Home | 1950 | 1950-12-15 | Der Umsatzrhythmus im Groß- und Einzelhandel

Der Umsatzrhythmus im Groß- und Einzelhandel

von Prof. Dr. Rudolf Seyffert
Im Rahmen der Betriebsvergleichsarbeiten des Instituts für Handelsforschung findet auch die Beobachtung der monatlichen Umsatzentwicklung der beteiligten Firmen besondere Beachtung. Dabei ist der Umsatz im weiteren Sinne zu verstehen, d.h. als Oberbegriff für Warenbeschaffung und Warenabsatz. Es handelt sich dabei also um die gesamte Umschlagstätigkeit eines Betriebes sowohl auf der Einkaufs- als auch auf der Verkaufsseite.
Untersuchungen über die Umsatzentwicklung können sowohl volkswirtschaftlichen als auch betriebswirtschaftlichen Zielen dienen. Die Statistischen Ämter im Bundesgebiet beispielsweise beobachten mit Hilfe einer Repräsentativerhebung die Absatzentwicklung des Einzelhandels, um daraus auf die volkswirtschaftliche Gesamtentwicklung zu schließen. Eine Absatzbeobachtung des Großhandels wird jedoch von den statistischen Ämtern nicht durchgeführt. Die im Rahmen der Betriebsvergleichsarbeiten des Instituts für Handelsforschung vorgenommene laufende Ermittlung der Umsatzentwicklung, die sich sowohl auf die Beschaffungs- als auch auf die Absatzseite erstreckt, verfolgt in erster Linie den Zweck, die Situation der am Betriebsvergleich beteiligten Firmen zu klären. Je gleichartiger die dabei erfaßten Betriebe ihrer Struktur nach sind, desto größer ist der Erkenntniswert für den einzelnen teilnehmenden Betrieb. Er gewinnt dadurch Unterlagen darüber, wie sich die eigene Umsatzleistung zu der Durchschnittsleistun der am Betriebsvergleich beteiligten Firmen verhält. Daraus können wichtige Schlüsse gezogen werden, beispielsweise ob die Saison richtig ausgenutzt wird und ob man der allgemeinen Entwicklung der Umsätze folgt oder darüber bzw. darunter liegt. Das Schwergewicht dieser Umsatzbeobachtung lieg demnach bei der betrieblichen Auswertung.
Durch die Zusammenfassung verschiedener Branchen gewinnt jedoch auch das Institut an Hand "der Betriebsvergleichszahlen einen Umsatzindex, der Rückschlüsse auf die volkswirtschaftliche Gesamtentwicklung zuläßt. Beim Betriebsvergleich des Einzelhandels berechnet das Institut einen Gesamtindex, der in der Tendenz weitgehend mit demjenigen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden übereinstimmt1). Wenn auch der Absitzindex des Statistischen Amtes durch die wesentlich größere Teilnehmerzahl zweifellos eine bessere Repräsentation erzielt als der des Institutes, so 'haben andererseits die Indexberechnungen des Institutes den Vorteil, daß sie nicht nur die Absatzentwicklung erfassen, sondern auch die Beschaffungsentwicklung. Durch die Beobachtung der betrieblichen Umsatzleistung nach diesen beiden Seiten ergibt sich zudem die Möglichkeit, durch mehrere Wirtschaftsbeteiche hindurch die Gesamtentwicklung zu verfolgen. Über die Ergebnisse dieser Umsatzbeobachtung im Bereich des Groß- und Einzelhandels soll hier für die beiden wichtigsten Zweige des Handels mit Konsumgütern, den Lebensmittelhandel und den Textilhandel, berichtet werden. Zugrunde gelegt werden dazu die Betriebsvergleichszahlen des Textilgroßhandels, des Textileinzelhandels, des Großhandels der Einkaufsgenossenschaften des Lebensmittelhandels und des Lebensmitteleinzelhandels,
Die Diagramme 1 bis 3 zeigen die Absatzkurve des Großhandels sowie die Beschaffungskurve des Einzelhandels für den Lebensmittelhandel, den Textilhandel mit Meterwaren und den Textilhandel mit Sortimenterwaren, Die Besehaffungskurven des Einzelhandels und die Absatzkurven des Großhandels stimmen in ihrer Entwicklung im Lebensmittelhandel (Diagramm 1) und im Textilhandel mit Sortimenterware (Diagramm 2) weitgehend überein, Abgesehen von nur geringfügigen Abweichungen im Kurvenbild verläuft die Entwicklungstendenz grundsätzlich parallel. Im Textilhandel mit Meterwaren (Diagramm 3) liegen zwischen beiden Kurven etwas stärkere Abweichungen vor. Es ist zu berücksichtigen, daß die erfaßten Betriebe des Groß- und Einzelhandels zumeist nicht im direkten Lieferanten- und Kundenverhältnis zueinander stehen und sich daraus gewisse Abweichungen ergeben können. Weitere Abweichungen sind zweifellos auch darin begründet, daß zumal im Textilhandel ein großer Teil der Waren unmittelbar beim Fabrikanten beschafft wird, dessen Absatzkurve liier nicht berücksichtigt ist. Die trotz dieser Gegebenheiten weitgehende Übereinstimmung der beiden Kurven ist zweifellos auch als Beweis für die zutreffende Beobachtung der Umsatzentwicklung an Hand der Betriebsvergleichszahlen anzusehen. Eine weitere Erkenntnis, die sich aus der Beobachtung der Kurven ergibt, ist die, daß der Handel - und zwar sowohl der Großhandel als auch der Einzelhandel - durch die starken Umsatzschwankungen besonderen Schwierigkeiten bei seinen betrieblichen Dispositionen gegenübersteht. Es zeichnet sich deutlich die besonders hohe Spitze der Geschäftsentwicklung im Herbst, sowie eine kleinere Spitze im Frühjahr ab. Daraus ergeben sich negative Einwirkungen auf die Kostengestaltung der beteiligten Firmen, da sich die betriebliche Leistung zwangsläufig sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Monate des Jahres verteilen muß. Ferner läßt sich erkennen, wie hoch der Finanzierungsbedarf gerade zu gewissen Zeiten des Jahres ist, etwa im Hinblick auf die besonders hohe Herbst- und Weihnachtsspitze. Zeigen die Diagramme 1 bis 3 die nicht weiter bemerkenswerte Übereinstimmung von Warenbeschaffung des Einzelhandels und Warenabsatz des Großhandels, so sollen die beiden nächsten Diagramme 4 und 5 den Vergleich von Warenbeschaffung und Warenabsatz des Großhandels ermöglichen. Dabei läßt sich die beachtlich Feststellung treffen, daß mit ganz wenigen Ausnahmen die Warenbeschaffungs- und Warenabsatzkurven parallel verlaufen. Es zeigt sich damit deutlich, daß der Textilgroßhandel im Laufe des Jahres 1949 die in normalen Zeiten übliche Lagerfunktion noch nicht wieder im größeren Umfange ausüben konnte. Es läßt sich daran die kurzfristige Lagerdauer und die damit verbundene hohe Umschlagsgeschwindigkeit deutlich erkennen. Daneben spiegeln die beiden Kurven auch die besondere wirtschaftliche Situation des Jahres 1949 wider. Wen in den ersten 8 Monate in keinem Falle der Wert 100 (=Durchschnittsmonat 1949) erreicht werden konnte, so liegt das einerseits an der in der ersten Jahreshälfte noch schwierigen Warenbeschaffung und Warenknappheit, sowie andererseits aber auch an den vorsichtigen Dispositionen im Hinblick auf die zunächst noch ungewisse Absatzlage. Leider sind aus der Vorkriegszeit keine exakten Vergleichszahlen vorhanden. Aber einige Angaben aus der damaligen Zeit lassen doch erkennen, daß die Frühjahrsspitze des Absatzes im Jahre 1949 wesentlich niedriger lag als in der Vorkriegszeit, während die bedeutendste Spitze zum Jahresende sich 1949 stärker bemerkbar machte als früher.
Auch die Feststellung, in welchem Verhältnis Warenbeschaffung des Großhandels und des Einzelhandels zueinander stehen, dürfte von Interesse sein. Der Großhandel bezieht die Waren fast ausschließlich vom Hersteller, der Einzelhandel hingegen läßt sich nur zum Teil (bei den Betriebsvergleichsteilnehmen ist es der größere Teil) vom Fabrikanten beliefern, zum Teil beschafft er seine Waren über den Großhandel. Die Diagramme 6 und 7 zeigen diese beiden Beschaffungskurven. Auch hier ist eine weitgehende Parallelität festzustellen. Auffällig sind jedoch die stärkeren Einkaufsdispositionen des Einzelhandels im Frühjahr, sowie die im Vergleich mit dem Großhandel wesentlich schwächeren in den Sommermonaten. Abgesehen von Juli und August ergibt sich für den Großhandel aus diesen Kurven kein Einkauf, der in seinem zeitlichen Ablauf erheblich vor dem Absatz des Einzelhandels liegt, wie man ihn aus den früheren Jahren gewohnt ist. Somit läßt sich auch hier der weitgehende Verzicht auf längere Lagerung im Laufe des Jahres 1949 erkennen. Die zwei letzten Diagramme 8 und 9 erfassen die beiden Kurven, die im Rahmen der Umsatztätigkeit der beiden Wirtschaftsbereiche des Groß- und Einzelhandels am stärksten voneinander abweichen müssen; einmal die Beschaffungskurve des Großhandels und zum anderen die Absatzkurve des Einzelhandels. In Zeiten normaler wirtschaftlicher Entwicklung werden sich zwischen diesen Kurven auf Grund der Lagerhaltung des Großhandels sowie des Einzelhandels ziemlich starke Unterschiede ergeben. Im Gegensatz dazu lassen die Ergebnisse des Jahres 1949 bemerkenswerterweise auch hier eine ziemlich weitgehende Übereinstimmung des Ablaufes erkennen. Gerade aus diesem Vergleich ergibt sich besonders deutlich, wie kurzfristig im Bereich des gesamten Textilhandels disponiert werden mußte und wie wenig die ganze Umsatztätigkeit auf längerer Lagerdauer beruhte. Der saisonbedingte Rhythmus brachte hier in den Vorkriegsjahren deutlich einen ziemlichen Abstand zwischen den Kurven des Großhandels und des Einzelhandels mit sich. Ansätze dazu lassen sich allerdings auch an den hier wiedergegebenen Kurven erkennen. Bei den Textilsortimentern (Diagramm 8) sieht man beispielsweise im Januar und Februar eine gewisse Vordisposition des Großhandels für das Frühjahrsgeschäft," während im Monat April, dem Höchststand des Frühjahrsabsatzes beim Textileinzelhandel, die Beschaffungskurve des Großhandels wieder stark zurückgeht. Einer weitgehenden Übereinstimmung der Kurven in den Monaten. Mai bis Juli folgt in den Monaten August bis November ein deutlicher Vorsprang der Beschaffungskurve des Textilgroßhandels vor der Absatzkurve des Einzelhandels. Man erkennt also hier die Vorbereitungen für das Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels. Im Textilgroßhandel mit Meterwaren (Diagramm 9) ist der Verlauf der beiden Kurven nicht ganz so einheitlich. Insbesondere zeigt sich hier eine Zurückhaltung in der Warenbeschaffung in den ersten beiden Monaten des Jahres dafür aber stärkere Einkäufe in den Hochsommermonaten, die im Gegensatz zu denen der Sortimenter wesentlich über die Absatzkurve des Einzelhandels hinausgehen. Die vorsorgliche Warenbeschaffung des Großhandels mit Meterwaren für das Weihnachtsgeschäft erreicht bereits im Oktober ihren Höhepunkt, im Gegensatz zu den Sortimentern, die erst im November ihre Spitze erreichen. Es ist weiter nicht verwunderlich, daß im Weihnachtsmonat Dezember die Absatzkurve des Einzelhandels weit über die Beschaffungskurve des Großhandels hinausgeht, da der Großhandel ja schon in den Vormonaten seine Hauptlieferungen bezogen hat.
Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die sorgfältige Beobachtung des Umsatzablaufes nicht nur des eigenen Betriebes, sondern auch der Vergleichszahlen gleichgelagerter Finnen für jede Betrieb von besonderer Bedeutung ist. Vor allem in Zeiten schwankender wirtschaftlicher Entwicklung stellt es für jeden Betrieb ein wertvolles Hilfsmittel dar, an Hand der Betriebsvergleichsergebnisse Kontrollzahlen und Orientierungspunkte zu gewinnen. Natürlich ist es nicht mit der Beobachtung der Umsatzentwicklung allein getan, sondern es müsse andere wichtige Betriebsvergleichszahlen, so z. B. über die Kosten und die Personalleistung, hinzutreten, um eine abgerundete Auswertung der Betriebsvergleichszahlen zu ermöglichen.
Die vorstehenden Ausführungen lassen weiterhin erkennen, welche Vorteile sich daraus ergehen, wenn die Betriebsvergleichsarbeiten nicht nur für einzelne Handelszweige durchgeführt werden, sondern sich darüber hinaus zur Vervollständigung des Bildes lättgsschnittartig über die beiden großen Bereiche des Handels erstrecken. Das Institut für Handelsforschung ist bemüht, diesen Gesichtspunkten durch die Bearbeitung der Betriebsvergleichszahlen in seiner Groß- und Einzelhandelsabteilung besonders Rechnun zu tragen. Es wäre wünschenswert, daß neben der bereits realisierten vollständigen Erfassung des Einzelhandels auch im Großhandel die Betriebsvergleichsarbeiten noch eine stärker Ausdehnung erfahren würden.


1 1) Veröffentlicht bei Otto Ohlendorf, Der deutsche Binnenhandel, Berlin 1942, S. 28. Ohlendorf war Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Handel.1) Siehe Nr. 3 der Institutsmitteilungen vom 1. 4. 1950, die eine ausführliche Beschreibung des Einzelhandelsindex des Instituts für Handelsforschung enthalten.
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