Die Problematik der Distribution 1
von Prof. Dr. Rudolf SeyferrtMit dem ausgehenden 18. Jahrhundert setzte jene sich von Generation zu Generation steigernde Entwicklung der 1 echnik auf der Basis der exakten Naturwissenschaften und der Mathematik ein, die seit über 100 Jahren einen immer stärker gewordenen Einfluß auf unsere kulturelle Situation nimmt. Ob wir es begrüßen oder ablehnen, die moderne Technik gestaltet heute das Dasein des Menschen wesentlich und in allen seinen Bereichen mit. Durch sie haben sich auch seine äußeren Lebensbedingungen vollständig umgeformt. So sind ihm heute die Befriedigung vieler Bedürfnisse, an die vor ein, zwei Generationen noch nicht gedacht werden konnte, selbstverständlich. Durch die Technik hat auch die Wirtschaft, deren Aufgabe die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist, eine ungeahnte Ausweitung und Komplizierung erfahren. In fortgesetztem Wechselspiel werden von der Bedürfnisseite neue Befriedigungswünsche der Technik angetragen und vom technischen Fortschritte neue Möglichkeiten der Deckung bisher latenter oder unbekannter Bedürfnisse eröffnet. So tritt die Wirtschaft als Anregerin der Technik und die Technik als Schrittmacherin der wirtschaftlichen Weiterentwicklung auf, beide miteinander in engsten Wechselbeziehungen stehend.
Das Ökonomische reicht aber weiter als das Technische. Mit dem Erzeugen eines Befriedigungsmittels, also etwa einer Konsumware, ist es nicht getan. Erst wenn die Ware dem Verbraucher zugeführt worden ist, kann sie ihren Zweck erfüllen. Alles Wirtschaften dient letztlich der Konsumtionsversorgung und in unserer modernen Wirtschaft, in der Erzeugung und Verwendung der Güter nicht mehr in der gleichen Hand liegen, sondern ein verkehrswirtschaftlicher Güteraustausch, letztlich zwischen Produzenten und Konsumenten stattfindet, wird dieser Austausch durch die Distribution bewirkt.
Das Wesen der Distribution ist der Umschlag, also das Umsetzen und Verteilen. Was umgesetzt werden soll, muß erzeugt werden, mit oder ohne menschliches Zutun. Die Urstoffe sind in der Natur gegeben, ihre Erzeugung bedingt nicht menschliches Wirtschaften. Aber ihr Sammeln oder Abbauen und das Umformen zu Befriedigungswerten ist Wirtschaften. Dabei ist die Umformung vornehmlich eine technische Leistung. Es gibt aber auch Befriedigungswerte, die dem Verbände der Natur komsumfertig entnommen werden können, wie etwa Wildfrüchte, Tropenholz, die meisten Brennstoffe.
Die Komsumtion als solche ist ebenfalls kein Wirtschaften, sondern im Falle des Verzehrs der Ware durch den Konsumenten ein Vornehmheit physiologischer Akt, entsprechend im Falle der Abnutzung ein mechanischer oder in dem der Entwertung ein psychologischer Vorgang. Die wirtschaftliche Leistung liegt vorher, in dem Zuführen der produzierten Güter an den bedürfenden Menschen, also in der Versorgung der Konsumtion. Diese Funktion übernimmt in der arbeitsteiligen Verkehrswirtschaft die Distribution.
Ich kann von ihr auch als von der Funktion des Handels sprechen, wenn Sie mit mir darin einig gehen, unter Handel den Warenaustausch oder Warenumsatz schlechthin zu verstehen, also einen Verbindungsvorgang, einen Weg, über den ein Befriedigungsmittel schließlich seinem letzten Verwender, dem Konsumenten, zugeführt wird. Nur die Produktion für den Eigenbedarf kennt keinen Handel, sonst ist überall, wo Warenaustausch ist, auch Handel.
Die Dreigliederung in Produktion, Distribution und Konsumtion ist althergebracht. Aber das Hauptinteresse galt und gilt immer den wirtschaftlichen und den technischen Vorgängen, die die Produktion begleiten. Vernachlässigt wurden und werden die beiden anderen Gebiete: die der Distribution und die der Konsumtion, obwohl bei ihnen das wirtschaftliche Schwergewicht liegt. Das Problem der Komsumtion ist das der besten Versorgung der Verbraucher mit Gütern. Wie der Konsument an diese Güter gelangt, also die Frage der Zuführungsmaßnahmen der Befriedigungswerte, das ist das Problem der Distribution oder, im verkehrswirtschaftlichen Bereiche, das Problem des Handels als des Organs der Distribution.
Über die Höhe der Kosten, die die Distributionsleistungen erfordern, sind oft harte Worte zu hören. Während die Produktionskosten als gegebene, unvermeidbare Fakten Hingenommen werden, nicht zuletzt, weil der Produktionsvorgang für Außenstehende schwer durchschau- und abschätzbar ist, werden die Kosten des Handels, dessen Tätigkeit sich allen sichtbar abwickelt, leicht als zu hoch oder überhaupt als unberechtigt empfunden. Dabei fehlen den Kritikern meist nähere Anhaltspunkte für ihr Urteil. Sie vergleichen einfach, was eine Ware herzustellen kostet und was es kostet, sie zu verteilen, und stoßen sich daran, daß unter Umständen mehr aufzuwenden ist, ein Produkt dem Konsum zuzuführen, als es zu erzeugen. Das kann bis zu ethischen Wertungen führen. Die Tätigkeit des „von seiner Hände Arbeit" lebenden Produzenten scheint schätzungswerter als die des Händlers, der durch seinen Zwischenhandel die Ware verteuert.
Wie hoch sind die Distributionskosten nun tatsächlich und was macht ihr Wesen aus? Zunächst: Die Produktionskosten reichen bis zur Erstellung der konsumfertigen Ware. Alle Kosten danach, auch wenn sie noch beim Produzenten entstehen und von ihm getragen werden, sind Distributionskosten.
Was nun den Anteil betrifft, den die gesamten Distributionskosten an dem Preise haben, den der Konsument zu zahlen hat, so ist dieser je nach den Verteilungsumständen ganz verschieden groß.
Eine sorgfältige Durchrechnung der Distributionskosten für Konsumgüter in Großbritannien hat das Londoner nationale Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung für das Jahr 1938, ein ungestörtes Jahr mit relativ freier Wirtschaft, durchgeführt und unlängst (19 50) in einer ausführlichen Publikation vorgelegt.2 Die Untersuchung erstreckte sich auf 113 Waren, durch die eine Repräsentation für etwa 90% der Ausgaben der Verbraucher im Konsumgüterbereiche erzielt wurde. Hier interessiert nur das Gesamtergebnis: Die Distributionskosten machten 35 bis 40 % der Gesamtausgaben der Konsumenten aus.
Ein ähnliches Ergebnis zeitigten nach einheitlicher Methode durchgeführte Berechnungen in meinem Seminare in den letzten 1V2 Jahrzehnten. Aus rund 270 Einzelwerten ergab sich, bei Konsumwaren der Binnenproduktion ein Anteil der Distributionskosten am Konsumentenpreis von etwa 40%, bei Lebensmitteln erheblich weniger, bis zu 1 5% herab.3
Dabei ist zu beachten, daß der Lebensmittelhandel fast die Hälfte alles Handels ausmacht, so daß es gerechtfertigt wäre, bei allen Fragen des Handels zu unterscheiden zwischen Lebensmittel- und Nichtlebensmittelhandel.
Weitere Anhaltspunkte über die Höhe der Distributionskosten geben die Zwangshandelsspannen, die 1939/45 durch die Preisbildungsbehörden als Handelsaufschläge für viele Konsumwaren festgesetzt wurden. Im Textileinzelhandel betrugen sie, als Abschläge vom Verkaufspreis berechnet, im Durchschnitt der nicht weniger als 4418 Einzelfestsetzungen 29 % in den Orten bis 10 000 Einwohner und 31 % in den größeren. Bei 241 nichttextilen Waren lagen die Abschläge durchschnittlich zwischen 20% (dichtester Wert) und 25 % (arithmetisches Mittel). 196 Einzelfestsetzungen von Großhandelsspannen ergaben einen Abschlag von 9,1 % als dichtesten Wert und 16,4% als arithmetisches Mittel.4 Insgesamt machten die verordneten Großhandels- und Einzelhandelsabschläge etwa 40 % des
Konsumentenpreises aus.
Neuestes Material stammt aus den Vereinigten Staaten, die zur Stabilisierung des Preisgefüges seit Januar 1951 Maßnahmen getroffen haben, in deren Verfolg auch Einzelhandelshöchstspannen verordnet wurden, die im Vergleich mit deutschen Verhältnissen beträchtlich sind. Sie liegen z. B. als Anteile vom Konsumentenpreis berechnet, bei Konfektion zwischen 3 8 und 42%, bei Schuhen zwischen 37 und 39%.
Schon diese wenigen Zahlen lassen erkennen, daß ein erheblicher Teil jeder Verbrauehermark für die Distributionsleistungen ausgegeben werden muß. Der Kostenaufwand, den es erfordert, um die Ware vom Produzenten zum Konsumenten zu verbringen, wird oft unterschätzt. Es wäre falsch, ihn an den Produktionskosten messen zu wollen. Distributionskosten und Produktionskosten sind in keiner Weise voneinander abhängig. Die Bananentraube an der Staude, die Salatköpfe auf dein Felde, die Küchenherde oder Schuhe im Fabriklager, sie gewinnen für den Konsumenten erst Konsumtionswert, wenn er sie dort, wo er sie braucht, zum gewünschten Zeitpunkte und in der gewünschten Menge angeboten bekommt und zudem in angemessener Auswahl der Sorten. Dazu bedarf es vieler Vorkehrungen, die alle Kosten verursachen.
Die Distributionskosten sind also der Gegenwert für die Umsatzleistung. Diese Grundfunktion des Handels umfaßt zahlreiche Teilleistungen, wobei es von den Umständen der gegebenen Distributionsaufgabe abhängt, welche im einzelnen. Immer stecken in ihr Überbrückungsaufgaben. Überbrückt wird durch Transport die räumliche Entfernung zwischen Erzeugung und Verbrauch, überbrückt wird durch Iagerung die Zeit, die zwischen Produktion und Konsumtion einer Ware liegt, überbrückt werden durdn Vordisponieren lange Fabrikationszeiten. Überbrückt wird durch Kreditgabe die Zeit zwisdien Kauf und Zahlung, überbrückt werden etwaige Wertsdiätzungsdifferenzen durch Preisausgleich. Jede dieser Überbrückungsfunktionen verursacht Kosten und belastet den, der sie übernimmt, mit den Risiken, die im Transport, in der Lagerung, in der Vordisposition, im Kreditieren oder im Preisausgleich liegen. Andere Teilfunktionen der Distribution sind an die Ware gebunden. Sie treten vornehmlich bei selbständigen Händlern auf. Diese kaufen in anderen Mengen ein als sie verkaufen und erfüllen dadurch die quantitative Funktion des Sammeins oder Teilens. Sie manipulieren mit der Ware und machen sie damit verkaufsgeeigneter, und sie assortieren ihr Lager nach den Wünschen ihrer Abnehmer, damit diese ein ausreichendes Sortiment vorfinden. Durch diese Quantitäts-, Qualitäts- und Sortimentsfunktionen entstehen wiederum Kosten, ferner müssen die oft erheblichen Risiken übernommen werden, die in ihnen stecken. Endlich gehört zu der Umsatzleistung die Funktion des Marktsuchens und Marktfindens, des Beratens und des Wahren; der Kundeninteressen, die die Distribution als eine Aufgabe erkennen lassen, die der eines Maklers vergleichbar ist, der nach bestem Wissen und Gewissen Produzenten und Konsumenten beizustehen hat. Auch dadurch entstehen Kosten und Risiken.
Die Funktionen des Handels sind in ihrer Bedeutung unterschiedlich. Nicht alle sind in jedem Falle unentbehrlich, aber ebenso gibt es keine Distributionsleistung, in was für einer Wirtschaftsordnung sie immer auftrete, die auf sie überhaupt verzichten könnte.
Wir haben bisher die Distribution nur vom Standpunkt derer aus gesehen, die die Befriedigungswerte erzeugen oder weiterreichen. Souverän der Wirtschaft ist jedoch der Konsument. Alles Wirtschaften hat nur den einen Sinn, seine Versorgung zustandezubringen, und so gesehen haben Produzenten und Händler ihm gegenüber nur eine Hilfsstelkmg. Im Wesen seiner Souveränität liegt auch seine Unabhängigkeit, seine Freiheit, Art und Umfang seines Konsums zu bestimmen.
Es ist nötig, sich diese Stellung des Konsumenten immer wieder klarzumachen, denn das letzte Jahrhundertdrittel ist voller Versuche, seine Souveränität einzuschränken. 1915 begannen in Deutschland die ersten Rationierungsmaßnahmen und erst zehn Jahre später, 1925, endete die Devisenbewirtschaftung, um schon 19 31 wieder eingeführt zu werden. 1936 setzte die Konsumrationierung erneut ein, verstärkte sich zunehmend, führte im Kriege schließlich zur vollen Unfreiheit und ist trotz des 1948 begonnenen Abbaus auch heute noch auf manchen Gebieten des Binnenhandels und voll durch die Devisenbewirtschaftung im Außenhandelsbereiche erhalten.
Völlige Freiheit des Konsums ist nur dann gegeben, wenn der Verbraucher selbst entscheiden kann, was, wieviel, wann und wo er kaufen will und welchen Preis er dafür anzulegen bereit ist. Das heißt, daß nicht eine Planungsbehörde für ihn zu denken hat und anordnet, was er brauchen darf und wo und zu welchem Preise und Zeitpunkte er kaufen kann.
Nur die Konsumfreiheit gewährleistet, daß die Wirtschaft Dienerin des Verbrauchers bleibt. Die natürlichen Lenker der Wirtschaft sind die Konsumenten und nicht öffentliche Institutionen, wie auch immer sie ihre Legitimation begründen mögen. Die Masse der Konsumenten ist sich dieses ihres Einflusses nicht bewußt. Aber dadurch, daß ein Verbraucher diese und nicht jene Ware kauft, daß er diese Preislage jener vorzieht, daß er diesen und nicht einen anderen Bezugsweg oder Bezugszeitpunkt wählt, nimmt er mit jedem einzelnen Einkauf Stellung für oder gegen Warenarten und Preise, Bezugswege und -Zeiten. So minimal der Einfluß des Einzelnen auf das Wirtschaftsgeschehen ist, alle Konsumenten zusammengenommen entscheiden es. In der Aktivierung der Konsumenten liegen
außerordentliche Möglichkeiten der Beeinflussung der Wirtschaft. Und dieser darf sich der Konsument nicht begeben, sofern er nicht vom Subjekt der Wirtschaft zu ihrem Objekt werden will.
Durch die Konsumfreiheit hält der Konsument die Hand am Hebel der Wirtschaft und kann sie im Sinne seiner Versorgungswünsche regulieren. Das Bild von der kontinuierlichen Abstimmung in der Demokratie der Konsumenten ist schon wiederholt gebraucht worden. Jeder Kaufentscheid des Konsumenten ist ein Stimmzettel, mit dem er eine Wertung über Art und Richtung der Produktion abgibt. Dieses Konsumentenplebiszit entscheidet, was der Einzelhändler in seinem Sortiment zu führen hat und akzeptiert oder verwirft die Preise, zu denen er es anbietet. Dadurch bestimmt der Konsument auch die Einkäufe der Einzelhändler beim Großhandel und ebenso dessen Aufträge an die Produktion: von den Entscheidungen der Konsumenten wird so letztlich die Wirtschaft gesteuert.
Der Konsument wird bei seinen Entscheidungen nicht nur von Überlegungen geleitet, die seiner normalen Bedarfsdeckung dienen. Dafür hat er die für ihn katastrophalen Verhältnisse noch zu gut in Erinnerung, die ihn in den letzten Jahrzehnten mehr als einmal in größte Schwierigkeiten brachten und so beugt er, wenn er Gefahr sieht, vor, so gut er es versteht und kann. Die Furcht vor drohender Geldentwertung oder Preissteigerung, vor neuen Konsumsteuern oder die Angst vor erneuter Einschränkung seiner Konsumfreiheit können ihn zu Käufen veranlassen, die unterbleiben würden, wenn er Vertrauen zur Stetigkeit der Wirtschaftslage hätte. Kommt es zu solchen Angstkäufen, dann löst der Konsument durch sie unter Umständen gerade das aus, was er meiden wollte: Warenverknappung und Preissteigerung. Es kommt daher darauf an, die echten Ursachen solcher Vertrauenskrisen zu erkennen, um ihnen und ihren gefährlichen massenpsychologischen Auswirkungen begegnen zu können.
Für das, was den Distributionsvorgang auszumachen hat, sind die Anforderungen entscheidend, die an seine Qualität vom Konsumenten gestellt werden. Wir haben gesehen, daß eine Verkehrswirtschaft ohne Handelsleistungen nicht existieren kann. Z. B. muß ein unentbehrliches Gut, das nicht am Konsumtionsorte produziert wird, zu ihm transportiert werden. So entstehen unvermeidbare Transportkosten, aber sie hängen nicht nur von der Weglänge, von Größe und Gewicht der Ware ab, sondern z. B. auch von der Schnelligkeit oder der Sicherheit des Transportes. Oder die Sortimentsfunktion: Beim normalen Sortiment ist unterstellt, daß ein Händler im Rahmen des branchenüblichen Warenkreises die Waren der wesentlichen Produzenten und Produktionsgebiete in ausreichender Qualitätsmischung vorrätig hält. Jede Einschränkung des Sortiments mindert, jede Erweiterung vergrößert die Kosten, vermindert aber oder vergrößert auch seinen Auswahlwert für den Konsumenten.
Ausführliche Wahrung der Beratungsfunktion verlängert die Kundenbedienung und erhöht damit die Personalkosten, längeres Lagern die Lagerkosten, den Kapitalaufwand und das Lagerrisiko usw. Je höher also die Anforderungen der Konsumenten an die Distribution sind, um so höher sind auch die Distributionskosten.
Diese Distributionskosten, insbesondere die Frage nach ihrer berechtigten Höhe und nach den Möglichkeiten ihrer Herabsetzung, stellen das Kernstück der Problematik der Distribution dar.
Die korrekte Ermittlung der Höhe der Distributionskosten und ihre Aufspaltung in Teilkosten macht mittels der heutigen Methoden betriebswirtschaftlicher Kostenzerlegung keine Schwierigkeiten mehr. Wir können also exakt feststellen, wie sich eine Konsumentenmark in die Anteile der Produktion und der Distribution zerlegt. Dazu müssen bekannt sein der Erzeugungspreis einer Ware und der Einkaufspreis, den der Konsument zu zahlen hat. Die Differenz zwischen dem Erzeugungspreis und dem Konsumenteneinkaufspreis bildet die Gesamthandelsspanne einer Ware. Der Produzent verkauft in der Regel nur mittelbar an den Konsumenten. Zwischen ihm und den Verbraucher schalten sich Handelsglieder ein. Bei jedem Gliede dieser Handelskette ergibt sich eine eigene Handelsspanne. Die Spannen aller Glieder einer solchen Kette, die vom Produzenten bis zum Konsumenten reicht, bilden dann die Gesamthandelsspanne oder Handelskettenspanne.
So einfach das Prinzip der Handelsspannen liegt, bei der Diskussion über sie ergeben sich oft Mißverständnisse. Das gröbste, daß die Handelsspanne die Verdienstspanne des Händlers sei, dürfte ausgeräumt sein. Aber es gibt noch Konfusionsmöglichkeiten genug, wenn verabsäumt wird zu sagen, was für eine Art der Handelsspanne gemeint ist. Ich nannte bereits die Spannen der einzelnen Glieder der Handelskette. Es sind im Normalfall des Binnenhandels mit Konsumfertigwaren drei: die Produzentenspanne, die Großhändlerspanne und die Einzelhändlerspanne. Die erste ist gleich den Vertriebskosten des Erzeugers, die beiden anderen gleich der Differenz zwischen den Ein- und Verkaufspreisen der betreffenden Handlung. Die Kosten der Distribution insgesamt ergeben sich, wenn diese drei Spannen zur Handelskettenspanne zusammengefaßt werden.
Wesentlich ist aber dabei der Berechnungsbereich einer Spanne. Die Handelsspanne kann auf eine Wareneinheit bezogen sein. An diese Stückspanne denkt man zunächst.
Die einzelnen Stückspannen können jedoch über die Angemessenheit der Handelsaufschläge nichts aussagen. Denn der Händler muß die Möglichkeit haben, aus seinen betrieblichen Überlegungen heraus den Zuschlag bei der einen Ware höher, der anderen niedriger zu bemessen. Dieses In-siehÄusgleichen der Spannen ist ein wesentliches Stüdc seiner betrieblidien Preispolitik und im richtigen Ausbalancieren der Stückspannen liegt ein guter Teil seiner Distributionsleistung, deren editer Ausdruck die im kalkulatorischen Ausgleich zustande gekommene Kompensationsspanne, die Betriebshandelsspanne, ist. Erst die Betriebsspanne, die die Differenz zwischen dem Einkaufs- und dem Verkaufspreis aller verkauften Waren ist, läßt ein begründetes Urteil zu, aber nur dann, wenn außer ihr auch das Verhältnis der Handlungskosten zur Spanne und die Aufgliederung der Kosten selbst bekannt sind.
Die Betriebshandelsspanne ist das Ergebnis und nicht etwa der Ausgangspunkt der Kalkulation. Es darf keinen branchenüblichen festen Prozentsatz geben, der auf den Einkaufspreis einer Ware zuzuschlagen ist. Nur jahrelange Fehlleitung der Handelskalkulation durch die Verordnung zulässiger Prozentaufschläge hat in der gelenkten Wirtschaft dem festen Kalkulationssatz zu ungebührlicher Bedeutung verhelfen und durdi die Übung vieler Jahre die Kaufleute dazu gebracht, ihre Kalkulation dann für richtig zu halten, wenn ein behördlich genehmigter Zuschlag angesetzt wurde. Auch heute sind diese falschen Kalkulationsvorstellungen sowohl bei Preisbehörden wie bei Kaufleuten noch nicht ausgestorben, und die Zahl der Händler ist nicht klein, die noch vorn Prozentdenken der Preisverordnungen behaftet sind.
Bei ihnen ist der Sinn für Preisverantwortung zu wecken. Sie müssen lernen, daß die Preisstellung aus den Bedingtheiten der Marktlage, heraus zu erfolgen hat. Kalkulation ist zugleich Spekulation. „Ausspähung" im eigentlidien Wortsinne, die Abschätzung einer Marktsituation der Zukunft. Insofern ist der gesamte Vorgang der Kalkulation dem exakten Rechnen entzogen. Dieses setzt erst nachträglich, als sogenannte Nachkalkulation, ein. Erst die Berechnung der wirklich erzielten Handelsspannen läßt die praktisdn gewordenen Kalkulationsquoten erkennen. Diese Istspannen können dann allerdings nicht kritisch genug überprüft und mit den "Kostenquoten verglichen werden, denn sie zeigen, ob und inwieweit beim Kalkulieren die Entwiddung richtig eingeschätzt wurde. In Zeiten ausgeglichener Preise geben sie dann die Anhaltspunkte für die kalkulatorischen Sollspannen ab, die ein erhebliches „Verkalkulieren" vermeidbar machen.
Die effektiven Handelsspannen haben aber nicht nur betriebliche Bedeutung. An ihnen ist audi die Distributionsleistung als solche meßbar. Ein Vergleidi der Kosten der Distribution mit denen der Produktion ist nach abgesdilossenem Umsätze ohne weiteres möglich. Aber es wäre falsch, dabei zu unterstellen, daß zwischen Produktions- und Distributipnskosten einer Ware eine zwangsläufige Relation bestehen müsse. In Wirklichkeit haben beide nichts miteinander zu tun und ein Anteil von 80 oder 90 % kann ebenso gerechtfertigt sein wie ein solcher von 10 oder 20 % unangemessen. Auskunft darüber, inwieweit die Distributionskosten berechtigt sind, kann nur ihre eingehende Analyse und die kritische Überprüfung ihrer Teilzahlen geben. Von allen Wirtschaftszweigen ist bisher der Facheinzelhandel der einzige, der der Öffentlichkeit vollen Einblick in sein Kostengefüge gewährt. Das von mir an der Kölner Universität geleitete Institut für Handelsforschung erhält laufend von etwa 2000 Einzelhändlern monatliche Berichte über ihre Umsatz- und Kostenentwicklung. Im Durchschnitt des Jahres 19 50 ergab sich z.B. beim Lebensmittelhandel, daß die Personalkosten vom Absatz 8 % ausmachten. Sie waren im Schuheinzelhandel niedriger, 7,1 % im Textileinzelhandel ähnlich, 8,3 %. in Prozenten der Gesamtkosten betrugen sie bei Lebensmitteln 47 %, bei Schuhen 39% und bei Textilien 41 %. Entsprechend sind die Anteile der Miete, der Steuern, der Reklamekosten, der Abschreibungen und der Eigenzinsen bekannt. Vom Absatz berechnet waren die Gesamtkosten im Lebensmittelhandel 17 %, im Schuhhandel 18% und im Textilhandel 20,5 %.
Entsprechend sind für 24 Einzelhandelsbranchcn und Teilbranchen die Kostenzahlen veröffentlicht worden, innerhalb der Branchen noch in Betriebsgruppen nach der Zahl der beschäftigten Personen und nach Llmsatzklassen gegliedert.
Durch diese großzügige Offenlegung seiner Kostenzahlen hat der Einzelhandel eine weitgehende Möglichkeit der Überprüfung seines Distributionsanteils gegeben und gezeigt, daß dieser keine übermäßigen Gewinne enthalten kann. Der Distributionskostenanteil der Grossisten ist erheblich kleiner als der des Einzelhandels. In den Fällen, in denen ihre Zahlen veröffentlicht wurden - so bei einer Untersuchung der Spannen der Kartoffelgroßhändler durch mein Institut - ergeben sich ebenfalls vertretbare Spannen. Es wäre zu wünschen, daß die Produzenten einen ähnlich genauen Einblick in ihre Kostenzusammensetzung wie die Distribuenten ermöglichten.
Aber wir wissen auch, daß für beide gilt, daß das Erreichte, kostenmäßig betrachtet, nicht die letzte Lösung ist und daß unser Bestreben sein muß, rationeller als bisher zu produzieren und zu distribuieren.
Damit komme ich zu dem letzten der Probleme der Distribution, zu der Rationalisierung des Handels.
Das Wort Rationalisierung ist etwas zu sehr Modewort geworden mit all den Erweichungen und Verschwommenheiten, die eine solche Entwicklung mit sich bringt. Rationalisieren ist zweckmäßigeres Gestalten, es umschließt auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit sowohl das Suchen nach besseren Verfahren wie deren Anwendung. Wird Rationalisierung auf technisdiem Gebiete erstrebt, so liegt Technisierung vor, entsprechend auf wirtschaftlichem Gebiete Ökonomisierung. Beides sind verschiedene Seiten der Rationalisierung. Bei vielen Konsumwaren ist durch Technisierung des Produktionsvorganges Massenfertigung möglich, wodurch die Kosten pro Stückeinheit erheblich gesenkt werden können. Aber erst in der Hand des Konsumenten hat die erzeugte Ware Konsumwert und somit kann erst nach der Distribution beurteilt werden, welche Ökonomisierung der Konsumversorgung durch das Verbilligen des Herstellungsverfahrens erreidit wurde. Bleiben die Distributionskosten unverändert, so ermäßigt sich der Konsumentenpreis um die Produktionsverbilligung. Das hat zur Folge, daß der Distributionsanteil prozentual steigt. Es kann aber sehr wohl sein, daß es immer kostspieliger wird, die durch fortgesetzte Technisierung immer billiger aber auch immer zahlreicher erzeugten Waren zur verkaufen. Dann können Produktionskostensenkungen geradezu die Ursache für erhöhte Distributionskosten sein. Zur Produktionsökonomisierung muß also die der Distribution hinzutreten.
Aber während die Probleme der Ökonomisierung der Produktion, die wesentlich durch die technische Rationalisierung bedingt sind, im Grundsatz als gelöst angesehen werden können, sind es die der Ökonomisierung der Distribution noch in keiner Weise.
Woran liegt es, daß die Technisierung und mit ihr die Ökonomisierung der Produktionsleistung so erfolgreich durchgeführt werden kann, während die Distributionsleistung einer Ökonomisierung so wenig zugänglich ist?
Die Gründe gehen auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der innerbetrieblichen und der zwischenbetrieblichen Ökonomisierung für die Produktionsbetriebe einerseits und die Distributionsbetriebe andererseits zurück. Bei der innerbetrieblichen Ökonomisierang ist der Betrieb auf seinen eigenen Fortschrittswillen gestellt. Er kann die Ökonomisierung des Materials, des Personals und ihres Zusammenwirkens in der Arbeit so hoch entwickeln, wie immer es ihm möglich ist. Bei der zwischenbetrieblichen Ökonomisierung ist der Betrieb abhängig von der Bereitwilligkeit und den Fähigkeiten anderer Betriebe. Sein Wille entscheidet nicht mehr allein, sondern er bedarf dazu der Mitwirkung vieler, etwa der Frachtführer bei Verbesserungen der Transportfunktion, der Banken bei der Kreditfunktion, vor allem aber die seiner Kunden bei den Maßnahmen, die der Ökonomisierung des Absatzes dienen.
Der spezialisierte Fabrikant kann im wahren Sinne des Wortes am laufenden Bande immer die gleiche Ware produzieren, so kostensparend wie es nur geht. Seine Absatzorganisation ist nur darauf abgestellt, diese eine Ware an wenige Großhändler zu verkaufen. Aber diese Großhändler führen, wenn sie Sortimentsgrossisten sind, neben dieser einen Ware noch viele andere. Sie können keineswegs ihren gesamten Betrieb nur auf die kostensparende Übernahme und Weiterleitung der einen Ware des einen Fabrikanten abstellen. Und erst recht nicht die Detaillisten. Könnten Groß- und Einzelhändler die auf dem Fließband ohne Pause anfallende Massenware - und sie ist so billig, weil sie ohne jede Stockung produziert werden kann -ebenso fließend verkaufen, mit anderen Worten, ständen beim Grossisten die Einzelhändler und bei diesem die Konsumenten Schlange und warteten nur darauf, die einheitliche Ware laufend in Empfang zu nehmen, so würden die Startbedingungen für die Ökonomisierung bei Produktion und Distribution die gleichen sein.
Die Ökonomisierungserfolge der Produktion werden in erster Linie in den Bereichen der manuellen und der maschinellen Arbeit und der Materialverbesserung erzielt. Diese stehen aber bei der Distribution gegenüber dem der geistigen Arbeitsleistung zurück. Deren Ökonomisierung ist natürlich in keiner Weise nur eine Frage des Handels. Der Unterschied der Industrie gegenüber ist aber der, daß in den Distributionsprozessen, insbesondere denen des Verkehrs der Händler mit ihren Lieferanten und Abnehmern, die manuellen und maschinellen Elemente so stark zurücktreten, daß die geistige Arbeitsleistung beherrschend ist. Sie ist an sich einer Okonomisierung nicht unzugänglich, aber sie bleibt auch danach geistige Arbeit, wenn auch umgeformt in eine schematischere, geistig flachere Tätigkeit. Durch die Ökonomisierung manueller Arbeit, insbesondere in der Form der Rhytmisierung, wird der Arbeitende durch die Gleichförmigkeit nur körperlich gebunden, bleibt geistig frei und ist daher viel eher bereit und fähig, eine bis ins letzte verordnete Arbeitsweise zu übernehmen. Das ist bei der geistigen Arbeit wesentlich anders und daher gehört ihre Ökonomisierung zu den schwierigsten Gebieten der Rationalisierung. Durch sie können nicht annähernd gleiche Erfolge wie bei manueller und maschineller Arbeit erwartet werden. Zu weites Vordringen würde zudem die Gefahr einer Verkümmerung der individuellen Initiative und der Fähigkeit zur Improvisation heraufbeschwören, die beide charakteristisch und wesentlich für die Handelsdurchführung sind.5
Möglichkeiten einer weitgehenden Ökonomisierung werden hingegen häufig in radikalen Vereinfachungsmaßnahmen der Distribution gesehen. Aber ebensowenig wie es in der Produktion eine Rationalisierung bedeutet, wenn eine Ware nur qualitativ vereinfacht wird, ist es eine solche in der Distribution, wenn einfach die Handelsleistungen eingeschränkt werden. 6 Verkleinerung des Sortiments z. B. beschränkt dem Konsumenten die Auswahl und erhöht damit sein Risiko, mangels entsprechenden Angebots eine Ware gekauft zu haben, die für seinen Zweck weniger geeignet ist als eine andere, die aber im Sortiment seines Händlers nicht vertreten war und ihm daher unbekannt blieb. Unzureichende Lagerhaltung wirkt ähnlich und zwingt den Verbraucher zur Vorratshaltung, mangelhaftes Aussortieren zum Selbstauslesen. Unterbleibt die Beratung, so muß sie von anderen Stellen, etwa durch die Markenartikelreklame, übernommen werden oder belastet den Verbraucher mit dem Risiko, das mit unzureichender Information verbunden ist. Ergeben sich durch stärkeres Zentralisieren der Einzelhandlungen längere Einkaufswege, so geht das zu Lasten der Wege der Hausfrauen. Einschränkungen des Kundendienstes bringen entsprechende Erschwerungen für die Abnehmer mit sich, kurz, durch einfache Minderung der Leistungen wird im Handel niemals eine echte Rationalisierung möglich sein.
Bestmögliche Verbraucherversorgung kann nicht auf herabgesetzten Leistungen basieren. In die beste Versorgung muß zwar alles eingeschlossen sein, was zur Kostensenkung und Verbilligung der Vertriebswege getan werden kann, aber ohne Minderung der berechtigten Anforderungen des Konsumenten.
Was als berechtigt anzusehen ist, hängt vor allem davon ab, wie hoch der Konsument seine Freiheit einschätzt, zu kaufen, was er will, wieviel er will und wann und wo. Je mehr diese Freiheiten eingeschränkt werden, um so uniformer und primitiver wird der Wirtschaftsverkehr. Ob, wann und für welche Waren bzw. Leistungsbereiche eine solche Entwicklung gegebenenfalls durch staatliche Maßnahmen herbeigeführt ist, sind Fragen, die nicht nur aus wirtschaftspolitischen Überlegungen heraus gestellt und beantwortet werden können. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Rechnung derer aufgehen wird, die die Gefahren einer Primitivierung und Vermassung unserer Bedürfnisbefriedigung einer dadurch erwarteten Kosteneinsparung zuliebe auf sich nehmen wollen. Denn die Befürworter solcher Maßnahmen sehen keine andere Möglichkeit, als durch den Staat die Verteilung zu organisieren oder wenigstens zu kontrollieren. So würde z. B. Schmalenbach 7 u. U. die Einführung eines Konzessionssystems beim Einzelhandel in Kauf nehmen. Wenn er meint, daß ohne Zuhilfenahme obrigkeitlicher Gewalt bei der Distribution nie die denkbar optimale Form erreicht werden kann, so spricht jede Erfahrung dafür, daß sie mit ihr noch weniger erzielt wird. Er denkt sich die Maßnahmen beschränkt auf die lebensnotwendigen Güter des unmittelbaren Bedarfs und will die Waren, die einer höheren Lebenshaltung dienen, der freien Entwicklung überlassen, übersieht aber dabei, daß die sich daraus ergebende soziale Differenzierung erneute größte Schwierigkeiten zur Folge haben muß. So können diese Fragen nicht gelöst werden.
Wohl aber könnte eine sich bereits anbahnende organisehe Entwicklung gefördert werden, die dazu führt, daß die Distributionsbetriebe sich arbeitsteilig so abgrenzen, daß sich die einen auf Befriedigung des mehr oder weniger uniformen Massenbedarfs einstellen und die anderen auf differenzierten Individualbedarf.
Bei den Waren des Massenbedarfs ist nicht nur an die wichtigsten Lebensmittel zu denken, zumal diese bereits mit sehr niedrigen, sogenannten „sozial kalkulierten" Spannen verkauft werden, sondern vor allem auch an industriell gefertigte Konsumwaren des Bekleidungs-, Wohn- und Haushaltsbedarfs, davon insbesondere die den Konsumentenetat schwer belastenden Waren einmaliger Anschaffung, wie etwa Möbel, Kühlschränke, Dauertextilien. Bei diesen Waren kommt es in erster Linie darauf an, daß sie den Konsumzweck voll zu erfüllen in der Lage sind. Ein Brillengestell leistet genau die gleichen Dienste, ob es aus Kunsthorn oder aus Schildpatt ist, der Nutzwert der Gummisohlen ist der gleiche wie der von Ledersohlen, und ein maschinengefertigter Teppich braucht im Gebrauch einem handgeknüpften nicht nachzustehen, ebensowenig wie ein Konfektionsanzug der Maßarbeit.
Teueres Material oder kompliziertere Fertigung sind durchaus nicht immer besser im Sinne der Verbrauchseignung. Auf die Nutzqualität einer Ware kommt es aber bei der Konsumtionsversorgung in erster Linie an. Die Stoffqualität ist nur insofern von Belang, als das verwendete Material den Nutzungsansprüchen, die zudem oft zeitlich beschränkt sind, voll genügen muß. Der Konsument ist allerdings geneigt, dem wertvolleren Stoffe auch einen größeren Nutzwert zuzuschreiben. Er schließt vom hohen Preis auf hohe Qualität und übersieht, daß es auf beste Nutzund nicht auf beste Stoffqualität ankommt. Indem Fabrikanten und Händler ihre Aufgabe darin sehen, die berechtigten Nutzungsansprüche der Konsumenten voll zu erfüllen, dabei aber in stofflicher und fabrikatorischer Hinsicht jede mögliche Einsparung wahrnehmen, können bei vielen Konsumwaren erhebliche Kostensenkungen erzielt werden. Das wird immer zugleich auch eine Vereinfachung der Ware und ein Zurückführen von vielerlei Ausführungen auf die für den Verbrauch unentbehrlichen sein. Wenn dann noch kostensparende Absatzverfahren hinzutreten, etwa in der Art, wie heute schon Großbetriebe des Konfektionseinzelhandels die Kundenbedienung vereinfacht haben, so würde es in der Tat allgemeiner möglich sein, den breiten Massenbedarf mindestens ebensogut wie bisher, aber mit wesentlich geringerem Verbrauch an Kaufkraft zu befriedigen.
Im gleichen Maße wird damit die Erfüllung differenzierterer Konsumentenwünsche kostspieliger, da sowohl die Fabrikanten wie die Händler, die auf sie eingestellt sind, die Kostenvorteile einer vereinheitlichten Massenproduktion und eines vereinfachten Bedienungsverfahrens nicht oder doch nur sehr beschränkt nutzen können.
Die Anfänge einer solchen Entwicklung sind bereits zu beobachten, besonders im Einzelhandel, wo Betriebsformen entstanden sind, die durch Sortimentsbeschränkung und Bedienungsvereinfachung alles auf den kostengünstigen Großumsatz von Waren mit geringer Lagerdauer abstellen. Sie schaffen sich dadurch solange günstige Absatzbedingungen, als die übrigen Betriebe die von ihnen ausgegliederten Funktionen weiterhin wahrnehmen. Ihr Kundenkreis beschränkt sich also auf den Teil der Konsumenten, von dem der jeweilige Leistungsausfall nicht störend empfunden wird.und der zahlenmäßig stark genug sein muß, um den Betrieben den Großumsatz zu sichern.
In den Großstädten wird das immer der Fall sein, sonst müssen Betriebsformen wie die des Versandhandels oder Großformen des ambulanten Handels gewählt werden.
Wenn sich heute ihr Einfluß auf das Preisniveau der Konsumware noch in relativ engen Grenzen hält, so liegt das an ihrem noch verhältnismäßig kleinen Anteil am Gesamtumsätze, ferner an dem Umstände, daß sich die oben skizzierte Trennung des Massenbedarfs vom individuellen erst anzubahnen beginnt und endlich auch an dem Rentabilitätsstreben der Großbetriebe, das sie die üblichen Preise im allgemeinen nur soweit unterschreiten läßt, als es zur Wahrung des Rufes der Billigkeit und zur Abwehr der Konkurrenz notwendig ist. Von der Untergrenze der durch vereinfachten Massenabsatz erreichbaren Verbilligung der Konsumwaren sind wir jedenfalls noch weit entfernt. Das gilt inbesondere für die hochwertigen Waren der einmaligen Anschaffung.
Im heutigen Stadium der Entwicklung kann daher hier noch nicht von einer echten Ökonomisierung der Distribution gesprochen werden. Trotzdem haben diese Rentabilisierungsmaßnahmen ihre Bedeutung auch- für die Handelsökonomisierung, denn sie wirken wie ein Sauerteig und erweisen sich häufig als Schrittmacher für die Methoden echter Ökonomisierung.
Da viele dieser Methoden, insbesondere soweit sie den Einzelhandel betreffen, nicht ohne Anerkennung oder wenigstens Duldung des Konsumenten angewandt werden können, beschäftigt sich häufig die Tagesdiskussion mit ihnen. Deshalb muß immer wieder gesagt werden, daß es, ebensowenig wie für die gesamte Ökonomisierung der Distribution, so auch für die des Einzelhandels keine alleinseligmachende Methode gibt. Es sind vielmehr vielerlei Verfahren von sehr verschiedener Wertigkeit, die angewendet oder vorgeschlagen werden, jedes mit Vor- und Nachteilen. Auf einige der wesentlicheren dieser Ökonomisierungsgesichtspunkte sei kurz eingegangen.
Im Vordergrund steht wohl immer das Sortimentsproblem. Von Seiten der Produktion ist es durch bessere Entwicklung der Konsumwaren im Sinne der Nutzqualität in Angriff zu nehmen, was, wie bereits erwähnt, zugleich Verminderung der Sortenzahl und Vereinfachung der restlichen bedeutet. Für den Handel gilt im Prinzip das gleiche. Je weniger Sorten er führt, um so einfacher und damit kostensparender sind Einkauf, Lagerhaltung und Verkauf. Gottlieb Duttweiler erzielte 1925 die ersten großen Erfolge seines Migros-Unternehmens mit 9 Sorten Lebensmittel - die Rochdaler Pioniere begannen 1844 mit 4 Waren (Mehl, Butter, Zucker, Hafergrütze) - 1933 waren es 245 Sorten und jetzt sind es 600, während die konkurrierenden Lebensmittelgeschäfte 12 bis 1500 Sorten,führen. Mit der.Sortenverminderung wird auch im Handel meist eine Vereinfachung der Ware erreicht, indem die Ware zur Beschleunigung der Verkaufsabwicklung abgepackt bereitgehalten wird. Genau wird die Umschlagsschnelligkeit der einzelnen Waren beobachtet, um das Sortiment freizuhalten von Waren langsamen Umsatzes, da diese die Kosten steigern. Andererseits werden außerhalb der traditionellen Branchenabgrenzung liegende Waren aufgenommen, wenn sie Erfolg versprechen.
Der Umsatzbeschleunigung dient auch die Vergrößerung der Abgabemengen. Der Verkauf einer 1/2-Pfd.-Packung erfordert die gleichen Kosten wie der einer Kilopackung, der Umsatz ist aber der Vierfache. Gelänge es z. B. im Lebensmittelhandel, die 1/8- oder 1/4-Pfd.-Einkäufe merklich zurückzudrängen und durch größere zu ersetzen, so würden aHein durch eine solche Maßnahme, die zum guten Teil eine Frage der Erziehung der Hausfrau ist, beachtliche Kosteneinsparungen die Folge sein.
Ähnlich liegt es mit dem runden Preise. Er wurde von Duttweiler der schnelleren Abrechnung wegen an seinen Verkaufswagen eingeführt, die an den einzelnen Haltestellen nur wenige Minuten Verkaufszeit haben. Er hat aber nicht nur Bedeutung für das schnelle Kassieren. Die Migrospreisliste vom März 1951 bietet z. B. abgepackten Zucker zu 2 Franken an. Die Packung enthält 1960gFeinkristallzucker oder 1905 g Grießzucker, der Kilopreis beträgt 1,02 bzw. 1,05 Franken. Der Kunde kann aber nicht für 2,04 Franken 2 kg Kristallzucker kaufen, sondern nur für den runden Betrag von 2 Franken und erhält dafür 40 g weniger. Wird der Zucker billiger, so enthält die 2-Franken-Packung die entsprechende Grammzahl mehr und umgekehrt. Der jeweilige Kilopreis ist auf der Verpackung aufgedruckt, ebenso das für 2 Franken gelieferte genaue Warengewicht. Dieses Verfahren veranlaßt den Kunden zum Einkauf einer größeren Menge, im Beispiel von 4 Pfd. Zucker statt des üblichen einen. Der runde Betrag vereinfacht die Abrechnung des Händlers und die Dispositionen der Hausfrau. Diese muß mit einem bestimmten Wochengeld rechnen, das sie sich jetzt ebenfalls in runde Beträge aufteilen kann. Sie erhält dafür je nach der Marktlage einmal etwas mehr, ein andermal etwas weniger Warenmenge, kommt aber immer mit ihrer fixen Einteilung des
Haushaltgeldes in soundsoviel Franken für Brot, Butter, Zucker usw. aus und kann trotzdem beurteilen, ob sie preisgünstig gekauft hat. Dem Händler ermöglicht der runde Preis ferner eine viel präzisere Preisstellung, die die Schwankungen seiner Einkaufspreise genau berücksichtigt. Die Migrospreise sind bis auf den zehntel Rappen kalkuliert. So wurden z.B. Halbweißmehl zu 71,4 Rappen das Kilo verkauft, d. h. der Kunde bezahlte 1 Franken und erhielt 1400 g Ware. Dieser runde Preis ist also etwas anderes als der feste Preis der Markenartikel, die Gewichtsangaben nur da bringen, wo sie gesetzlich vorgeschrieben sind, keine Umrechnungen auf vergleichbare Gewichtsmengen vornehmen und sich nur sehr zögernd Preisveränderungen anpassen.
Eine weitere Kostensenkungsmöglichkeit liegt im Barpreis. Ich brauche die Vorteile der sofortigen Zahlung für Verkäufer und Kunden nicht näher zu erläutern. Wo Zielkäufe noch üblich sind oder neuerdings wieder angeregt werden, müßten zwei Preise gestellt werden: ein Barpreis und ein um die Kosten für Zinsverlust, Risiko und zusätzliche Verwaltung erhöhter Zielpreis. Auf keinen Fall geht es an, daß die Barzahler die Kosten der Zielkäufe tragen müssen.
In vielen Einzelhandelsbranchen, vor allem im Lebensmittelhandel, wurde früher ein Anreiz zur Barzahlung durch Ausgabe von Rabattmarken ausgeübt. Die Wiedereinführung dieses Rabattes, jetzt in Höhe von 3%, ist allgemein wieder im Gange, nachdem der größte deutsche Filialbetrieb damit begonnen hatte. Da die meisten Umsätze Barumsätze sind - die Kreditverkäufe betrugen im Lebensmitteleinzelhandel nach den Erhebungen meines Instituts um 6-7 % -, sollte statt dessen lieber eine echte Preissenkung da, wo sie möglich ist, durchgeführt werden. Damit würde ein Ökonomisierungsinstrument angesetzt, dessen sich der Handel in viel stärkerem Maße bedienen muß, wenn er die Freiheit der Wirtschaft erhalten will: die Preiskonkurrenz.
Die Preisvorstellungen vieler Betriebe - nicht nur des Handels, für die Industriebetriebe gilt das gleiche - ist immer noch von dem die Preisverordnungszeit beherrschenden Denken beeinflußt, daß die Kosten auf alle Fälle durch den Preis gedeckt werden müssen und daher ihre Höhe hinzunehmen ist. Und die Käufer, insbesondere die letzten Verbraucher, sind noch nicht wieder so preisempfindlich geworden, wie es nötig wäre, um die Betriebe zur äußersten Preisstellung zu zwingen. Mit der Aktivierung der Preisempfindlichkeit der Konsumenten ist eine Aufgabe für die Ökonomisierung der Distribution gegeben, die nicht weniger wichtig ist als die Maßnahmen, die Produzenten und Händler zu treffen haben.
Der Konsument muß auch wieder zum genauen Pfennigrechnen gebracht und dazu erzogen werden, auch kleinste Preisunterschiede bei der Auswahl seiner Geschäfte zu beachten. Dem steht einmal entgegen, daß ihm nicht mehr bewußt ist, was die Summierung täglicher Pfennigersparnisse einbringt. Das hat sehr anschaulich die Sparkasse in Einbeck den Hausfrauen demonstriert, die bei den Lebensmittelhändlern Sparschränke mit Einzelbüchsen aufgestellt hat, die herausgegebene Pfennigspitzen aufnehmen. Auf diese Weise wurden in der kleinen Stadt mit etwa 17 000 Einwohnern zusammen mit dem damit verbundenen Abholoparen in 8 Monaten 30000 DM Spargelder aufgebracht.
Der Preisaktivität des Konsumenten steht aber nicht nur mangelnde Preisempfindlichkeit entgegen. Viele Frauen, die für einen Haushalt einzukaufen haben, sind teilweise oder voll berufstätig und müssen in Eile in der nächsten Nachbarschaft ihres Arbeitsplatzes oder ihres Haushaltes die nötigen Einkäufe besorgen. Selbst bei größeren Anschaffungen bleibt ihnen, ebenso wie den männlichen Berufstätigen, oft nicht ausreichend Zeit, um in Ruhe Preisvergleiche anzustellen. Die frühen Ladenschlußzeiten samt dem Samstagnachmittagschluß bekommen von diesem Aspekt aus ein ganz anderes soziales Gesicht und es ist durchaus erwägenswert, die Läden in erster Linie in den Stunden offenzuhalten, in denen in den anderen Betrieben Arbeitsruhe herrscht. Dafür aber zu sorgen, daß auch der eilige Käufer Preisvorteile ausnutzen kann, ist eine wichtige Aufgabe der Preispublizität, sei es von den Betrieben aus durch Reklame, von den Konsumenten aus durch mündliche Verbreitung, von den Behörden aus durch Preisauszeichnungspflicht usw.
Erwähnt sei noch, daß auch durch Technisierung eine rationellere Distribution erstrebt werden kann. Bei den Lager- und Verpackungsarbeiten, dem Versande, auch beim einfachen Aushändigungsverkauf ist eine Taylorisierung oder Umstellung auf fließendem Ablauf möglich. Auch die Tätigkeit des Verkäufers läßt sich durch Selbstbedienungsläden oder durch Automaten ersetzen, allerdings nicht ohne erhebliche neue Kosten, die jedenfalls für europäische Verhältnisse bisher noch kein Urteil darüber zuließen, ob so wirklich Kosten eingespart werden können.
Die genaue Beobachtung der Kostenentwicklung ist ebenfalls ein Stück der Ökonomisierung. Durch die Einführung der Kostenstelle als Rechnungsgröße und den Übergang zu immer kurzfristigeren Zwischenabschlüssen hat das betriebliche Rechnungswesen wichtige Fortschritte erzielt, die der Ökonomisierung nutzbar gemacht werden können.
Alle diese ökonomisierenden Tendenzen sind besonders ausgeprägt bei großen Betrieben, da bei diesen schon der LImfang der Geschäfte eine besonders rationelle Betriebsführung erzwingt und bei ihnen alles auf Umsatzsteigerung, Ausschaltung von LImsatzschwankungen und Erhöhung der Umschlagshäufigkeit des Lagers abgestellt ist. Das gilt für privatwirtschaftliche wie genossenschaftliche Unternehmen, für Einzelhandel wie für Großhandel im gleichen Maße. Wo nur möglich, wird außerdem dazu übergegangen, die Abgabemengen zu vergrößern und kostenspielige Kundendienstleistungen, wie Zuschicken der Ware, Änderungen, Sonderanfertigungen, zu vermeiden, um die Kosten je Verkaufsakt zu senken. Eine allgemeine Steigerung des Warenumschlags, sei es pro Verkaufsakt, sei es durch Verringerung der Leerlaufzeiten, würde weitgehende Folgen haben, besonders wenn es gelingt, daran auch die Kleinbetriebe der Distribution zu beteiligen.
Die Frage der optimalen Betriebsgröße ist vor allem im Einzelhandel akut, wo die Großformen der Warenhäuser, Massenfilialbetriebe und Konsumgenossenschaften die Aufmerksamkeit besonders auf sich ziehen. Deren Anteil am Gesamtumsätze des Einzelhandels wird allerdings oft überschätzt. Er dürfte vor dem Kriege zwischen 10 und 15% gelegen haben.
Die Frage, ob die weitere Entwicklung dieser Großformen wünschenswert ist, ist nicht nur eine wirtschaftliche. Ich habe gezeigt, daß sie auf Kosten der Funktionen und damit der Konsumtionsversorgung geht, da sie die Primitivierung und Vermassung fördert. Sie geht aber auch auf Kosten der mittelständigen Struktur unserer Gesellschaft. Für diese ist die wünschenswerte Betriebsform der Mittelbetrieb, insbesondere der größeren Formates, dessen Führung für einen gründlich geschulten, erfahrenen und leistungsfähigen Fachmann eine erstrebenswerte Lebensaufgabe darstellt. Bei entsprechender kaufmännischer Qualifikation seines Leiters kann ein solcher Betrieb, vor allem wenn er sich genossenschaftlich mit anderen verbindet oder eine Interessengemeinschaft mit Grossisten eingeht, sich alle Vorteile sichern, die den Ökonomisierungsvorsprung der Großbetriebe ausmachen, ohne die Nachteile deren unpersönlicher Geschäftsführung und mangelnden Anpassungsfähigkeit in Kauf nehmen zu müssen.
Ohne Zweifel ist eine große Zahl der Handlungen zu klein, um rationell arbeiten zu können. 1933 waren 38% aller Großhandlungen und 49% aller Einzelhandlungen Einmannbetriebe und 32% bzw. 41% Betriebe, die 2 bis 3 Personen umfaßten. In diesen Größenklassen sind viele Betriebe, die, wenn sie die alleinige Existenzbasis ihrer Inhaber bilden, weder betriebs- noch volkswirtschaftlich gerechtfertigt sind.
Es ist wiederholt versucht worden, diese Kümmerformen auszumerzen. Als 1939 überall dringend Arbeitskräfte gesucht wurden, konnten auf Grund der Auskämmverordnung nicht lebensfähige Einzelhandlungen geschlossen werden. Es zeigte sich aber, daß bis zu 90% und mehr der Inhaber der betroffenen Betriebe nicht arbeitseinsatzfähig waren, daß sich also in diesen ausschaltungsreifen Betrieben zahlreiche Existenzen über Wasser hielten, die sonst der öffentlichen Fürsorge zur Last gefallen wären. Diese Erkenntnis darf aber nicht dazu verführen, aus sozialpolitischen Gründen eine ungesunde Entwicklung gutzuheißen. Das wäre im Interesse einer zu erstrebenden optimalen Konsumtionsversorgung ebensowenig vertretbar wie etwa ein Schutz der bestehenden Geschäfte durch eine zünftlerische Beschränkung des Zugangs zum Handel.
Um nun zum Schluß auf den Konsumenten, der den Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildete, zurückzukommen: Es ist ganz ausgeschlossen, aus der großen Zahl der möglichen Wege einer Ware zum Konsumenten einen als die einzige Lösung herauszuheben, dafür ist die Distributionsaufgabe viel zu vielgestaltig. Es ist vielmehr ein fortgesetztes Suchen nach wirtschaftlicheren Wegen und ein Wählen zwischen sich ergebenden Möglichkeiten nötig.
In diesem Zusammenhange muß auch das weite Gebiet der Organisation der Konsumenten genannt werden. Jeder Konsument treibt Handel, indem er den Bedarf für seine Haushaltung einkauft. Zusammenschlüsse sind naheliegend, sei es, um bestimmte Preisnachlässe durch Rabattvereinigungen zu erzielen, sei es im Sinne der Label-Organisation, um zum Kaufe bestimmter Waren oder in bestimmten Geschäften zu beeinflussen, sei es vor allem durch genossenschaftlichen Einkauf in Konsumgenossenschaften. Auch bei diesem organisierten Konsumentenhandel ist wie bei allen übrigen Distributionsformen zu fragen, ob und inwieweit er eine ökonomischere Versorgung des Konsumenten unter Wahrung seiner Freiheit gewährleistet.
So vollzieht sich durch Leistungswettbewerb in der freien Wirtschaft eine natürliche Auslese der Distributionswege, die, wenn sie nicht durch monopolistische Momente gestört wird, sich in Richtung einer Optimallösung auswirkt. Bei dieser Auslese kommt dem Konsumenten eine sehr wesentliche Aufgabe zu. Auch er muß sich bei seinen Einkäufen von wirtschaftlichen Überlegungen leiten lassen und die Betriebe stützen, die durch günstigere Preisstellung seine Kaufkraft erhöhen und damit zur Ökonomisierung der Distribution beitragen. Ich habe den Konsumenten den Souverän der Wirtschaft genannt, aber es ist nötig, daß er sich dieser Souveränität bewußt wird. Die Häuptgemeinschaft des Einzelhandels hat unlängst mit Recht darauf hingewiesen,8 daß, wenn der Konsument, insbesondere die Hausfrau, bei jedem 100 DM Einkauf durch planmäßiges Vergleichen der Preise, Qualitäten und Sorten nur 2 bis 3 Mark einspare, und das wäre durchaus möglich, daß damit jährlich 700 Millionen bis eine Milliarde DM entweder zu zusätzlichen Einkäufen von Konsumgütern verwendet oder als Spareinlagen zurückgelegt werden könnten. Hier steckt, wie wir bereits gesehen haben, ein sehr ernstes Problem. Von der Aktivierung der Preisempfindlichkeit des Konsumenten, von seiner Erziehung zum Pfennigrechnen, kann der entscheidende Anstoß einer durchgreifenden Ökonomisierung der Distribution ausgehen.
Wo der Konsument handelnd auftritt, geht es aber - und darauf lassen Sie mich zum Abschluß noch hinweisen -, um mehr als nur ökonomisdie Dinge. Einer der genauesten Beobachter der Konsumtionsprobleme, Karl Bücher, hat 1919 in einem Vortrag über die Konsumtion 9 auf ihre enge Berührung mit der Ethik und der Psychologie hingewiesen und gesagt, „daß die wirtsdiaftlichen Handlungen des Mensdien nirgends auf einen so festen sozialethischen Beurteilungsmaßstab stoßen wie gerade auf dem Gebiete der Konsumtion. Die Begriffe Verschwendung, Geiz, Luxus, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Freigiebigkeit, Schmarotzertum sind zu allen Zeiten nicht rein ökonomisdie, sondern vorzugsweise ethische Begriffe gewesen". Beim Konsumenten schneiden sich die Linien psychologischer, ökonomischer, politischer und ethischer Stellungnahme zu den Problemen der Distribution, die sich so manifestiert als eine Kulturerscheinung, die tiefer wirkt, als es bei flüchtiger Betrachtung zunächst erscheint.
Daraus leitet sich auch die Berechtigung intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den Phänomenen ab, die zur Konsumtion hinführen. Diese wissenschaftliche Erforschung der Distribution hat zur Voraussetzung eine mit möglichster Akribie durchgeführte Ermittlung der einzelnen Distributionstatsachen bei einem unsere Wirtschaft repräsentierenden Kreis von Betrieben, eine genaue Aufnahme der Kostenvorgänge und Spannenbildung bei der Weitergabe der Ware in der Handelskette und eine Klärung der Bedarfsdeckungsfragen der Haushaltungen. Das von mir geleitete Institut für Handelsforschung an der Kölner Universität
bemüht sich sehr in dieser Richtung, sowohl um die Ausbildung der Untersuchungsmethoden wie um die Durchführung der Untersuchungen selbst. Die Tausende von Einzelzahlen, die dabei anfallen, haben für die Erforschung der Distributionsvorgänge eine ähnliche Bedeutung wie etwa die täglichen atmosphärischen Messungen für die meteorologische oder limatologische Forschung. Diese kleinsten Beobachtungen in Form von Ums-atz- und Kostenzahlen einzelner Betriebe, Einkaufsziffern einzelner Haushaltungen, Preisanalysen einzelner Waren, können entsprechend den meteorologischen oder klimatologischen Elementen als Wirtschaftselemente bezeichnet werden, aus denen sich schließlich in zusammenfassender Durch- und Verarbeitung das Bild der Distributionserscheinungen formt. Mit der zunehmenden Auflösung der Unbekannten in der Distribution wird der Weg frei zu ihrer Rationalisierung, die, wenn sie eine edite ist, die ökonomischen, politischen und die ethischen Gesichtspunkte zur Harmonie bringen muß und damit weit über die nur wirtsdiaftlidie Sphäre hinausragt.
1 Vortrag, gehalten in der 16. Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen". Die Diskussion über den Vortrag ist im Heft 16 der Sitzungsberichte, herausgegeben im Auftrage des Ministerpräsidenten Karl Arnold von Ministerialdirektor Dipl.-Ing. L. Brandt (Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen 1952) nadizulesen., 2 James B. Jefferys: The Distribution of Consumer Goods, a factual study of methods and costs in the United Kingdom in 1938, Cambridge 1950., 3 Rudolf Seyffert: Wirtschaftslehre des Handels, Köln und Opladen 1951, S. 536., 4 Wirtschaftslehre S. 471., 5 Über die Ökonomisierung der geistigen Arbeit siehe auch E. Sundhoff: Über den Stand der Okonomisierung, in „Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung an der Universität zu Köln", 1951, S. 111 f., 6 Vergleiche dazu meine Ausführungen über die Handelsökonomisierung in der „Wirtschaftslehre des Handels", S. 286 ff., 7 Eugen Schmalenbach: Der freien Wirtschaft zum Gedächtnis. Köln-Opladen 1949, S. 59/63., 8 Handelsspannen und Preisentwicklung. Denkschrift der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (Oktober 1951) S. 21., 9 Aufsatz Konsumtion in der 2. Sammlung der „Entstehung der Volkswirtschaft", Tübingen 1918, S. 244.
