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Der Beziehungskauf bei Textilwaren

von Prof. Dr. Rudolf Seyffert
Als Übungsaufgabe zur Marktanalyse wurde im Wintersemester 1955/56 von Professor Seyffert mit den Studenten seines Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Besondere des Handels eine Untersuchung des Textileinkaufs der Haushaltungen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Die Übung war so angelegt, daß sie über den lehrhaften Zweck hinaus nach Möglichkeit Erkenntnisse bringen sollte, die allgemeinere Beachtung verdienen. Insbesondere sollte sie Angaben darüber liefern, wie sich der Textileinkauf der Haushaltungen auf die verschiedenen Vertriebsformen des Handels aufgliedert. Daneben war die Frage nach der Bedeutung des Beziehungskaufs, des Ratenkaufs sowie des Kaufs nicht am Wohnort zu klären. Es wurden 47 Textilwaren, die als repräsentativ für den Bedarf der Konsumenten angesehen werden können, untersucht.
Die Erhebung der Unterlagen erfolgte an Hand eines im Institut für Handelsforschung ausgearbeiteten Erhebungsbogens durch die Studenten in den Haushaltungen selbst. Die Haushaltungen wurden entsprechend der Berufsstruktur der Haushaltungen Nordrhein-Westfalens sowie entsprechend ihrer Verteilung auf die Ortsgrößen ausgewählt.
Insgesamt konnten die Angaben von 1129 Haushaltungen, die in den Monaten Januar bis März 1956 durch 319 Studenten des Seminars besucht wurden, in die Marktanalyse einbezogen werden. In den Haushaltungen hatten die Studenten für jeden der ausgewählten 47 Artikel festzustellen, bei welcher Betriebsform der letzte Einkauf nach 1949 erfolgte, ferner war zu ermitteln, ob der Kauf am Wohnort des Haushalts getätigt wurde und ob er gegen Barzahlung oder auf Raten erfolgte. Falls der Haushalt einen Einkauf mit einer Preisermäßigung von mehr als 3% des normalen Einzelhandelspreises getätigt hatte (Beziehungskauf), war auch die Höhe der durchschnittlichen Preisermäßigung sowie die Art der Beziehung, welche den preisermäßigten Kauf ermöglichte, festzustellen.
Durch die Befragung wurden insgesamt 42385 Kauffälle erfaßt, und zwar im einzelnen 10935 Käufe von Oberbekleidung, 13347 Käufe von Leibwäsche, Wirk- und Strickwaren, 5249 Käufe von Bekleidungszubehör, 7808 Käufe von Haus-, Tisch- und Bettwäsche, Bettwaren und Heimtextilien, 3023 Käufe von Meterwaren für Bekleidung sowie 2023 Käufe von Kurzwaren.
Die Publikation der Gesamtergebnisse dieser Erhebung wird, voraussichtlich im Laufe des Monats Mai, als Sonderheft 9 der Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung: „Der Textilwareneinkauf durch Haushaltungen in Nordrhein- Westfalen" erfolgen. Da die im Rahmen dieser Seminarübung gestellte Frage nach dem Beziehungskauf aufschlußreiche Ergebnisse über Höhe und Umfang der preisermäßigten Käufe im Bereich der Textilwaren erbracht hat, werden diese für die aktuellen Diskussionen um den Beziehungskauf wichtigen Unterlagen in ihren Hauptergebnissen in der vorliegenden Mitteilungsnummer bereits vorab mitgeteilt. Unter dem Begriff des Beziehungskaufs sind alle Kauffälle erfaßt, die den Haushaltungen eine Preisermäßigung von mehr als 3 % des normalen Verkaufspreises des Einzelhandels erbrachten.

Der Anteil der Beziehungskäufe

Von den durch die Untersuchung erfaßten 42385 Textileinkäufen erfolgten 3571 Einkäufe — das sind 8,4% — mit einer preislichen Vergünstigung von mehr als 3% des normalen Ladenpreises (Beziehungskauf). Hierbei ist der Anteil der Beziehungskäufe bei den einzelnen Artikeln unterschiedlich. Faßt man die in die Erhebung einbezogenen 47 Artikel nach den Hauptwarengruppen der Textilbranche zusammen, so ergibt sich der niedrigste Prozentsatz des Beziehungskaufs mit 4,4% aller Einkäufe bei den Kurzwaren (Tabelle 1). Bei dem geringen Wert der meisten Artikel des Kurzwarensortiments fällt die beim preisermäßigten Einkauf erhaltene Vergünstigung absolut auch kaum ins Gewicht. Ebenfalls wenig verbreitet sind die Beziehungskäufe bei Artikeln mit stark modischem Einschlag (beipielsweise fast alle Artikel der Warengruppe Bekleidungszubehör). Der höchste Anteil der Beziehungskäufe an den Gesamteinkäufen wurde in der Gruppe Meterwaren für Bekleidung festgestellt. Hier erfolgte jeder siebente Kauf mit einer Preisermäßigung von mehr als 3% des normalen Ladenpreises. Auch bei Haus-, Tisch- und Bettwäsche, Bettwaren, Heimtextilien ist der Beziehungskauf häufig.
Eine Gegenüberstellung des für die Textilbranche ermittelten Prozentsatzes der Beziehungskäufe mit den Ergebnissen von zwei in den Jahren 1952/53 ebenfalls als seminaristische Übungsaufgabe durchgeführten Untersuchungen der preisermäßigten Käufe bei Großartikeln des Hausrats 1 gibt interessante Vergleichsmöglichkeiten. Die damals ermittelten Ergebnisse zeigten, daß rund ein Drittel der Großartikel des Hausrats (Öfen, Herde, Waschmaschinen, Kühlschränke, Staubsauger, Haushaltküchenmaschinen) auf Grund von Beziehungen gekauft wurde. Der für die Textilbranche errechnete Anteil der Beziehungskäufe liegt also viel niedriger als der für die Hausratgroßartikel festgestellte Prozentsatz. Man muß jedoch berücksichtigen, daß die Untersuchung für den Hausratbereich nur Artikel mit einem hohen Verkauf swert erfaßte, während sich die jetzt durchgeführte Erhebung zum großen Teil auf Waren mit einem relativ niedrigen Verkaufspreis bezieht. Bei Artikeln mit einem hohen Wert sucht der Käufer aber durchweg die Gelegenheit des Beziehungskaufs stärker, da sich der ersparte Prozentsatz hier in einem absolut großen Geldbetrag niederschlägt. Die Textilwaren sind auch allgemein für den Beziehungskauf weniger geeignet als die Hausratwaren. Bei vielen Textilien ist eine Anprobe erforderlich. Der Kauf vieler Textilwaren ist ferner auch davon abhängig, ob die angebotenen Ausführungen des Artikels dem persönlichen Geschmack des Käufers entsprechen. In Anbetracht der unterschiedlichen Eignung der Textilwaren und der Hausratgroßartikel für den Beziehungskauf erscheint der mit 8,4 % für Textilien ermittelte Anteil der preisermäßigten Käufe beachtlich hoch. Denn er besagt, daß jeder zwölfte Textileinkauf nicht auf normalem Wege getätigt wurde.

Die durchschnittliche Preisermäßigung

Die im Jahre 1952/53 durchgeführte Untersuchung der Großartikel des Hausrats hatte ergeben, daß hier die Beziehungskäufe mit einer durchschnittlichen Preisvergünstigung von 23% des normalen Ladenpreises abgeschlossen wurden. Die Frage nach der Höhe des durch den Beziehungskauf erlangten Preisnachlasses ist auch bei der Analyse der Textilkäufe gestellt worden. Wie die Tabelle 2 ausweist, liegt in der Textilbranche die durchschnittliche Preisermäßigung mit 17,8% des normalen Ladenpreises etwas niedriger. Zwischen den Hauptwarengruppen sind die Unterschiede nicht sehr groß. Die höchste durchschnittliche Preisvergünstigung ergab sich bei Meterwaren mit 20,3%, die niedrigste bei Kurzwaren mit 16% des normalen Ladenpreises.

Die Arten der Beziehungen:
In allen Fällen, in denen ein Haushalt Textilien mit einem Preisnachlaß von mehr als 3% des normalen Ladenpreises einkaufen konnte, hatten die Studenten ferner auch festzustellen, durch welche Beziehung der preisermäßigte Kauf ermöglicht wurde. Die von den Haushaltungen genannten Arten der Beziehungen waren hierbei von den Erhebern in sieben Hauptfälle des Beziehungskaufs einzuordnen. In der Tabelle 3 sind diese sieben Hauptfälle genau erläutert. Die Beziehungsfälle 1 bis 5 umfassen preisgünstige Bezugsmöglichkeiten, welche sich den Haushaltungen durch die Zugehörigkeit des Haushaltsvorstandes oder eines Familienmitgliedes zu einem Betriebe boten. Hierbei wird unterschieden, ob die preisermäßigt gekaufte Ware aus dem Sortiment bzw. aus dem Produktionsprogramm des Betriebes selbst stammte (Fälle 1 und 2) oder ob der Betrieb selbst (Fall 3), der Betriebsrat (Fall 4) bzw. ein Betriebsangehöriger (Fall 5) den Kauf fremder Ware zu vergünstigten Bedingungen für die Belegschaft vermittelte. Neben den preisermäßigten Käufen, die durch Betriebszugehörigkeit zustande kamen, sind die Käufe auf Grund sonstiger Beziehungen (Vermittlung von Verwandten, Bekannten, Geschäftsfreunden usw., Fall 6) sowie auch die Kauffälle, wo dem Käufer eine Preisermäßigung ohne besondere Beziehungen eingeräumt wurde (Fall 7), getrennt erfaßt worden. Der Kauf von Ausverkaufsware galt nicht als Beziehungskauf.
Wie die Tabelle 3 zeigt, wurde bei den untersuchten Haushaltungen ungefähr die Hälfte der festgestellten Beziehungskäufe auf Grund der Zugehörigkeit eines Familienmitgliedes zu einem Betriebe ermöglicht. Hierunter sind die Fälle, in denen der Betrieb, der Betriebsrat oder ein Betriebsangehöriger fremde Waren zum preisermäßigten Kauf vermittelte, relativ selten aufgetreten, denn auf diese Arten des Beziehungskaufs (Fälle 3 bis 5) entfallen nur 6,8% aller mit Preisvergünstigung getätigten Einkäufe, das sind 0,6% der gesamten Textilkäufe. Die preisermäßigten Verkäufe von Waren aus dem eigenen Sortiment bzw. Produktionsprogramm des Betriebes an Mitglieder der Belegschaft (Fall 1 und 2) machen 40,5% aller Beziehungskäufe aus. In diesen beiden Fällen ist allerdings auch die eigene Bedarfsdeckung der Firmeninhaber miterfaßt, die aber bei den 1129 erfaßten Haushaltungen prozentual nur gering ins Gewicht fällt. Durch direkte Beziehungen (also Vermittlung von Verwandten, Bekannten, Geschäftsfreunden usw. = Fall 6) wurden 45,1% aller preisermäßigten
Käufe ermöglicht. Auf die Gesamtzahl aller erfaßten Käufe umgerechnet sind das 3,8%. Ohne besondere Beziehung ( = Fall 7) erhielten die Haushaltungen in 0,6% aller Kauffälle — das sind 7,6% der gesamten Beziehungskäufe — einen vergünstigten Kaufpreis. Es dürfte sich hier in erster Linie um solche Kauffälle handeln, wo der Verkäufer seinem Kunden einen günstigeren Preis als den ausgezeichneten auf Verlangen zugestand.

Die Quellen der Beziehungskäufe

Bei den mit einer Preisermäßigung getätigten Käufen wurde auch die Betriebsform, in welcher der Beziehungskauf erfolgte, erfragt. Wie die Tabelle 4 ausweist, entfielen von den festgestellten 3571 Beziehungskäufen 37% auf den selbständigen Ladeneinzelhandel, 25% auf den Großhandel, 16% auf den Hersteller, 14% auf die Warenhäuser und 8% auf sonstige Betriebsformen.
Innerhalb der Betriebsformen gliedern sich die preisermäßigten Käufe nach der Art der Beziehung sehr unterschiedlich. Die im Warenhaus getätigten preisermäßigten Käufe wurden zu 77% dadurch ermöglicht, daß ein Familienmitglied des Haushaltes in einem Warenhaus beschäftigt war und damit die Möglichkeit hatte, mit Personalrabatt einzukaufen. Bei den 23% der über ein Warenhaus auf Grund sonstiger Beziehungen getätigten Textilkäufe, dürfte es sich in erster Linie auch um solche Fälle handeln, wo Angestellte ihren Personalrabatt nicht nur zu Einkäufen für die eigene Familie, sondern auch für Verwandte oder Bekannte verwendeten. Auch im selbständigen Ladeneinzelhandel überwiegen bei den preisermäßigten Einkäufen die Beziehungskäufe auf Grund der Betriebszugehörigkeit mit 58% gegenüber 42% der sonstigen Beziehungskäufe.
Die beim Beziehungskauf über das Warenhaus und über den Ladeneinzelhandel festgestellten durchschnittlichen Preisvergünstigungen liegen mit 12,7 bzw. 12,5% des normalen Ladenpreises relativ niedrig. Dieser Prozentsatz entspricht in etwa dem in diesen beiden Betriebsformen normalerweise üblichen Personalrabatt, Der vergleichsweise niedrige Vergünstigungsprozentsatz läßt im übrigen ebenfalls vermuten, daß die in beiden Betriebsformen festgestellten sonstigen Beziehungskäufe zum überwiegenden Teil von Angestellten dieser Betriebe unter Ausnutzung des Personalrabatts für Verwandte und Bekannte ermöglicht wurden.
Die in Betrieben des Großhandels sowie der Industrie getätigten Beziehungskäufe gliedern sich in beiden Fällen zu rund einem Drittel in Käufe an Betriebsangehörige und zu rund zwei Dritteln in sonstige Beziehungskäufe. Die durchschnittlich bei diesen Käufen dem Abnehmer gewährte Preisvergünstigung liegt hier beträchtlich höher als die im Warenhaus und im Ladeneinzelhandel festgestellte. Im Großhandel ergab sich ein durchschnittlicher Preisnachlaß von 22,4%, in der Industrie ein Nachlaß von 27,6% des normalen Einzelhandelspreises.
1 Sonderheft 4 der Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung: Die Beschaffungswege der Konsumenten bei Großartikeln des Hausrats
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