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Die Kreditsituation des Einzelhandels

von Prof. Dr. Rudolf Seyffert
Die im Juli und Dezember 1949 unter den Teilnehmern des Betriebsvergleichs des Einzelhandels zum ersten Male durchgeführten Umfragen nach der Höhe der Kreditverkäufe und
Außenstände werden seit Beginn dieses Jahres in vierteljährlichen Abständen regelmäßig wiederholt. Die Ergebnisse der beiden Befragungen im vergangenen Jahre wurden in Nr. 1 und 3 der Institutsmitteilungen veröffentlicht. Nunmehr liegen auch die Ergebnisse der Erhebungen in den Monaten März, Juni und September 1950 vor. In den drei Monaten berichteten jeweils rund 1500 Einzelhandeisgeschäfte aller wichtigen Branchen aus dem Bundesgebiet über den Umfang ihrer Kreditgeschäfte; das ist der überwiegende Teil aller im Betriebsvergleich erfaßten Firmen. Die rege Beteiligung der Firmen ist ein Beweis für das allgemeine Interesse, das der laufenden Untersuchung der Kreditsituation des Einzelhandels entgegengebracht wird.
Im Unterschied zu den Ergebnissen von 1949 erfolgt 1950 die Ermittlung der Durchschnittswerte für den gesamten Einzelhandel mit Hilfe einer neuen Berechnungsmethode. Wie auch bei der Errechnung des Index der Einzelhandelsumsätze wird ab 1950 das Wägungsschema des Einzelhandelsindex zugrunde gelegt, um das tatsächliche Kreditvolumen und die wirkliche Höhe der Außenstände zu erfassen. Die Gewichtung richtet sich nach dem Anteil der einzelnen Waren und Warengruppen am Gesamteinzelhandelsabsatz. Das hierzu benutzte Wägungsschema wurde in der Nr. 3 der Mitteilungen vom 1. April 1950 auf Seite 3 veröffentlicht.
Vergleichszahlen erhalten im allgemeinen ihren vollen Wert erst dann, wenn sie über längere Zeiträume hinweg festgestellt werden. So lassen sich auch jetzt aus dem Vergleich der Kreditsituation zu verschiedenen Zeitpunkten wesentlich instruktivere Schlüsse ziehen als aus einer einmaligen Beobachtung der Kreditverhältnisse. Bei der Gegenüberstellung der Ergebnisse in den Vergleichsmonaten zeichnen sich z. T. recht interessante Entwicklungstendenzen ab, wenn auch entsprechend der Eigenart der Branchen das Ausmaß der Kreditgewährung und damit auch der Umfang der Außenstände am Gesamtkreditvolumen ziemlich konstant bleiben. Die Ergebnisse lassen erkennen, daß die Kreditgewährung in verschiedenen Branchen einen beachtlichen Umfang angenommen hat. An erster Stelle stehen die Branchen mit Waren des langfristigen Bedarfs, deren Anschaffung mit größeren Geldausgaben verbunden ist. So ist in allen Monaten der Anteil der Kreditverkäufe am Gesamtumsatz bei den Geschäften mit Büromaschinen, Büromöbeln und Organisationsmitteln mit 70 bis 85% am höchsten. Es folgt der Möbeleinzelhandel mit über 50%, mehr als 40% haben in allen Monaten die Eisenwaren und Hausratgeschäfte, der Papier-, Bürobedarf- und Schreibwarenhandel und der Sortimentsbuchhandel. Beim Fahrradeinzelhandel beträft der Anteil rund 30%. In den Branchen mit Gütern langfristiger Nutzung erfolgt die Kreditgewährung in der Regel in Form des Teilzahlungs- oder Ratengeschäftes. Außer den erwähnten Geschäftszweigen gehören dazu auch die übrigen Branchen des Hausrat- und Wohnbedarfs und die Textil- und Schuhgeschäfte.
Der Verkauf auf der Grundlage des Teilzahlungsgeschäftes ist rechtlich geregelt, im Gegensatz zu der anderen Form der Krediteinräumung, dem Borgsystem. Obwohl es wegen seines unsicheren Charakters und der großen Verlustgefahr von vielen Kaufleuten abgelehnt wird, ergibt sich dennoch in verschiedenen Branchen ein verhältnismäßig hoher Prozentsatz der Borggeschäfte an den Gesamtverkäufen. So wurden bei den Lebensmittelgeschäften in den Monaten März, Juni und September 1950 durchschnittlich 6 bis 7% des Umsatzes angeschrieben. Auch bei den Drogerien lagen die Verhältnisse ähnlich. Beim Tabakwarenhandel ist dagegen das Borggeschäft fast gar nicht üblich, und mit 0,5 bis 1% sind die Kreditverkäufe hier fast bedeutungslos.
Nachdem die Kreditumsätze bereits 1949 von Juli zu Dezember stark angestiegen waren, erhöhten sie sich weiterhin in den beiden ersten Quartalen 1950, so daß sie im Juni im Durchschnitt des gesamten Einzelhandels 14% des Monatsabsatzes ausmachten. Die Entwicklung in den einzelnen Branchen war von März bis Juni z. T, unterschiedlich, jedoch war in den meisten Geschäftszweigen entsprechend der Gesamtentwicklung ein weiterer Anstieg festzustellen. Dagegen gingen in vielen Branchen die Kreditverkäufe im September wieder leicht zurück, so daß der Gesamtindex sich wie im März auf 13,1% stellte.
Der Umfang der Kreditverkäufe spiegelt sich in den Außenständen wider. Da die Höhe der Außenstände für die betrieblichen Dispositionen von großer Bedeutung ist, muß ihrer laufenden Beobachtung und Überwachung ebenfalls besondere Sorgfalt gewidmet werden. Vor allem ist die Beobachtung der Entwicklung des Verhältnisses von Kreditverkäufen und Außenständen aufschlußreich, da hierin sowohl die Länge der Zahlungsziele als auch der Zahlungseingang zum Ausdruck kommt. So hat sich, wenn man die Entwicklung der Außenstände vom 31. 3. zum 30. 6. 1950 verfolgt, der Zahlungseingang allgemein verschlechtert, weil bei einer nur geringfügigen Veränderung der Kreditverkäufe von 13,1 auf 14,0% des Absatzes die Außenstände im Durchschnitt des gesamten Einzelhandels von 21 auf 24,1% angestiegen sind. Bemerkenswert ist demgegenüber der starke Rückgang der Außenstände, im September, wo sie nur noch 19,7% des Absatzes betrugen. Die Abnahme der Außenstände im 3. Quartal erstreckte sich auch auf fast alle Branchen. So sind sie beispielsweise im Möbel-, Nähmaschinen-, Fahrrad- und im Leder- und Galanteriewareneinzelhandel gegen Juni um rund ein Drittel abgefallen. Interessant ist, daß auch der Lebensmitteleinzelhandel seine Außenstände von 10 auf 6% des Monatsabsatzes verringern konnte. Auch in den Verkaufsberichten der Einzelhandelskaufleute wurde vielfach im September von einer zufriedenstellenderen Zahlungsmoral gesprochen. Der Rückgang der Außenstände bedeutet betrieblich gesehen eine fühlbare Entlastung, nachdem sie im Juni noch stark angestiegen waren. Trotzdem liegen gemäß der letzten Erhebung im September die Außenstände im Einzelhandeisdurchschnitt mit 19,7% des Absatzes im Vergleich zu 1949 noch sehr hoch.
1 Gewogen an Hand des Wägungsschemas des Einzelhandelsindex des Instituts für Handelsforschung an der Universität zu Köln. 
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