Home | 1955 | 1955-12-30 | Inernationaler Vergleich von Struktur und Leistungen des Handels

Inernationaler Vergleich von Struktur und Leistungen des Handels

von Privatdozent Dr. Hans Buddeberg
Zur Beurteilung der Situation des westdeutschen Handels konnten im Laufe der letzten Jahrzehnte neben der amtlichen Statistik mit Hilfe des Betriebsvergleiehs wichtige Unterlagen gewonnen werden. Insbesondere zeigt der über größere Zeiträume hinweg vorgenommene Vergleich deutlich Strukturveränderungen sowie gewisse Verlagerungen in der Durchführung der betrieblichen Prozesse. Für die Handelsforsehung bietet aus diesem Grunde das Betriebsvergleichsmaterial eine sehr wesentliche Erkenntnisquelle, die ihrer Bedeutung nach -der durch den Betriebsvergleich geleisteten praktischen Rationalisierungsarbeit nicht nachsteht. Zur Beurteilung der distributionswirtschaftlichen Situation eines Landes reicht allerdings das innerhalb der Ländergrenzen gewonnene Vergleichsmaterial nicht ohne weiteres aus. Ähnlich wie die isolierte Betrachtung der Zahlen eines Betriebes keine hinreichende Möglichkeit der Diagnose verschafft, bietet auch der isolierte Vergleich der Ergebniszahlen der Handelsbetriebe eines Landes noch nicht die letzte Vollständigkeit. Erst durch den Vergleich der Situation der Handelswirtschaft in verschiedenen Ländern werden sich zusätzliche Auswertungsmöglichkeiten erschließen. Aus diesem Grunde ist der internationale Vergleich von Handelszahlen für die Handelsforschung ein bedeutungsvolles Arbeitsgebiet. Diesem Tatbestand haben schon seit Jahrzehnten nationale und internationale Institutionen Rechnung getragen, insbesondere hat sich die Internationale Handelskammer in Paris in der Vor- und Nachkriegszeit um die Zusammenstellung von Vergleichszahlen verdient gemacht. In den letzten Jahren hat sich die Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) in Paris für Ländervergleiche verschiedener Wirtschaftszweige eingesetzt. Neben volkswirtschaftlichen Untersuchungen und solchen aus dem Bereich der Industrie ist dabei auch dem Handel Beachtung geschenkt worden. Davon zeugt beispielsweise der von Jefferys, Hausberger und Lindblad zusammengestellte Bericht über „Produktivität in der europäischen Absatzwirtschaft, dargestellt am Groß- und Einzelhandel", der durch die Rationalisierungsgemeinschaft des Handels beim RKW (RGH) kürzlich in die deutsche Sprache übersetzt worden ist. Aus diesem Bericht läßt sich deutlich erkennen, daß internationale Vergleiche auf starke Schwierigkeiten stoßen. Vor allem fehlt es an entsprechenden Vergleichszahlen, da der Stand der Statistiken in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist.
Abgesehen von Vergleichen der Struktur des Groß- und Einzelhandels in den verschiedenen europäischen Ländern, die auf Grund der Betriebszählungen auch schon vor dem Kriege seitens der Internationalen Handelskammer veröffentlicht worden sind, ist — soweit festgestellt werden konnte — bisher nur ein umfangreicher Bericht erschienen, der internationales Vergleichsmaterial enthält. Es handelt sich dabei um die „Kennzahlen zur Handelsforschung", die auf Grund einer Arbeit von Julius Hirsch von der Internationalen Handelskammer im Jahre 1935 herausgegeben worden sind. Dieser Bericht stützt sich allerdings in sehr starkem Maße auf Zahlen aus Deutschland sowie auf Zahlen aus den Vereinigten Staaten von Amerika, wahrend für die übrigen Länder nur vergleichsweise wenig Material enthalten ist.
Das Institut für Handelsforschung hat nunmehr den Versuch unternommen, für eine Reihe westeuropäischer Länder neues Material zusammenzutragen, das in Kürze im Rahmen der Schriftenreihe des Instituts erscheinen wird 1. In diese Untersuchung konnten aus den europäischen Ländern die Niederlande, Österreich, Schweden und die Schweiz einbezogen werden. Soweit als möglich sind Vergleichszahlen aus Westdeutschland eingearbeitet worden. Die Arbeit kann allerdings nur als ein erster Versuch gelten, in systematischer Form internationale Vergleiche über den Groß- und Einzelhandel durchzuführen. Der unterschiedliche Stand der Statistik in den verschiedenen Ländern sowie auch die nicht unerheblich voneinander abweichenden Erhebungs- und Auswertungsmethoden verhinderten es, zu einem voll vergleichbaren Bild der Situation zu gelangen. Daher begnügt sich die Veröffentlichung zunächst einmal damit, das ermittelte Material länderweise zusammenzustellen und zu interpretieren. Insgesamt sind 102 Tabellen für die vier erwähnten Länder angelegt worden. Weiteres Zahlenmaterial ist im Textteil der Arbeit enthalten. Im Hinblick auf die Beschränkung der finanziellen Mittel, die für die Untersuchung zur Verfügung standen, war es nicht möglich, den Kontakt zu den ausländischen Stellen in dem Umfange aufzunehmen, der für die Arbeit wünschenswert gewesen wäre. Vielmehr konnten Besuche bei den in Frage kommenden Institutionen der einzelnen Länder für jedes Land jeweils nur für die Dauer von einer Woche durchgeführt werden. Daneben wurde auf schriftlichem Wege Material beschafft und schließlich die entsprechende Auswertung sowie der Einbau westdeutschen Materials im Institut für Handelsforschung vorgenommen.
Mit Rücksicht auf die starken Unterschiede, die materialmäßig für die einzelnen Länder festzustellen waren, wurde darauf verzichtet, Generaltabellen mit einer Gegenüberstellung der Zahlen sämtlicher Länder aufzunehmen. Es wurden also lediglich die Länderergebnisse einzeln sowie gegebenenfalls unter Hinzufügung westdeutscher Vergleichszahlen dargestellt. In dem vorliegenden Beitrag sollen nun einige ausgewählte Ergebnisse des internationalen Vergleichs herausgestellt werden, wobei jeweils auch ein Vergleich von mehreren Ländern miteinander erfolgen soll. Dabei werden die Zahlen über die Struktur des Groß- und Einzelhandels nicht behandelt, da sie ohnedies länderweise auf Grund der amtlichen Statistik veröffentlicht worden sind. Vielmehr sollen Leistungs- und Kostenzahlen gebracht werden, an denen ein besonderes betriebswirtsdiaftliches Interesse besteht.

Absatzsituation

Während über die Entwicklung des Großhandelsabsatzes nur unvollständige Unterlagen zu gewinnen waren, lassen die vorliegenden Vergleichszahlen über den Einzelhandelsabsatz einen unmittelbaren Vergleich von vier Ländern zu, der in Tabelle 1 dargestellt worden ist.
Die Absatzstatistik läßt eine unterschiedliche Entwicklung in den vier herangezogenen Ländern erkennen. Der Hauptgrund liegt in den stark differierenden Möglichkeiten zur Deckung des Konsumgüterbedarfs in den ersten Jahren nach dem Kriege, In den neutralen Ländern war es bereits zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt möglich, den Nachholbedarf der Kriegsjahre zu decken. Das läßt sich an den Absatzentwicklungszahlen der Sdiweiz ablesen, die im Jahre 1953 nur um 16% über denen des Jahres 1949 lagen. In den Niederlanden ist der Absatzverlauf dem der Schweiz weitgehend ähnlich, weil auch hier die Möglichkeiten zur Warenbeschaffung früher einsetzten als in Österreich und der Bundesrepublik. In den beiden letztgenannten Ländern zeigen sich besonders kräftige Absatzzunahmen im Laufe der 5 Jahre. Die in Österreich festzustellende Zunahme von 70% beruht allerdings weitgehend auf Preiserhöhungen. Eine Ausschaltung der unterschiedlichen Preisentwicklung war jedoch nicht möglich, da nicht für alle Länder preisbereinigte Absatzvergleichszahlen zu ermitteln waren.
Auf die betriebswirtschaftliche Situation des Einzelhandels wirken die monatlichen Absatzschwankungen besonders nachhaltig ein, denn mit ihnen ist das Problem einer ungleichmäßigen Ausnutzung der betrieblichen Kapazität verbunden. Der Vergleich der monatlichen Absatzzahlen zeigt hier bemerkenswerte Abweichungen, wie aus Tabelle 2 ersichtlich ist.
Die ausgewiesenen Zahlen lassen auf unterschiedliche Einkaufsgewohnheiten der Kunden schließen. Es ist auffällig, daß in den Niederlanden der Saisonrhythmus der Einzelhandelsumsätze wesentlich ausgeglichener ist als in den übrigen Ländern, Am stärksten ausgeprägt sind die Schwankungen in Österreich sowie in Westdeutschland. Die für den Durchschnittswert des gesamten Einzelhandels festgestellten Tendenzen finden sich im wesentlichen auch hei den drei Fachzweigen wieder, die als Beispiele für die Situation bei Waren verschiedener Bedarfsrichtungen ausgewählt worden sind. Bei Lebensmitteln sind die Schwankungen in allen vier erfaßten Ländern am geringsten, wobei wiederum die Niederlande die schwächsten Abweichungen vom Monatsdurchschnitt aufzuweisen haben. Bei Bekleidung und Textilien liegt bemerkenswerterweise in den Niederlanden die Absatzspitze nicht am Jahresende, sondern im Juli. Die in starkem Maße zu Geschenkzwecken herangezogenen Artikel der Branche Glas, Porzellan- und Keramikwaren zeigen überall beträchtliche Saisonschwankungen im Vergleich zu den sonst erfaßten Fachzweigen, übrigens auch in den Niederlanden.
Es ist einleuchtend, daß in denjenigen Ländern, die geringere Absatzschwankungen aufweisen, wegen der gleichmäßigeren Ausnutzung der betrieblichen Kapazität auch eine günstige Wirkung auf die Kostensituation des Einzelhandels festzustellen ist.

Personalleistung

Für den Leistungsvergleich der Handelsbetriebe sind die Gesamtumsatzzahlen weniger brauchbar als daraus abgeleitete Relationen, insbesondere solche, die auf die Betriebspersonen bezogen sind. Für einige wichtige Fachzweige des Einzelhandels bringt die nachfolgende Tabelle 3 zwei Vergleichszahlen zur Personalleistung. Zunächst den Absatz je beschäftigte Person, ausgedrückt in der jeweiligen Währungseinheit sowie zum Zwecke des Vergleichs über den Wechselkurs umgerechnet auf Deutsche Mark. Ferner ist die für internationale Vergleichszwecke besonders brauchbare Vergleichszahl Absatz je Währungseinheit Personalkosten ausgewiesen, da sie unbeschadet unterschiedlicher Preis- und Kaufkraftverhältnisse eine objektive Beurteilungsniögliehkeit anbietet.
Aus den Zahlen der Tabelle 3 läßt sich ein unterschiedliches Niveau der Personalleistung des Einzelhandels in den einzelnen Ländern erkennen. Bei Lebensmitteln liegt der Absatz Je beschäftigte Person in Schweden und der Schweiz am höchsten, in den Niederlanden und Österreich am niedrigsten, während Deutschland eine mittlere Stellung einnimmt. Das Verhältnis zwischen Personalkosten und Absatz ist hingegen in Österreich und Westdeutschland am günstigsten. Daran zeigt sich das unterschiedliche Lohn- und Gehaltsniveau in den verschiedenen Ländern. Ebenso wie bei Lebensmitteln ist auch für Textilwaren in den Niederlanden der niedrigste Absatz je beschäftigte Person festzustellen, während in diesem Falle Österreich den höchsten Wert erreicht. Auch in dieser Branche ist das Verhältnis zwischen Personalkosten und Absatz in den Niederlanden und Schweden wesentlich ungünstiger als in Österreich und Westdeutschland.

Lagerhaltung

Die Verkaufsbereitschaft der Einzelhandlungen beruht in erheblichem Maße auf dem für die Kunden bereit gehaltenen Sortiment. Die Lagerhaltung stellt somit einen sehr wesentlichen betriebswirtschaftlichen Faktor dar, der statistisch durch die Umschlagsgeschwindigkeit des Warenlagers sowie durch den Lagerbestand je beschäftigte Person dargestellt werden kann. Die vorstehende Tabelle 4 bringt für vier europäische Länder diese beiden Vergleichszahlen.
Sowohl für den Lebensrnittel- als auch für den Textileinzelhandel zeigt sich im Vergleich der vier Länder eine tendenziell ähnliche Differenzierung der Vergleichszahlen. In den Niederlanden und insbesondere in Schweden ist die Umschlagsgeschwindigkeit des Warenlagers wesentlich geringer als in Österreich und Westdeutschland, entsprechend ist der Lagerbestand je beschäftigte Person in den beiden erstgenannten Ländern höher als in den beiden letztgenannten. Die Gründe dürften sowohl bei den Anforderungen, die die Käuferschaft an die Einzelhandelssortimente stellt, als auch bei der zweifellos unterschiedlichen Kapitalausstattung der Vergleichsländer liegen. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ist die Lagerhaltung in Westdeutschland und in Österreich nach dem Kriege wesentlich geringer als vor dem Kriege. Zahlen des schweizerischen Einzelhandels stehen für diesen Vergleich nicht zur Verfügung, jedoch kann grundsätzlich gesagt werden, daß auch in diesem Lande die Umschlagsgeschwindigkeit vergleichsweise gering ist und sich in etwa mit den für Schweden ermittelten Werten decken dürfte.

Kostengestaltung

Zum Vergleich der Handlungskosten bringt die folgende Tabelle 5 einiges Material. Um die Zahlen voll vergleichbar zu gestalten, sind die Gesamtkosten ohne Steuern ausgewiesen worden, ferner werden drei wichtigere Kostenarten herausgestellt.
In beiden Branchen ist die relative Kostenbelastung des Absatzes in Österreich am niedrigsten. Diese Erscheinung ist in erheblichem Maße auf das verhältnismäßig niedrige Niveau der Personalkosten zurückzuführen. Jedoch sind auch die übrigen ausgewiesenen Kostenarten — Miete und Reklamekosten — mit daran beteiligt. Die übrigen Länder weichen in ihren Werten nicht so stark voneinander ab, wenn auch für die Niederlande und für Schweden der relativ höhere Anteil der Personalkosten besonders bemerkenswert ist.
Mit dem Vergleichsmaterial, das in den vorstehenden 5 Tabellen wiedergegeben worden ist, konnte nur ein Heiner Überblick des in den 102 Tabellen dargestellten Materials der Institutsveröffentlichung gegeben werden.
Neben den oben behandelten Absatz-, Leistungs- und Kostenzahlen des Einzelhandels ist insbesondere für die Niederlande und Schweden umfangreiches Vergleichstriaterial über den Großhandel enthalten. Im Vergleich zu der geringen Publizitätsfreudigkeit des Großhandels in Westdeutschland ist dabei die Veröffentlichung der niederländischen Großhandelszahlen besonders bemerkenswert. Für eine Reihe von Branchen werden darin neben Abiatz-, Kosten- und Leistungszahlen auch die Bruttoerträge und Betriebsergebnisse bekanntgegeben. Auch zu speziellen Fragen der Distribution bringen die einzelnen Länderberichte instruktives Material. Hier ist beispielsweise die für Schweden ausführlich dargestellte Situation der dortigen Selbstbedienungsgeschäfte des Lebensmitteleinzelhandels erwähnenswert. Für die Schweiz ist Material über die verschiedenen Betriebsformen, die im Bereich des Lebensmittelhandels im lebhaften Konkurrenzkampf stehen, dargestellt worden. Dazu zählen beispielsweise Unterlagen der selbständigen Lebensrnitteldetaillisten, des Verbandes schweizerischer Konsumvereine, des Migros-Genossenschafts-Bundes sowie der Einkaufsgesellschaften des schweizerischen Lebensmitteleinzelhandels.
Die Schrift wird Anfang 1956 erscheinen und in den Mitteilungen nochmals besonders angekündigt werden.
1 Schriften zur Handelsforschung, hrsg. von Rudolf Seyffert, Nr. 6, Länderberichte über Struktur und Leistungen des europäischen Binnenhandels, Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz, von Hans Buddeberg und Robert Nieschlag, Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen, 1955,
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