreifen. Unter den damaligen Verhältnissen konnte man kaum auf das nötige Interesse und die erforderliche Bereitwilligkeit der Praxis rechnen; vor allem aber waren kaum brauchbare Ergebnisse zu erwarten.Die Wiederaufnahme der Arbeiten nach der Währungreform
Erst mit der fortschreitenden Normalisierung der westdeutschen Wirtschaft nach der Währungsreform, der Rückkehr zu „Käufermärkten", der raschen Ausdehnung des Warenangebots und der Sortimente, dem Verschwinden der schwarzen Märkte, mit einem Wort: der Wiederkehr der üblichen Formen des Warenabsatzes und des Verkaufs konnte daran gedacht werden, die statistischen Untersuchungen im Einzelhandel wieder zu beginnen.
In gewisser Weise entsprach es der Entwicklung, die diese Arbeiten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen genommen hatten, daß dabei von zwei verschiedenen Seiten ausgegangen wurde, wobei dahingestellt bleiben soll, ob das gleichzeitige Bemühen verschiedener Stellen um etwa die gleiche Aufgabe zweckmäßig und der Sache förderlich war. Die Beobachtung und Untersuchung des Binnenhandels, die in der zweiten Hälfte der 20er Jahre unter ganz ähnlichen Gesichtspunkten und Zielsetzungen einerseits von der Konjunkturforschung, andererseits von der Handelsforschung eingeleitet worden war, hatte in der Folgezeit die Aufmerksamkeit und das wachsende Interesse der amtlichen Statistik erweckt und war mit Teilgebieten in ihren Bereich geraten. Arbeitsteilung und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Stellen (Institut für Konjunkturforschung bzw. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Forschungsstelle für den Handel beim RKW, Statistisches Reichsamt) sorgten aber dafür, daß die Sache, um die es ging, an dieser Vielgestaltigkeit des äußeren Rahmens keinen Schaden nahm.
So erklärt es sich, daß sich nach der Währungsreform Handelsforschung und amtliche Statistik zugleich der Beobachtung und Untersuchung des Einzelhandels in Westdeutschland annahmen. In enger Zusammenarbeit mit der inzwischen wiedererstandenen Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels widmete sich das Institut für Handelsforschung dem Wiederaufbau des Betriebsvergleichs in zahlreichen Handelszweigen, der auf der Ermittlung von Absatzhöhe und -bewegung, Zahl der Beschäftigten und Verkaufsleistungen, Wareneingang, Lagerhaltung und Umschlagshäufigkeit, Kostenhöhe und -gliederung, Kreditverkäufen und anderen wichtigen Merkmalen und Vorgängen beruht und über dessen Methode, Ziele und erste Ergebnisse in der ersten Nummer der „Mitteilungen" (vom 1. Nov. 1949) berichtet worden ist. Etwa zur gleichen Zeit, teilweise schon früher, gingen einige der Statistischen Landesämter (nach dem Zusammenbruch die wichtigsten Träger des statistischen Dienstes in Westdeutschland) daran, unter Fühlungnahme mit den regionalen Einzelhandelsverbänden die Einzelhandelsumsätze in ihrem Gebiet auf repräsentativer Grundlage kurzfristig (monatlich)zu erfassen; andere Länder folgten später.
Wachsendes Interesse an einem neuen Index
Alle diese Ermittlungen brachten zunächst nur Ergebnisse für einzelne Handelszweige (Branchen) und Betriebsformen, wobei übrigens die Systematik keineswegs einheitlich war. Das Bedürfnis nach einem zusammenfassenden Ausdruck vor allem für die Absatzentwicklung des Einzelhandels meldete sich schon früh. Da man aber nicht wußte, welchen Anteil die verschiedenen Zweige am gesamten Einzelhandelsumsatz eines Landes hatten und es für die Gewichtung der Reihen auch keine Ersatzgröße gab (etwa die Zahl der in den verschiedenen Handelszweigen Beschäftigten, von der man hätte ausgehen können), die bloße Addition der (auf repräsentativer Grundlage) erfaßten Umsätze der einzelnen Handelszweige zu primitiv war und offensichtlich zu falschen Vorstellungen von der Entwicklung und Lage des Einzelhandels führte, ließ sieh das Bedürfnis nach einer methodisch einwandfreien oder wenigstens vertretbaren Zusammenfassung der zahlreichen und häufig verwirrenden Einzelbewegungen des Umsatzes in den verschiedenen Handelszweigen zunächst nicht befriedigen. Zudem wurde mit der Bildung des Vereinigten Wirtschaftsgebiets und bald danach der Bundesrepublik das Interesse mehr und mehr auf Untersuchungsergebnisse gelenkt, die nicht nur ein Bild von der Lage des Einzelhandels in den Ländern, sondern in ganz Westdeutschland geben und geeignet sind, die inzwischen wieder aufgebauten Statistiken über andere wichtige Wirtschaftsvorgänge (wie Industrieproduktion, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Arbeitseinkommen, Zahlungsmittelumlauf, Preise und Lebenshaltungskosten u. ä.) zu ergänzen. Damit war die Frage gestellt, ob es möglich war, mit Hilfe der gegebenen Unterlagen wieder eine Indexziffer für die Einzelhandelsumsätze zu berechnen.
Entsprechend der oben dargestellten „Zweigleisigkeit' der statistischen Arbeiten über den westdeutschen Einzelhandel nach der Währungsreform ging man bei dem Versuch, diese Aufgabe zu lösen, sowohl von den Ermittlungen der Statistischen Landesämter als auch denen des Instituts für Handelsforschung aus. Die entscheidende Frage war dabei, wie man die Einzelreihen „gewichten" konnte, solange es an einer Berechnung der absoluten Höhe der Einzelhandelsumsätze nach Geschäftszweigen und Betriebsformen für Westdeutschland fehlt.
Die absolute Höhe der Umsätze wird im Einzelhandel allgemein durch Multiplikation der (auf repräsentativer Grundlage ermittelten) Umsatzziffern je Beschäftigten mit der Gesamtzahl der in den verschiedenen Zweigen des Handels tätigen Personen unter Heranziehung verschiedener Kontrollrechnungen gewonnen 2). Angaben über den Umsatz je Beschäftigten liegen für 1949 auf Grund der Ermittlungen des Instituts für Handelsforschung für eine Reihe von Handelszweigen zwar bereits vor; über die Gesamtzahl der im Handel Tätigen, die sich nach dem Kriege - vor allem durch die Einführung der Gewerbefreiheit in den Ländern der amerikanischen Zone und die Lockerung der Zulassungsbedingungen in den anderen Gebieten Westdeutschlands3) - stark erhöht hat, kann aber erst eine neue Arbeitsstätten-(Betriebs-)zählung, die im Laufe dieses Jahres durchgeführt werden soll, Auskunft geben4). Bis deren Ergebnisse vorliegen, muß versucht werden, auf anderen Wegen die Frage der Gewichtung der Einzelreihen für die Branchen und Länder zu lösen.
Die Indexziffer des Statistischen Amts des VWG
Ausgehend von den Ermittlungen der Statistischen Landesämter hat das Statistische Amt das Vereinigten Wirtschaftsgebietes (mit der Führung der Statistik für Bundeszwecke beauftragt) einen als vorläufig bezeichneten Index für die Einzelhandelsumsätze berechnet5). Dafür sind die Umsatzstatistiken von sechs Ländern des früheren Vereinigten Wirtschaftsgebietes herangezogen worden, nämlich Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hessen, Württemberg-Baden und Bayern. Wie bereits dargelegt, ging es dabei nicht darum, Indexziffern der Länder für die gesamten Einzelhandelsumsätze zu einem Index zusammenzufassen, der für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet als repräsentativ gelten konnte. Diese Aufgabe hätte sich verhältnismäßig leicht lösen lassen, indem man aus den Bevölkerungsziffern ein vorläufiges Wägungsschema abgeleitet hätte. Dieser Weg war aber verschlossen, da es Indexziffern für die Einzelhandelsumsätze der Länder nicht gab, sondern nur Reihen für einzelne Branchen. So mußte also sowohl für das fachliche als auch für das regionale Verhältnis der vorliegenden Umsatzreihen zueinander ersatzweise ein Ausdruck, ein Wägungsschema, gefunden werden. Das regionale Schema lieferten die Bevölkerungsanteile, das fachliche wurde unter Heranziehung der Ergebnisse der Unisatzsteuerstatistik zweier Länder, nämlich Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, für das erste Vierteljahr 1949 und der Verteilung der Einzelhandelsumsätze auf die einzelnen Warengruppen in den Jahren 1927 und 1931 im damaligen Reichsgebiet aufgestellt. Dieses Berechnungsverfahren, dessen bisherige Ergebnisse an anderer Stelle wiedergegeben sind, hat, außer der Umständlichkeit, den Nachteil, daß die laufenden Ergebnisse jeweils erst verhältnismäßig spät anfallen, da mit der Berechnung gewartet werden muß, bis die Umsatzerhebungen dieser sechs Länder allmonatlich ausgewertet sind.
Die neuen Indexziffern des Instituts für Handelsfoischung
(Warenabsatz und Warenbeschaffung)
Der Absatz
Nachdem das Institut für Handelsforschung im Rahmen des von ihm durchgeführten Betriebsvergleichs die Umsatz, oder genauer, die Absatzbewegung in einer größeren Zahl von Einzelhandelszweigen, darunter alle wichtigeren - laufend ermittelte, lag der Gedanke nahe, in Anlehnung an die früheren Indexberechnungen des
Instituts für Konjunkturforschung einen neuen Index der Einzelhandelsumsätze zu entwickeln, zumal sich der Kreis der berichtenden Betriebe über ganz Westdeutschland verteilt und demzufolge (im Gegensatz zu der Berechnung des Statistischen Amts des VWG) eine „regionale Wägung" nicht erforderlich ist, sondern nur die Frage der fachlichen Gewichtung gelöst zu werden brauchte. Die regionale Verteilung der am Betriebsvergleich beteiligten Betriebe ist zwar noch nicht als repräsentativ zu bezeichnen; sie entspricht also nicht unbedingt der tatsächlichen Verteilung. Die hieraus sich ergebenden Mängel können aber für die vorläufige Berechnung vernachlässigt werden, zumal die regionalen Unterschiede in der Umsatzentwicklung des westdeutschen Einzelhandels nach den bisherigen Erfahrungen nicht stark ins Gewicht fallen.
Verschiedene Überlegungen sprachen dafür, das fachliche Wägungsschema, das der Berechnung der früheren Indexziffer
des Instituts für Konjunkturforschung zugrundegelegt worden war, für eine vorläufige Berechnung des neuen Index ziemlich unverändert zu übernehmen, solange die erforderlichen Unterlagen für eine neue Ermittlung der absoluten Höhe der Einzelhandelsumsätze nach Warengruppen, Geschäftszweigen und Betriebsformen nicht vorliegen.
Der nach der Währungsreform gegebenen Nachfragestruktur entsprechend empfahl es sich, den Anteil von Nahrungs- und Genußmitteln sowie von Textilien und Bekleidung am Einzelhandelsumsatz vergleichsweise hoch anzusetzen. Diese beiden Warengruppen waren aber in dem früheren Index schon verhältnismäßig hoch bewertet 9). Der Index war nämlich schon in den 20er Jahren aufgestellt worden und aus Gründen der Kontinuität hatte man späteran der Berechnungsweise festgehalten. Die Erwägungen, die der Berechnung der neuen Indexziffer vorausgingen, führten daher praktisch zu dem gleichen Wägungsschema damals. Kurze Zeit später wurde diese Schätzung durch eine Untersuchung des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften bestätigt, das sich dabei teilweise ganz anderer Hilfsmittel bedient hat. Es erscheint daher nicht ungerechtfertigt, für die vorläufige Berechnung der Indexziffer dieses Wägungsschema zu verwenden. Innerhalb der vier Warengruppen mußten allerdings teilweise andere Reihen als früher für die Indexberechnung verwandt werden. So gibt es heute noch keine Umsatzstatistik der Warenhäuser, die früher besonders gut ausgebaut war. Heute sind die Warenhäusr nur in regionalen Statistiken der Einzelhandelsumsätze vertreten, werden aber dort in der Regel nicht gesondert ausgewiesen, sondern mit anderen Formen des Gemischtwarenhandels (den Kleinpreisgeschäften, den Konsumgenossenschaften und anderen Gruppen) zusammengefaßt. In Bayern allerdings werden im Rahmen der Umsatzstatistik des Statistischen Landesamtes die Warenhäuser für sich geführt und ihre Umsätze dabei in ähnlicher Weise gegliedert wie dies früher geschah.
Selbstverständlich läßt sich darüber streiten, ob die Einordnung der einzelnen Handelszweige in die vier Hauptgruppen nach dem oben wiedergegebenen Schema unter allen Umständen zweckmäßig ist. So könnte man beispielsweise daran denken, die Drogerien, deren Sortiment sich besonders auf dem Lande und in kleinen Städten in vielfältiger Weise mit dem der Lebensmittelgeschäfte überschneidet, der Gruppe Nahrungs- und Genußmittel zuzuordnen. Da die Berechnung der Indexziffer jedoch weitgehend an frühere Gepflogenheiten anknüpfen sollte und später eine Neuberechnung schon deswegen vorgenommen werden muß, um solche Handelszweige zu berücksichtigen, die erst später den Betriebsvergleich aufgenommen haben (z. B, die Buchhändler, die Photogeschäfte usw.), wurde das vorstehende Wägungsschema gewählt.
Im übrigen hat sich die Gliederung der einzelnen, teilweise recht heterogenen Einzelhandelszweige nach den vier Hauptgruppen (Nahrungs- und Genußmittel, Textilien und Bekleidung, Hausrat und Wohnbedarf, Sonstiges) bei früheren Arbeiten so bewährt und so weite Verbreitung gefunden, daß es sich empfahl, auch daran festzuhalten.
Der Vergleich der beiden Indexziffern
Ein Vergleich der vom Institut für Handelsforschung berechneten Indexziffer des Einzelhandelsabsatzes mit der
gleichfalls vorläufigen Berechnung des Statistischen Amtesdes Vereinigten Wirtschaftsgebietes, die zur Zeit erst bis November vorigen Jahres vorliegt, zeigt - wie das nebenstehende Schaubild 1 erkennen läßt, daß beide seit Dezember 1948 fast den gleichen Verlauf genommen haben.
Von ganz verschiedenen Unterlagen ausgehend, ist man also auf verschiedenen Wegen zu nahezu den gleichen Ergebnissen gelangt.
Einen weiteren Versuch, eine Indexziffer für die Bewegung der Einzelhandelsumsätze im Vereinigten Wirtschaftsgebiet zu berechnen, hat übrigens das Institut für Wirtschaftsforschung, München, auf Grund der Umsatzstatistiken für die Länder Nordrhein-Westfalen, Bayern und Württemberg-Baden gemacht; mit Hilfe der bayerischen Ermittlungen, mit denen bereits 1948 begonnen worden war, ist die Umsatzentwicklung bis zur Währungsreform zurückverfolgt worden10), was deswegen erlaubt schien, weil die Umsatzbewegungen in den genannten drei Ländern kaum voneinander abwichen. Bei dieser Berechnung, die später wieder aufgegeben worden ist, als das Statistische Amt des Vereinigten Wirtschaftsgebiets die auf breiterer Basis errechnete Indexziffer (5 Länder) veröffentlichte, wurde als regionales Wägungsschema ersatzweise das Umsatzsteueraufkommen im 1. Halbjahr 1949 herangezogen (bei Verwendung der Bevölkerungszahlen wäre man nicht zu wesentlich anderen Ergebnissen gekommen); hinsichtlich des fachlichen Wägungsschemas wurde auf Vorkriegszahlen zurückgegriffen, die im Hinblick auf inzwischen eingetretene Preisveränderungen korrigiert wurden.
Ein Vergleich dieser Berechnung mit der des Statistischen Amtes des Vereinigten Wirtschaftsgebiets zeigt eine fast vollständige Übereinstimmimg der Bewegungen, was freilich nicht überraschend ist, da beide Versuche von etwa der gleichen Materialbasis ausgehen.
Die weitgehende Übereinstimmung aller dieser Berechnungen (Tabelle und Schaubild 2) bestätigt von neuem die aus früheren Untersuchungen bekannte Homogenität der Betriebsverhältnisse im Einzelhandel. Welcher der beiden Indexziffern - der des Statistischen Amtes oder des Instituts für Handelsforschung - man den Vorzug zu geben hat, läßt sich im Hinblick auf den kurzen Beobachtungs- und Vergleichszeitraum kaum entscheiden. Immerhin dürfte es ein nicht unwichtiger Vorteil des vom Institut für Handelsforsdiung eingesdilagenen Weges sein, daß er sehr kurz ist, kaum zusätzlichen Aufwand erfordert und die laufenden Ergebnisse schon verhältnismäßig früh, jeweils um die Monatsmitte bzw. am Monatsende für den Vormonat, bereitstellt.
Eine Verbindung zwischen dem „alten" und dem „neuen" Index?
Nach aller Erfahrung wird von den zu erwartenden zahlreichen Interessenten an der neuen Indexziffer schon bald die Frage gestellt werden, ob es nicht möglich sei, die Bewegungen weiter zurückzuverfolgen, da die neuen Reihen vorerst noch kurz sind. Für die verschiedensten Zwecke der Wirtschaftspraxis wie der Forschung, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, sind lange Zeitreihen, die über weite Perioden führen, dringend erwünscht.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Berechnung der Einzelhandelsumsätze auf Grund der Umsatzsteuerstatistik, die zunächst nur für 3 Länder der britischen Zone vorliegt, einen gewissen Aufschluß über die Entwicklung vor der Währungsreform bringen wird; allerdings bedarf es noch der Klärung, ob die Umsatzsteuerstatistik die Einzelhandelsumsätze ausreichend erfaßt hat und die Bewegung zuverlässig wiederzugeben vermag.
Eine andere, methodisch nicht uninteressante Frage ist es, ob es möglich sein wird, eine Verbindung zwischen der früheren, vom Institut für Konjunkturforschung berechneten Indexziffer der Einzelhandelsumsätze und dem neuen Index herzustellen. Der frühere Index bezog sich zwar auf das sog. alte Reichsgebiet; die Bewegung der Einzelhandelsumsätze in Westdeutschland dürfte aber damals kaum wesentlich anders gewesen sein als im Durchschnitt des früheren Reichs, so daß der Versuch gewagt werden könnte, eine Umsatzreihe zu konstruieren, die die Bewegung der Einzelhandelsumsätze von Anfang 1924 bis zur Gegenwart, allerdings mit einer Unterbrechung von Mitte 1944 bis 1948, wiedergibt. Je nach der Brauchbarkeit der erwähnten Ergebnisse der Umsatzsteuerstatistik könnte diese Unterbrediung sogar verkürzt werden. Da beabsichtigt ist, den Umsatz der heute an der Berichterstattung des Instituts für Handelsforschung beteiligten Betriebe in einem der Vorkriegsjahre (am besten 1936 und 1938) zu erfragen, kann das Verhältnis zwischen dem Umsatz der Vorkriegszeit und dem des Jahres 1949 ermittelt und damit eine statistische Verbindung zwischen den beiden
Indexziffern hergestellt werden. Doch darf dabei ein überaus wichtiger Einwand nicht übersehen werden: Die Berechnung der Indexziffern für die Umsatzbewegung geht — wie kaum anders möglich — von einem bestimmten Kreis von Betrieben aus, die laufend ihre Ziffern zur Verfügung stellen. Ist dieser Kreis groß genug, so daß die Bewegung, die sich aus seinen Ziffern ergibt, als repräsentativ für das Ganze angesehen werden kann — was bei der häufig erwiesenen Gleichartigkeit der Betriebsverhältnisse im Einzelhandel in der Regel schon bei einer verhältnismäßig kleinen Zahl gut ausgewählter Berichterstatter angenommen werden darf —, so stellen sich einer Beobachtung der Umsatzbewegungen auf kurze Sicht kaum Schwierigkeiten entgegen. Ganz anders aber, wenn im Laufe eines längeren Zeitraums ins Gewicht fallende Änderungen im Bestand, in der „Kapazität" des Handels eintreten, wie dies beispielsweise gegen Ende des Krieges der Fall war, worauf eingangs bereits hingewiesen wurde. Handelte es sich damals um eine Schrumpfung des sog. „Handelsapparates", so ist nach dem Kriege, vor allem seitdem die Beschränkungen des Zuganges zum Einzelhandel teils aufgehoben, teils gelockert worden sind, eine starke Ausdehnung erfolgt. Es ist daher fraglich, ob unter diesen Verhältnissen die Indexziffer (die auf den Angaben eines im wesentlichen gleichbleibenden Firmenkreises beruht) die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes überlange Fristen noch zuverlässig wiederzugeben vermag. Diese Frage läßt sich erst klären, wenn auf Grund der Ergebnisse der nächsten Arbeitsstättenzählung eine Neuschätzung der absoluten Höhe der Einzelhandelsumsätze vorgenommen werden kann, die — wie bereits erwähnt — auch in anderem Zusammenhang (neues Wägungsschema) für die Berechnung der Indexziffer der Einzelhandelsumsätze wichtig ist.
Die Warenbeschauffung
Da im Rahmen des vom Institut für Handelsforschung durchgeführten Betriebsvergleichs allmonatlich auch Angaben über den Wareneingang anfallen (und zwar von den gleichen Betrieben, die die Angaben über den Umsatz machen), war es ein reizvoller Gedanke, auch einen Index für die Entwicklung der Warenbeschaffung zu berechnen, um auf diese Weise eine klare und eindeutige Vorstellung von der Dispositionsweise des Einzelhandels zu erlangen. Methodisch wurde dabei in der gleichen Weise vorgegangen wie bei der Berechnung der Indexziffer für den Absatz. Es wurde also dasselbe Wägungsschema verwandt wie dort, was deswegen statthaft ist, weil die Wareneingangsziffern
der verschiedenen Handelszweige etwa im gleichen Verhältnis zueinander stehen wie die Absatzziffern.
Unterschiede, die sich aus der in den einzelnen Branchen verschiedenen Höhe der Handelsspanne ergeben, konnten (zumal bei der vorläufigen Berechnung des Index) vernachlässigt werden.
Die Berechnung der Indexziffer für den Wareneingang bedeutet einen Fortschritt gegenüber dem Stand der Einzelhandelsstatistik und Einzelhandelsbeobachtung vor dem Kriege. Damals lagen zwar Angaben über den Wareneingang für verschiedene Einzelhandelszweige vor; es gelang aber nicht, daraus eine Indexziffer zu berechnen. Vor allem war es bei dem damaligen Stand der Statistik nicht möglich, einen Index aufzubauen, der mit der Indexziffer für den Umsatz voll vergleichbar gewesen wäre.
Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang übrigens noch darauf, daß parallel zu der vom Statistischen Amt des VWG errechneten Indexziffer des Einzelhandelsabsatzes ein Index für den Wareneingang nicht erstellt werden kann, weil sich die Erhebungen der Statistischen Landesämter
auf den Umsatz (Absatz) beschränken.
Warenabsatz und Warenbeschaffung im Einzelhandel 1949
Das nebenstehende Schaubild 3 zeigt die Ergebnisse der (vorläufigen) Indexberechnungen für Warenabsatz und -beschaffung im westdeutschen Einzelhandel von Dezember 1948 bis Januar 1950). Gewiß müssen auf längere Sicht - wie sich von selbst versteht - Warenabsatz und Warenbeschaffung im Handel in Einklang miteinander stehen. Für die laufende Wirtschaftsbeobachtung, für Diagnose und Prognose ist aber die Kenntnis der kurzfristigen Abweichungen zwischen Absatz und Wareneingang von größtem Wert, weil man daraus schließen kann, ob der Handel seine Dispositionen verstärkt, sich abwartend verhält oder die Auftragserteilung und damit seine finanziellen Verpflichtungen sowie die Lagerhaltung bewußt vermindert, Gerade in dieser Beziehung war die Entwicklung im vergangenen Jahr recht interessant: Die im Schaubild wiedergegebenen Ergebnisse der Indexberechnungen lassen deutlich erkennen, daß der Einzelhandel unter dem Eindruck der vorsichtigen Einkaufsweise der Verbraucher zu Beginn des vorigen Jahres (eine natürliche Reaktion auf die teilweise stürmischen Hausse-Erscheinungen im ersten Halbjahr nach der Währungsreform) im Frühjahr und Sommer 1949 mit seinen Einkäufen zurückgehalten hat, nachdem in den ersten Wochen und Monaten des Jahres
noch ein verhältnismäßig hoher Wareneingang zu verzeichnen war, der aus 1948 erteilten Aufträgen herrührte. Erst als gegen Ende des Sommers (etwa mit den Sommerschlußverkäufen) der Absatz wieder lebhafter wurde, weil man mit einem weiteren ins Gewicht fallenden Preisrückgang nicht mehr glaubte rechnen zu können und die Dringlichkeit des Warenbedarfs beim Konsumenten wieder ihr Recht forderte, nahmen auch Auftragserteilung und Wareneingang des Einzelhandels wieder und zwar recht lebhaft zu.
Diese Bewegungen sind beim Einzelhandel mit Nahrungsund Genußmitteln nur schwach ausgeprägt, weil infolge des raschen Umschlags der meisten Waren in diesem Bereich die Dispositionen nach dem Prinzip „von der Hand in den Mund" erfolgen. Erheblich stärker treten die Unterschiede in der Dispositionsweise bei den anderen Warengruppen hervor, besonders deutlich bei Hausrat und Wohnbedarf.
Tiefere Einblicke werden sich gewinnen lassen, wenn die Beobachtung von Absatz und Beschaffung- über einen längeren Zeitraum fortgesetzt wird, weil man dann auch die saisonalen Unterschiede zwischen den beiden Bewegungen wird klarer erkennen können. Auf jeden Fall bieten die beiden Indexziffern gerade im Vergleich miteinander schon heute so wichtige Erkenntnismöglichkeiten, daß sie künftig die Grundlage für die laufende Berichterstattung des Instituts für Handelsforschung über die Umsätze im Einzelhandel bilden sollen.
