Home | 1951 | 1951-07-01 | Über den Stand der Ökonomisierung

Über den Stand der Ökonomisierung

von Privatdozent Dr. E. Sundhoff
Wer den Begriff des Rationalisierens deuten soll, ohne seine bisherigen Sinngebungen zu kennen, wird darunter ganz allgemein ein vernunftgemäßes Gestalten verstehen. Einem solchen stehen nicht alle Bereiche des menschlichen Handelns in gleichem Maße offen. Zu den ihm besonders zugänglichen gehören - um nur solche zu nennen, die in diesem Zusammenhang von Belang sind - die Technik, die Wirtschaft und die Ethik. Ein erfolgreiches Wirken in ihrem Sinne ist nicht denkbar, ohne daß der Vernunft ein ausschlaggebender gestaltender Einfluß eingeräumt wird. Allerdings sind bei verschiedener Zielsetzung die zu beachtenden Prinzipien in jedem Fall andere. So herrscht in der Technik der Leitgedanke der sachlichen Vollkommenheit, in der Wirtschaft der des optimalen Verhältnisses von Aufwand und Ertrag und in der praktischen Philosophie der einer richtigen Einstufung des Wertes der Lebensgüter.
Das Ausmaß der Rationalität von Vorgängen festzustellen ist demnach nicht möglich, ohne daß vorher ein fester Standpunkt bezogen wurde. Der reine Techniker beurteilt, aus seinem Gesichtswinkel heraus vollkommen zu recht, ein neues Verfahren lediglich von der technischen Seite her. Bestünde die Hoffnung, es jemals zu finden, so suchte er nach dem perpetuurm mobile auch dann, wenn er von dessen wirtschaftlicher Nutzlosigkeit überzeugt wäre. Andererseits würde der homo oeconomicus, wenn es ihn gäbe, auch an die vollendetste technische Leistung lediglich den Maßstab der Wirtschaftlichkeit anlegen. Die Aufwendung von Mitteln zur Erreichung nicht wirtschaftlicher Ziele, auch wenn es um wissenschaftliche, künstlerische oder politische ginge, müßte er als unrationell ansehen. Und schließlich kann auch hinsichtlich der vernunftgemäßen Gestaltung unserer Lebensführung vom ethischen Gesichtswinkel her von Rationalisierung gesprochen werden, wobei die dieser ratio entspringenden sittlichen Gesetze nicht selten eine Haltung bedingen, die in geradem Gegensatz zu der sich lediglich auf ökonomische Motive gründenden steht.
Folglich ist, wenn man zu einem Urteil über Fragen der Rationalisierung gelangen will, die Festlegung eines vom Zweck bestimmten Standpunktes erforderlich. Gültig ist dieses Urteil dann nur in seinem Bereich, sei es nun der der Technik, derjenige der Wirtschaft, der der Ethik oder ein anderer. Eine Wertgebung, die auch über einen solchen engeren Rahmen hinaus Anspruch auf Gültigkeit erhebt, setzt voraus, daß die einzelnen Gebiete zueinander in eine Rangordnung gebracht wurden. Sie wird verschieden ausfallen, je nachdem man ihre Aufstellung dem Techniker, dem Wirtschafter oder dem Philosophen überläßt. Der Wirtschafter wird als selbstverständlich ansehen, daß die Technik der Wirtschaft gegenüber eine dienende Rolle einzunehmen habe, und eine technische ratio daher nur so weit anzuerkennen sei, als sie der wirtschaftlichen nicht widerspricht. Er wird umgekehrt nicht umhin können, zuzugestehen, daß wirtschaftliches Denken und Handeln nur einen Teil in der Gestaltung und Sicherung des menschlichen Daseins ausmachen, ja, daß dieser Teil bei aller Wichtigkeit nicht einmal der wesentlichste unseres Lebensinhaltes sein sollte, mithin die wirtschaftliche Vernunft sich einer höheren unterzuordnen hat.
Man hätte daher besser getan, den Begriff des Rationalisierens dem vernunftgemäßen Gestalten schlechthin vorzubehalten. Wo es sich hingegen utn die Zweckrationalität des einzelnen Leistungsvollzuges handelt, sollte das bereits in der Wortwahl zum Ausdruck kommen. Die technische Rationalisierung, gerichtet auf die Einheit zwischen dem zu formenden Material und dem Können des Menschen, wird so zur Technisierung, die wirtschaftliche Rationalisierung mit dem Ziel, Bedarf und Vorrat auf die günstigste Weise in Einklang zu bringen, zur Ökonomisierung. Die philosophische Rationalisierung schließlich mit ihrem Streben, das Leben nach den Normen der Weltweisheit einzurichten, ließe sich entsprechend als Ethisierung bezeichnen. Wahre Rationalisierung kann nur dort gegeben sein, wo die Ergebnisse von Technisierung, Ökonomisierung und Ethisierung einander nicht widersprechen. Hält die Technisierung einer wirtschaftlichen Kritik nicht mehr stand, und gerät die Ökonomisierung in einen Gegensatz zu den Normen der Ethik, so muß es sich dagegen um eine Pseudorationalisierung handeln, der nur scheinbare Erfolge beschieden sein können.
Der Sprachgebrauch hingegen verwendet die Begriffe Rationalisierung und Ökonomisierung im allgemeinen synonym. Auch wo von technischer Rationalisierung gesprochen wird, handelt es sich nicht um die Technisierung im vorher erwähnten Sinn, sondern nur um ihren zugleich technisch und wirtschaftlich rationellen Teil. Wer, wie von Gottl das tut, zwischen kommerzieller und volkswirtschaftlicher Rationalisierung unterscheidet, drückt damit aus, daß kommerzielle Rationalisierung auch eine PseudoÖkonomisierung sein kann, daß volks- und privatwirtschaftliche Zielsetzungen möglicherweise nicht miteinander vereinbar sind. Spricht man stattdessen von betriebs- und volkswirtschaftlicher Rationalisierung, so ist damit angedeutet, daß es sich hier nur um echte Ökonomisierung handeln soll da bei beiden trotz abweichender Betrachtungsweise und Methoden die gleiche Zwecksetzung vorliegt und nicht als wirtschaftlich wertvoll anerkannt werden kann, was an einer Stelle Nachteile im Gefolge hat, welche die andernorts gegebenen Vorteile überwiegen. In teilweiser Abänderung einer Definition des früheren Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit läßt sich daher sagen: „Ökonomisierung ist die Erfassung und Anwendung aller Mittel, welche die technische und wirtschaftliche Wissenschaft und Praxis zur Hebung der Wirtschaftlichkeit bieten. Ihr Ziel ist die Steigerung des allgemeinen Wohlstandes durch Verbilligung, Vermehrung und Verbesserung der Güter."
Während sich früher die Ökonomisierung langsam und fast unbemerkt vollzog, haben später die Entwicklung der Technik und der Wandel der Wirtschaftsgesinnung sie zu einem bewußt zu fördernden Prinzip erhoben. Das erste Gebiet, auf dem der Rationalisierungsgedanke sich durchsetzte, war das der Produktion. Hier begann die Ökonomisierung mit der Arbeitsteilung, durch welche die Zusammenfassung handwerklicher Arbeitsstätten zur großen Manufaktur ermöglicht wurde. Die zweite Stufe bedeutete das rasdie Aufkommen der Arbeits- und Kraftmaschinen und damit die Entstehung der Fabriken, deren mechanisierte Produktion noch stärker zum einheitlichen Erzeugnis und zur Massenfertigung hindrängte. Als der Gedanke einer immer fortschreitenden Rationalisierung des technischen Apparates sich durchgesetzt hatte, zugleich aber in einigen Industrien die technische Entwicklung in weniger stürmischen Bahnen verlief, tat Taylor einen weiteren entscheidenden Schritt, indem er die sogenannte „Wissenschaftliche Betriebsführung" propagierte und das vorher nur auf das leblose Werkzeug und den unbeseelten Stoff bezogene ingenieurmäßige Denken nun auch auf die menschliche Arbeitskraft anwendete. Die Schematisierung der Arbeit, die bislang vorwiegend eine Folge der Verwendung von Maschinen war, wurde nun unabhängig davon zum Grundsatz erhoben. Am weitesten ging Ford, der durch die Ökonomisierung von Rohstoff, Anlagen, Arbeit und Produkt, sowie durch die Organisationsform des fließenden Bandes in Verbindung mit der auf eine solche Produktionsweise ausgerichteten Absatztechnik das große Beispiel des modernen, vollrationalisierten Großbetriebes gab. Wenn der Meinungsstreit, ob diese Entwicklung positiv oder negativ zu beurteilen sei, bis heute noch nicht abgeklungen ist, so wird man doch unter den gegebenen Voraussetzungen anerkennen müssen, daß als Fließarbeit und das Refasystem aus unseren Betrieben ebenso wenig mehr wegzudenken sind, wie die Werkzeugmaschinen und die Anwendung motorischer Kraft.
Unter Benutzung der von Seyffert verwendeten Terminologie kann man für den Produktionsbereich sagen, daß der Rationalisierungsgedanke sich bisher hauptsächlich in einer Betriebsökonomisierung ausgewirkt hat, die mit der Rationalisierung der sachlichen Elemente des Betriebes als Materialökonoinisierung begann, dann die persönlichen Elemente als Personalökonomisierung erfaßte und schließlich als Arbeitsökonomisierung das organisierte Zusammenwirken von Material und Personal zu erreichen versuchte.
Die Betriebswirtschaftslehre spiegelt diesen Entwicklungsgang insofern wider, als bisher in ihr die Betriebslehre gegenüber der Verkehrslehre bevorzugt war, und zum Beispiel das Rechnungswesen, vor allem das der industriellen Betriebe, gegenüber anderen Zweigen besonders betont wurde. Die Verkehrsökonomisierung hat dahinter erheblich zurückgestanden und nur dort zwangsweise größere Bedeutung erlangt, wo die Rationalisierung der Herstellung zu einem Druck auf die Verkehrsvorgänge führte, wie man an dem Beispiel von Massenproduktion und Werbung deutlich erkennen kann.
Die Frage der Produktionsökonomisierung, die ja überwiegend auf der technischen Rationalisierung beruht, kann unbeschadet des immer weiter gehenden technischen Fortschrittes als erledigt angesehen werden, da die Prinzipien und Methoden der Technisierung sich so durchgesetzt haben, daß sie eines vom Wirtschafter ausgehenden weiteren Impulses kaum mehr bedürfen. Ist somit das Problem der Produktionskostensenkung als weitgehend gelöst anzuzehen, so ist die Frage der Herabsetzung der Verteilungskosten, bisher noch nicht befriedigend beantwortet worden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Zunahme der im Distributionsbereich Tätigen größer war, als die der am Produktionsprozeß Mitwirkenden. Daß parallel hierzu bei manchen Waren eine entsprechende Verschiebung zwischen den Herstellungs- und Verteilungskosten vor sich ging, verdient stärkste Beachtung, auch wenn man berücksichtigt, daß die Verteilungskosten neben den Kosten des Transports noch die in ihrer Höhe meist unterschätzten industriellen Vertriebskosten umfassen. Es besteht die Gefahr, daß der an einer Stelle erzielte Rationalisierungserfolg zu Einbußen an anderer führt, daß die in immer größeren Mengen und daher immer billiger produzierten Güter sich immer schwerer und folglich nur mit ständig steigenden Kosten verkaufen lassen.
Der gänzlich andere Verlauf, den die Rationalisierung in der Distributionssphäre genommen hat, erklärt sich aus der geringen Bedeutung der Technik für die Betriebsprozesse der Beschaffung und des Absatzes, die sich im wesentlichen immer noch in den altgewohnten Formen vollziehen. Während die Produktionsbetriebe von sich aus den Weg der Rationalisierung beschritten, war bei den im allgemeinen kleinen und unproblematischen Handlungen das Ökonomisierungsbedürfnis geringer, auch fehlten oftmals die Einsicht in die Zweckmäßigkeit und die Mittel zur Durchführung der Verwirtschaftlidiumg. Den Rationalisierungsgedanken von außen an sie heranzutragen, ist daher eine der bedeutendsten Aufgaben der Betriebswirtschaftslehre, die sie jedoch erst voll erfüllen kann, wenn sie von den Handlungen nicht mehr als lästiger Mahner, sondern ebenso wie von den Industriebetrieben als wertvoller Ratgeber schätzen gelernt wird.
Ohne daß die Bedeutung einer gründlichen Betriebsökonomisierung für die Verteilungsbetriebe verkleinert werden soll, ist es doch unverkennbar, daß man im Distributionsbereich nur begrenzte Erfolge von ihr erwarten darf, denn das Schwergewicht der Handelstätigkeit liegt nicht bei den vorwiegend innerbetrieblichen Funktionen, wie zum Beispiel der Lagerung, sondern vor allem bei den über die Betriebsgrenzen hinausgreifenden. Die Ökonomisierung wird sich mithin stärker auf die zwischenbetrieblichen Verkehrsvorgänge zu richten haben, die, wie das Beispiel des Kreditgewerbes und der von ihm entwickelten Methoden beweist, einer weitgehenden Normalisierung zugänglich sind, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß der Geldverkehr eher mittels schematischet- Verfahren durchführbar ist als der Warenverkehr.
Während nun bei der Herstellung die Ökonomisierung vor allem die maschinelle und manuelle Arbeit zu gestalten trachtet, mithin besonders die Person des Arbeiters trifft, muß sie im Bereich der Verteilung in erster Linie das Aufgabengebiet des Angestellten zu erfassen versuchen, womit das Problem der Rationalisierung geistiger Arbeit hervortritt. Eine ähnliche Entwicklung, wie sie sich vor Jahrzehnten in den Werkstätten und Fabrikhallen vollzog, ist heute in den Büros zu beobachten. Neben den altmodischen und oft so behaglichen Kontoren finden wir die Nüchternheit zweckmäßiger moderner Verwaltungen, in denen die Einpassung der Bürokräfte in einen vorgeplanten und zwangsläufig abrollenden Arbeitsprozeß die Regel ist.
Wiederum gänzlich anders ist die Situation der Konsumtionsbetriebe, zu denen außer den privaten auch die öffentlichen Haushalte zählen. Weder die Betriebs- noch die Verkehrsökonomisierung sind für. sie charakteristisch. Bei ihnen liegt der Schwerpunkt auf der VerbrauchsÖkonomisierung, durch deren Intensivierung sicher noch erheblicher wirtschaftlicher Vorteil erzielt werden könnte, Sie ist zweifellos angebracht, wo der Verzehr anderen wirtschaftlichen Zwecken dient, wie zum Beispiel bei der Neuproduktion, oder wo, wie im öffentlichen Haushalt der Konsum aus Mitteln der Allgemeinheit bestritten wird. Sie in gewissen Grenzen im privaten Haushalt zu pflegen, wird sicher das Ziel auch der Hausfrauen sein, denen der Begriff der Ökonomisierung nicht geläufig, ist. Die VerbrauchsÖkonomisierung zum Prinzip zu erheben würde aber heißen, in Lebensbereiche einzugreifen, die nicht Wirtschaft sind, und zu denen die Wirtschaft lediglich die Mittel bereitzustellen hat. Schließlich ist es eher ein Ziel der Ökononiisierungsarbeit, einen wohlverstandenen Luxus in allgemeinerer Verbreitung zu ermöglichen, als durch größere Bedürfnislosigkeit den Wirtschaftenden die Erfüllung ihrer Aufgaben leicht zu machen.
Als erstes Ergebnis ist festzuhalten, daß auf dem Gebiete der Produktion der Ökonomisierungsgedanke inzwischen so festen Fuß gefaßt hat, daß für die Forschung keine Notwendigkeit vorliegt, sich weiterhin mit der Betriebsökonomisierung in besonderem Maß zu befassen. Hingegen wäre durch eine VerbrauchsÖkonomisierung in den Konsumtionsbetrieben noch mancher wirtschaftliche Erfolg erzielbar. Da jedoch in anderer Hinsicht Nachteile entstehen können, erscheint es unangebracht, den Ökcnomisierungsgedanken in der Konsumtionssphäre zu stark zu betonen. Als wichtigster Gegenstand der gegenwärtigen Rationalisierungsarbeit bietet sich daher der Distributionsbereich dar, und in ihm stehen der Bedeutung nach die Fragen der Verkehrsökonomisierung voran. Ein näheres Eingehen auf ihre Teilgebiete, die Rationalisierung von Transport, Lagerung, Sortimentsbildung. Manipulation, Finanzierung, Beschaffung, Absatz, und die ihnen dienende Marktanalyse und Marktbeobachtung würde an dieser Stelle zu weit führen.
Hingegen muß zur Kennzeichnung des Standes, den die Entwicklung erreicht hat, außer auf das Hauptarbeitsgebiet, die Verkehrsökonomisierung, vor allem auch auf ihre wichtigste und zugleich problematischste Maßnahme hingewiesen werden, die bereits erwähnte Rationalisierung geistiger Arbeit, von deren möglichem Ausmaß letzten Endes der Erfolg einer Verkehrsökonomisierung, die wirklich größeren Umfang annehmen soll, abhängig ist.
Die Technisierung hat die Ausweitung und Verbilligung der Produktion bewirkt, indem die Maschinen zahlreiche Arbeitskräfte freisetzten, die nun im gleichen oder einem anderen Wirtschaftszweig für den Aufbau weiterer Betriebe zur Verfügung standen. Aber die Maschine hat vorwiegend die Arbeiter entbehrlich gemacht, denen einfache Verrichtungen oblagen, während diejenigen, die kompliziertere Funktionen zu erfüllen hatten, nicht so leicht verdrängt werden konnten. Das gilt insbesondere auch für die auf den Kontoren tätigen Angestellten, deren Zahl, im Verhältnis zu derjenigen der Arbeiter, daher wachsen mußte. Mit anderen Worten: der Anteil der geistigen Arbeit, gemessen am gesamten Arbeitsumfang, nahm erheblich zu, und das um so mehr, als die Ausdehnung der Produktion gleichzeitig die Fragen der innerbetrieblichen Organisation sowie die Methoden der Beschaffung und vor allem des Absatzes immer mehr komplizierte. Es muß daher, solange diese Entwicklung anhält, ein ständiges Abwandern von den in geistiger Hinsicht anspruchsloseren Berufen zu den anspruchsvolleren erfolgen, wenn ein der jeweiligen technischen Situation entsprechende optimales Verhältnis von Angestellten zu Arbeitern vorhanden sein soll. Voraussetzung hierfür ist, daß die aus dem einen in das andere Lager Hinüberwechselnden in der Lage sind, den an sie gestellten höheren beruflichen Anforderungen zu entsprechen. Da die Verschiebung nicht so sehr durch den Berufswechsel der Erwachsenen erfolgt, als vielmehr durch die auf die veränderten Verhältnisse zugeschnittene Berufswahl der Jugendlichen, ist die Anpassung der beruflichen Fähigkeiten an die vorliegenden Arbeitsaufgaben weitgehend eine Frage der Ausbildung, die dadurch heute viel bedeutsamer ist als in den früheren ruhigeren Zeitläuften. Soweit nun trotz bestmöglicher Ausbildung die erforderliche Zahl der geeigneten Leute nicht erreicht werden kann, bleibt kein anderer Weg als der, umgekehrt die Arbeitsaufgaben den vorhandenen Fähigkeiten anzupassen, das heißt, kompliziertere Vorgänge zu vereinfachen, geistige Arbeit weitgehend zu normalisieren, und durch die Verwendung zweitrangiger Kräfte eine Entlastung herbeizuführen.
Ähnlich, wie einerseits die Ökonomisierung der Handlungen nur zum Teil durch eine Verkehrsökonomisierung erfolgen kann, andererseits die Verkehrsökonomisierung auch eine Angelegenheit der industriellen Betriebe und der Haushalte ist, also über den Bereich der Handlungen hinausgeht, so ist die Frage der ökonomischen Gestaltung geistiger Arbeit zwar das zentrale Problem der Rationalisierung der Umsatzprozesse, aber keineswegs auf sie beschränkt. Auch die übrigen Betriebsprozesse in den Handlungen, den industriellen und sonstigen Verwaltungen verlangen, wenn auch nicht in gleicher Dringlichkeit, nach einer Lösung dieser Frage.
Nun sind zunächst die Auffassungen darüber, was der geistigen Arbeit zuzurechnen ist, verschieden. Eine primitive, aber unter den kaufmännischen Angestellten leider verbreitete Meinung geht dahin, daß im Gegensatz zu der Tätigkeit in den technischen Betriebsstätten lediglich die auf den Büros geleistete Arbeit die geistige sei. Die durch die Wortpaare körperlich-geistig und manuellintellektuell charakterisierten Gegensätze können zwar bestehen, aber sie müssen es durchaus nicht immer. Setzen doch viele geistige Tätigkeiten voraus, daß der Ausübende Intelligenz, körperliche Kraft und handwerkliche Geschicklichkeit nebeneinander besitzt. Der Gegensatz zu geistig ist vielmehr schematisch, und ebenso wie draußen im Werk Meister und Facharbeiter vielfach geistig hochwertige Arbeit leisten, ist drinnen in den Büros die schematische anzutreffen, nicht nur bei Hilfskräften, sondern auch bei den Angestellten, die ausgesprochene Schreibtischarbeit leisten. Sodann ist der Begriff der geistigen Arbeit ein relativer. Der Unaufgeschlossene oder Ungeübte wird den gleichen Vorgang mit anderen Augen ansehen als der Intellektuelle oder der Routinier. Wer in einer Massenfilialunternehmung die Einrichtung der Zweigniederlassungen bearbeitet, wird sich über eine Gründung nicht so viele Gedanken machen, wie ein Geschäftsmann, für den ein solcher Akt etwas einmaliges darstellt. Man erkennt daraus, daß die Vorbedingungen für eine Ökonomisierung überall da günstig sind, wo an sich eindeutig der geistigen Tätigkeit zuzurechnende Vorgänge in solcher Häufung auftreten, daß an die Stelle des geistig Produktiven der Routinier treten kann. Die Rationalisierung geistiger Arbeit läuft also zu einem großen Teil auf das Schematisieren massenhaft und wiederholt auftretender gedanklicher Operationen hinaus.
Eine Materialökonomisierung in dem Sinne wie bei der physischen Arbeit gibt es bei der geistigen nicht, wenn auch die Frage der Arbeitshilfsmittel und ihrer Gestaltung nicht unwichtig ist, Hilfsmittel, wie Rechenschieber, (tomographische Tafeln und Wertetabellen haben zweifellos den Vorteil, zeitsparend und ermüdungshemmend zu wirken. Sie kürzen Arbeiten ab, die sich auch als geistige keineswegs großer Beliebtheit erfreuen. Aus dem gleichen Grunde sind die Büromaschinen positiv zu beurteilen. Hier eine Parallele zur Verdrängung handwerklicher Arbeit durch die maschinelle sehen zu wollen, ist abwegig, denn während der Handarbeiter früher seine ganze Kunstfertigkeit in das Erzeugnis hineinlegte, und seine Fähigkeiten verkümmern mußten, sobald er zum Maschinenarbeiter wurde, bleibt der Inhalt der Angestelltenarbeit der gleiche, und nur die für die gedankliche Leistung unerhebliche äußere Form wird einer Beeinflussung unterzogen. Es ist etwas anderes, ob einerseits statt Originalradierungen auf maschinellem Weg vervielfältigte Reproduktionen hergestellt, oder andererseits Auftragsbestätigungen anstatt handschriftlich mit der Maschine geschrieben werden.
Ernster sind derartige Bedenken zu nehmen, sobald es um den Inhalt der geistigen Arbeit geht. Ihre Leistungseinheiten sind nicht stoffliche Werkstücke, sondern beispielsweise Kaufverträge, Arbeitsanweisungen oder Gutachten, deren Schematisierung daher in etwa der Materialökonomisierung bei der Rationalisierung physischer Arbeit entspricht. Vollzog sich früher das Entwerfen eines Vertrages jeweils für den speziellen Fall, so ist das heute die Ausnahme. Die Massenproduktion hat notwendigerweise den Absatz großer Mengen zur Folge, woraus sich Änderungen in den Methoden des Geschäftsabschlusses ergeben. Das typische Beispiel hierfür sind wohl die Börsenschlüsse, deren Inhalt bis auf die noch einzusetzenden Angaben über Preis, Menge und Termin festliegt. Wenn auch eine derart weitgehende Normalisierung nicht überall zu erreichen sein wird, so läßt sich doch auch bei nicht börsengängigen Waren eine über die Lieferungsbedingungen einzelner Firmen hinausgehende Vereinheitlichung erzielen, so daß beide Kontrahenten im voraus wissen, mit welchen Bestimmungen sie zu rechnen haben. Als allgemein bekannte weitere Beispiele seien die Bedingungen der Versicherungspolicen und der Schiffahrtskonnossemente genannt. Gegen diese Entwicklung sind kaum Bedenken zu erheben, da die Möglichkeit abweichender Vereinbarungen dem Gestaltungswillen der Beteiligten genügend Freiheit läßt.
Problematischer ist hingegen die Personalökonomisierung. Maßnahmen, die den Arbeitenden bei sich wiederholenden Arbeitsabläufen leistungsfähiger machen, können sich möglicherweise auf die Qualität einmalig zu erstellender Leistungen nachteilig auswirken. Da die meisten geistig Schaffenden Aufgaben beider Art nebeneinander zu bewältigen haben, und überdies der Erfüllung höherer Anforderungen die Beschäftigung mit einfacheren Aufgaben vorauszugehen pflegt, ist das plus und minus, das bei der Personalökonomisierung durch die Schematisierung von Reaktionen entsteht, sorgfältig abzuwägen. Das gilt besonders für die Frage, ob bei der geistigen ebenso wie bei der sonstigen Arbeit eine weitgehende Aufgabenteilung zweckmäßig ist.
Sieht man von den Gefahren ab, die sich für die Menschen aus ihr ergeben können, so ist eine weitgetriebene Spezialisierung für die Betriebe bei der Gestaltung schematischer physischer Arbeit ungefährlich, weil den einseitigen Arbeitern der universellere Ingenieur gegenübersteht. In ähnlicher Weise bedarf auch die spezialisierte geistige Arbeit einer zusammenfassenden und die größere Linie verfolgenden Führung. Während aber der Ingenieur von außen her in den Kreis der von ihm zu Lenkenden hineintritt, muß sich der leitende Kopf aus den von ihm später zu Dirigierenden herausentwickeln, und das wird durch eine sehr weitgehende Arbeitsteilung mindestens erschwert. Da auch das Arbeiten des Spezialisten fruchtbarer wird, wenn er in der Lage ist, das Ganze zu überschauen, so ist für jeden geistig Arbeitenden eine Ausbildung zu fordern, die sich nicht auf enge Teilausschnitte beschränkt, sondern -möglichst umfassend ist. Sie ist durch die Verfolgung der Literatur und mittels der Kommunikation auf hohem Stande zu halten.
Ebenso wichtig wie die Vermittlung von Kenntnissen ist die Erziehung zu wirtschaftlichem Denken im allgemeinen und zu rationellen Arbeitsmethoden im besonderen. Wer daran gewöhnt ist, sein Handeln nach ökonomischen Gesichtspunkten einzurichten, bedarf der ins Einzelne gehenden Arbeitsanweisung nicht so wie der, bei dem Unwirtschaftlichkeiten keine Störungsgefühle hervorrufen. Diese Gewöhnung in der Praxis oder durch das Studium zu erlangen, ist allerdings nur dort möglich, wo sachliche Einstellung zu Personen und Dingen vorherrscht, und die innere Bereitwilligkeit vorhanden ist, auch in Bezug auf sich selber den Gedanken der Personalökonomisierung zu pflegen.
Die Arbeitsökonomisierung schließlich wirkt sich als Schematisierung von Vorgängen aus, deren Ablauf im voraus festgelegt wird. Sie erfaßt weniger die eigentliche Geistesarbeit als vielmehr deren Begleitumstände, Dazu gehören vor allem die Entlastung von Nebenaufgaben und die Beseitigung von Störungen, also die Ermöglichung einer Konzentration auf das Wesentliche. Hilfsmittel hierzu sind beispielsweise die Arbeitspläne, also der Reihenfolge-, der Vollständigkeits- und der Zeitplan. So sucht der Reihenfolgeplan zu verhindern, daß für unwesentliche Dinge mehr Energie aufgewendet wird, als ihrer Bedeutung zukommt. Er stellt eine Dringlichkeitsskala auf, die etwa vorsieht, daß zuerst die wichtigsten, dann die jeweils nächstwichtigsten Dinge bearbeitet werden, oder aber er beginnt unter Festsetzung von Hödistzeiten mit den Angelegenheiten, die unwichtig sind und deren Entscheidung rasch geht, lenkt darauf zu denjenigen wichtigen über, die sidi schnell erledigen lassen, so daß es anschließend möglich ist, sich in Ruhe den Aufgaben zu widmen, die infolge ihrer Schwierigkeit und Bedeutung die ganze Aufmerksamkeit verlangen. Für umfangreiche und zusammengesetzte Aufgaben hilft der Vollständigkeitsplan verhindern, daß der Arbeitsgang irgend eine Lücke aufweist, die schließlich das Endergebnis in Frage stellen kann; er legt ferner die Reihenfolge der Einzelarbeiten so fest, daß jede im zweckmäßigen Zeitpunkt angefaßt wird, und nicht bereits als erledigt angesehene Teilaufgaben auf Grund später gewonnener Teilergebnisse wieder neu aufgegriffen werden müssen, und, falls die Lösung einer Frage nicht zu erreichen ist, dies sich möglichst früh herausstellt. Der Zeitplan endlich will erreichen, daß die Arbeiten so voranschreiten, daß nicht nur die erforderlichen Termine gewahrt bleiben, sondern auch die Koordinierung der Einzelleistungen zu einer Gesamtleistung ohne Störungen erfolgen kann, wobei die Wichtigkeit solcher Koordinierung um so größer ist, je weiter die Arbeitsspezialisierung getrieben wurde.
Ferner ist für die Arbeitsökonomisierung wesentlich die Frage der Aufgliederung von Arbeiten unter dem Gesichtspunkt der Durchführung durch Haupt- oder Hilfskräfte. Da geistige Arbeit nicht auf alle gleich ermüdend wirkt, kann die individuell bemessene planmäßige Einschiebung von Arbeiten minderen Grades, also mehr schematischerer Natur, in Betracht kommen, um schädliche Auswirkungen der Überanstrengung zu vermeiden, so, wie man bei manueller Arbeit durch die Einlage geeigneter Zwangspausen ähnliche Ziele verfolgt.
Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um darzutun, daß - auch über eine Rationalisierung der Vorbedingungen hinaus - die Oekonomisierung geistiger Arbeit in einem gewissen Umfang tatsächlich durchführbar ist. Bei schärferem Zusehen erkennt man allerdings, daß die geistige Arbeit durch die Oekonomisierung ihres Charakters weitgehend entkleidet wird, denn durch die Schematisierung von Inhalten, Reaktionen und Vorgängen vollzieht sich eine Umwandlung der ursprünglichen Tätigkeit in eine flachere. Soweit eine soldie Transformation geistiger Arbeit in ungeistige nicht durchführbar ist, muß es bei der Rationalisierung der Vorbedingungen sein Bewenden haben. Die wirklich schöpferische Tätigkeit ökonomisieren zu wollen, ist genau so abwegig, wie der Gedanke, in unerforschte Gebiete vorzudringen, ohne die gebahnte Straße zu verlassen. Daß auch in den übrigen Fällen der Erfolg der Rationalisierungsmaßnahmen ganz davon abhängt, wie Temperament und Veranlagung des betroffenen Menschen reagieren, sei als Hinweis auf das mit dieser Frage verbundene psychologische Problem nur am Rande vermerkt.
Wie weit in der Zukunft versucht werden wird, von den bisher noch nicht genutzten Möglichkeiten einer solchen Ökonomisierung Gebrauch zu rnadien, hängt davon ab, welche Gefahren man in ihr erkennt, und ob man sie meistern zu können glaubt. Neben anderen bereits angedeuteten ist als Hauptgefahr anzusehen, daß durch die Ökonomisierungsmaßnahmen die eigentlidi schöpferischen Kräfte verschüttet werden können. Der Einwand, daß auch die Gefahren, die man zu Beginn der Rationalisierung der manuellen Arbeit befürchtet hat, nicht alle eingetreten sind, vermag nidit voll zu überzeugen. Ohne daß die geistigen Fähigkeiten eine Einbuße erleiden, kann die Eintönigkeit körperlicher Arbeit ertragen werden, wenn wenigstens die Gedanken nicht immer wieder den gleichen Weg zurücklegen müssen, vielleicht sogar frei schweifen können. Da bei der schematisierten geistigen Arbeit die Verstandestätigkeit nicht ausgeschaltet, sondern nur vereinfacht und in vorausbestimmte Bahnen gelenkt wird, gibt es bei ihr diesen Ausgleich im Prinzip nidit. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der wiederholte und intensive Vollzug von Denkvorgängen niederen Grades auf geistigem Gebiet ebenso zu Hyper- und Atrophien führen kann, wie die dauernde und einseitige physische Beanspruchung dies in körperlicher Hinsicht zu tun vermag. Die Ökonomisierung geistiger Arbeit darf daher nicht so weit getrieben werden, daß die Harmonie zwischen Leistungsfähigkeit und geforderter Leistung verletzt wird. Das verlangt, daß die Verfahren noch mehr auf den einzelnen Fall zugeschnitten sein müssen als bei der sonstigen Rationalisierung und bedeutet, daß hier echte Erfolge ungleich schwerer zu erzielen sind. Wird das nidit beachtet, so besteht die zusätzlidie Gefahr, daß in den Betrieben zu den bereits vorhandenen Spannungen weitere hinzutreten, die nicht nur die Zusammenarbeit sondern auch das Zusammenleben gefährden.
Soll nun die Betriebswirtschaftslehre, wie man es in besonderen Situationen auch von anderen Wissenschaften forderte, ihre Zaunpfähle enger stecken, um dadurch eine mögliche bedenkliche Entwicklung zu vermeiden? Es würde Erfolg haben, dann der Entwicklung zu vermeiden? Es würde wenig Erfolg haben, denn der Mensch läßt sich auf die Dauer von Fragen, die zu lösen er imstande ist, nicht fernhalten. Seine Grenzen sind ihm von höherei Stelle gesetzt, und er kann gar nicht anders, als im Bereich des ihm Zugänglichen seine Forschung immer weiter zu treiben, So muß auch der betriebswirtschaftlichen Theorie das Recht zuerkannt werden, die Methoden der Ökonomisierung zu möglichster Vollkommenheit zu entwickeln, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob die der Wirtschaft unter- oder übergeordneten Bereiche dadurch vielleicht beeinträchtigt werden können. Ob das Mögliche jedoch eine praktische Verwirklichung finden soll, das ist nicht vom Betriebswirt allein zu entscheiden. Soweit eine wissenschaftliche Beantwortung dieser Frage erfolgen kann, hat sie unter Mitwirkung der Philosophie zu geschehen, denn, wie bereits; eingangs gesagt wurde: Eine Ökonomisierung, die im Widersprach zu den Normen der Ethik erfolgt, kann zwar vollkommene Ökonomisierung, aber nur scheinbar Rationalisierung sein. Wünschen wir, daß jeder verantwortliche Betriebswirt den Allzusammenhang der Wissenschaften erkenne und anerkenne, damit er nicht der Gefahr des rein ökonomischen Denkens erliege.
1 Antrittsvorlesung, gehalten an der Universität zu Köln am 15.1.1951.
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