Absatzentwicklung der Einzelhandelsfachgeschäfte im Dezember 1955
von Prof. Dr. Rudolf SeyffertDie im Verlaufe des Jahres 1955 durchweg festzustellende Absatzzunahme gegenüber den entsprechenden Monaten des Jahres 1954 setzte sich auch im Dezember 1955 weiter fort. Nach den Meldungen von 1600 am Betriebsvergleich des Instituts für Handelsforschung beteiligten Einzelhandelsfachgeschäften konnte das Dezemberergebnis 1955 gegenüber 1954 wertmäßig um 9% erhöht werden. Unter Berücksichtigung eines geringfügigen Preisanstiegs, der im Durchschnitt aller Einzelhandelsbranchen etwa 1% ausmachte, ergab sich im Dezember 1955 für die preisbereinigte Absatzentwicklung eine Erhöhung von 8%. Die Schenkfreudigkeit des Käuferpublikums hat somit — wie die Ergebnisse des Weihnachtsmonats erkennen lassen — weiter zugenommen.
Im Vergleich zur Vorkriegszeit zeigt sich bemerkenswerterweise durchweg ein stärkerer Anteil des Dezemberabsatzes am gesamten Jahresabsatz. Die Saisonspitze ist damit heute noch ausgeprägter als früher und stellt den Einzelhandel im besonderen Maße vor das Problem einer sehr ungleichmäßig ausgelasteten Kapazität. Eine gewisse Erleichterung ist — im Vergleich zur Vorkriegszeit — durch das Vorverlegen eines gewissen Teiles der Weihnachtseinkäufe auf den November erfolgt, der in den meisten Branchen heute nicht unerheblich mehr am Jahresabsatz beteiligt ist als früher.
An der Verbesserung der Verkaufsergebnisse im Dezember haben im wesentlichen alle Einzelhandelsbranchen teilgenommen. Allerdings waren zwischen den einzelnen Bedarfsgruppen zum Teil beachtliche Unterschiede im Umfange des Anstiegs festzustellen.
Die nunmehr schon seit Jahren festzustellende Tendenz eines vergleichsweise günstigeren Abschneidens der Branchen des Hausrat- und Wohnbedarfs hat auch während des Weihnachtsgeschäftes keine Unterbrechung erfahren. Es wurden also nach wie vor weitgehend praktische Geschenke gekauft. Die Bedarfsgruppe hat insgesamt ihr Absatzergebnis um 16% erhöhen können. Der stärkste Anstieg wurde mit 19% im Beleuchtungsund Elektroeinzelhandel und mit 18% im Eisenwarenund Hausrathandel erzielt. Auch der Möbeleinzelhandel ( + 15%) sowie der Glas-, Porzellan- und Keramikeinzelhandel ( + 13%) lagen noch in beachtlichem Umfange über der Entwicklung des Einzelhandelsdurchschnitts.
Die Branchen mit Nahrungs- und Genußmitteln haben weitgehend der Gesamtentwicklung entsprechend abgeschnitten. So konnte der Lebensmitteleinzelhandel sein Dezemberergebnis um 7% verbessern. Der Tabakwareneinzelhandel lag mit einer Zunahme von 9% vergleichsweise noch geringfügig besser.
Die rund 500 am Betriebsvergleich beteiligten Textilfachgeschäfte registrierten im Durchschnitt eine Absatzerhöhung von 8%. Allerdings ist in den einzelnen Fachzweigen der Textilbranche die Entwicklung nicht einheitlich verlaufen. Die Geschäfte mit Herren- und Knabenoberbekleidung lagen mit + 12% an der Spitze.
Es folgten mit + 11% die Geschäfte mit Haus- und Bettwäsche, Bettwaren. Die günstige Entwicklung des letzteren Fachzweiges ist im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung bei den Branchen mit Hausrat und Wohnbedarf erklärlich. Umso bemerkenswerter ist allerdings die Tatsache, daß die ebenfalls diesem Bereich zuzurechnenden Geschäfte mit Teppichen, Möbelstoffen und Gardinen als einziger Fachzweig eine Absatzeinbuße von 2% hinnehmen mußten. Die Meterwarengeschäfte lagen mit nur 2% Zunahme ebenfalls noch erheblich unter der durchschnittlichen Entwicklung des gesamten Textileinzelhandels. Es setzte sich hiermit eine Tendenz fort, die bereits seit längerer Zeit zu beobachten ist. Die am Betriebsvergleich beteiligten Schuhfachgeschäfte wiesen ein Plus 5 % aus. Die im Vergleich zum Einzelhandel insgesamt etwas schlechtere Entwicklung dieser Branche dürfte u. a. durch die ungewöhnlich milde Witterung im Dezember beeinflußt worden sein.
Unter den Branchen des sonstigen Einzelhandels befinden sich insbesondere auch diejenigen, die in starkem Maße Geschenkartikel führen. Es ist bemerkenswert, daß bei diesen keine betont hohen Prozentsätze der Absatzzunahme zu registrieren waren. Lediglich der Uhren- und Schmuckwareneinzelhandel lag mit einer Steigerung von 15% noch beträchtlich über der durchschnittlichen Entwicklung des gesamten Einzelhandels. Jedoch konnte auch diese Branche die besonders günstigen Werte einiger Fachzweige des Hausrat- und Wohnbedarfs nicht erreichen. Nach dem Uhren- und Schmuckwareneinzelhandel haben von den sonstigen Einzelhandelsbranchen der Papier-, Bürobedarf- und Schreibwareneinzelhandel ( + 12%) sowie die Reformgeschäfte ( + 11%) relativ am günstigsten abgeschnitten. Der Sortimentsbuchhandel sowie die Drogerien wiesen mit Zunahmen von 9 bzw. 8% weitgehend dem Gesamtdurchschnitt entsprechende Entwicklungszahlen aus. Vergleichsweise schlecht lag mit einem Absatzplus von nur 2% der Fahrradeinzelhandel. Auch der Leder- und Galanteriewareneinzelhandel (-f- 6%) sowie der Büromaschinen-, Büromöbel- und Organisationsmittelhandel ( + 7%) konnten nicht ganz die allgemeine Erhöhung erzielen.
Die im Rahmen des Betriebsvergleichs ausgewiesenen Entwicklungszahlen bringen den wertmäßigen Absatzverlauf zum Ausdruck. Zur Beurteilung der preisbereinigten Entwicklung, die — von etwa eingetretenen Sortiments- und Qualitätsverschiebungen abgesehen — der mengenmäßigen entspricht, müssen die inzwischen eingetretenen Preis veränderungen berücksichtigt werden. Wie bereits einleitend erwähnt, hat sich im Durchschnitt aller Einzelhandelsbranchen das Preisniveau im Dezember 1955 gegenüber Dezember 1954 um 1% erhöht 1.
Auch bei dem überwiegenden Teil der Branchen sind nur unwesentliche Veränderungen eingetreten. Lediglich im Möbeleinzelhandel (+ 2%), im Eisenwaren- und Hausrathandel ( + 3%), im Papier-, Bürobedarf- und Schreibwareneinzelhandel (+ 5%) und im Leder- und Galanteriewareneinzelhandel (— 3%) -waren etwas stärkere Preisverschiebungen festzustellen. Die preisbereinigten Absatzentwicklungszahlen der drei erstgenannten Branchen liegen um die betreffenden Prozentsätze unter den wertmäßigen Ergebnissen, die des Leder- und Galanteriewareneinzelhandels entsprechend darüber.
Gegenüber dem Vormonat November ergab sich im Dezember 1955 der durch das Weihnachtsgeschäft saisonbedingte Absatzanstieg. Für den Durchschnitt der am Betriebsvergleich beteiligten Einzelhandelsbranchen lagen die Umsätze im Dezember um 66% höher als im November. Die Entwicklung entsprach damit weitgehend der des Vorjahres ( + 69%). Naturgemäß ergaben sich zwischen den einzelnen Fachzweigen entsprechend der unterschiedlichen Bedeutung des Weihnachtsgeschäftes beträchtliche Differenzierungen. Im übrigen ist aus dem nebenstehenden Schaubild ersichtlich, daß der Saisonverlauf im gesamten Jahre 1955 weitgehend mit dem des Vorjahres übereinstimmte, allerdings — der Absatzzunahme entsprechend — auf einem höheren Niveau.
1 Die Preisentwicklungszahlen wurden vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ermittelt
