Kreditverkäufe und Außenstände im Einzelhandel
von Prof. Dr. Rudolf SeyffertNach Fertigstellung der Kreditauswertung des Instituts für Handelsforschung für das IV. Quartal 1956 kann nunmehr ein erster Überblick über die Gesamtentwicklung der Kreditsituation des Einzelhandels im Jahre 1956 gegeben werden. In der nachfolgenden Tabelle ist der Anteil der Kreditverkäufe am Gesamtabsatz für den Durchschnitt aller am Betriebsvergleich beteiligten Einzelhandelsfachgeschäfte sowie für die einzelnen Branchen in den vier Quartale der Jahre 1955 und 1956 wiedergegeben, Wie aus den Ergebniszahlen zu entnehmen ist, hat sich im Einzelhandelsdurchschnitt die Höhe der Kreditverkäufe in % des Gesamtabsatzes in allen Quartalen des Jahres 1956 gegenüber den entsprechenden Vorjahrsquartalen verringert. Im einzelnen betrug der Rückgang des Kreditabsatzes gegenüber dem jeweiligen Vorjahrsquartal im I. Quartal 1956 0,9%, im II. Quartal 0,5%, im III. Quartal 0,1% und im IV. Quartal 0,4% des Gesamtabsatzes. Auf Grund dieser vierteljährlichen Werte läßt sich für das Jahr insgesamt als vorläufiges Ergebnis ein Kreditanteil von etwa 14,3% errechnen gegenüber 14,8% im Jahre 1955. Somit hat sich die im Jahre 195 5 erstmals eingetretene rückläufige Entwicklung des Kreditgeschäfts im Einzelhandel auch im Jahre 1956 fortgesetzt, nachdem in den ersten Jahren nach der Währungsreform bis zum Jahre 1954 eine ständige Ausweitung des Kreditanteils am gesamten Einzelhandelsabsatz zu registrieren war.
Im Gegensatz zum Einzelhandelsdurchschnitt ist die Entwicklung der Kreditverkäufe in den einzelnen Branchen unterschiedlich gewesen. Lediglich im Möbel- und im Lebensmitteleinzelhandel zeigte sich in allen vier Quartalen des Jahres 1956 gegenüber 1955 ein Rückgang des Anteils der Kreditverkäufe am Gesamtabsatz, Die rückläufige Entwicklung des Kreditgeschäftes im Möbeleinzelhandel, die bei den Betriebsvergleichsteilnehmern bereits seit 1952 anhält, ist besonders bemerkenswert, da der Möbeleinzelhandel infolge des Bedarfscharakters und der Hochwertigkeit der Waren zu den Einzelhandelsbranchen zählt, in denen dem Kundenkredit eine wesentliche Bedeutung bei der Erfüllung der Absatzaufgaben zukommt. Im Lebensmitteleinzelhandel, in dem die Kreditgewährung fast ausschließlich in Form des Anschreibens und Borgens erfolgt, ist der sinkende Kreditabsatzanteil, der ebenfalls seit 1952 zu registrieren ist, ein erfreuliches Zeichen für die verbesserte Zahlungsmoral der Verbraucher. Während im Textileinzelhandel der Anteil des Kreditgeschäfts am Gesamtabsatz Im wesentlichen unverändert blieb, ist bei den Drogerien, im Glas-, Porzellan- und Keramikeinzelhandel, im Eisenwaren- und Hausrathandel sowie im Büromaschinen-, Büromöbel- und Organisationsmittelhandel gegenüber 1955 eine erneute Erhöhung eingetreten.
Zur Beurteilung der Kreditsituation des Einzelhandels im Jahre 1956 soll neben dem Kreditanteil auch die Höhe der Außenstände einer Betrachtung unterzogen werden. Wie die nebenstehende Tabelle zeigt, haben sich im Einzelhandelsdurchschnitt im Gegensatz zu der eindeutig rückläufigen Tendenz des Anteils der Kreditverkäufe die Außenstände unterschiedlich entwickelt. Im I. und II. Quartal 1956 sind sie gegenüber den entsprechenden Vorjahrsquartalen um 0,5 bzw. 0,1% vom Gesamtabsatz zurückgegangen, im III. Quartal um 0,2% angestiegen und im IV. Quartal unverändert geblieben. Der insgesamt im Vergleich zu den Kreditverkäufen relativ nicht so starke Rückgang der Außenstände weist darauf hin, daß sich, auch im Jahre 1956 die seit 1951 anhand der Betriebsvergleichsergebnisse nachweisbare Verlängerung des Zahlungsziels fortgesetzt hat. Wenn auch der Umfang des Kreditgeschäfts im Einzelhandel seit 1955 einer rückläufigen Entwicklung unterworfen ist, so ist die eigentliche Kreditleistung des Einzelhandels, die durch die Höhe und die Dauer des durch die Außenstände gebundenen Betriebskapitals bestimmt wird, keineswegs im Sinken begriffen. Bei einem Vergleich der Branchenergebmsse über die vier Quartale 1956 mit den entsprechenden Vorjahrswerten ist ähnlich wie im Einzelhandelsdurchschnitt zu erkennen, daß vielfach die unterschiedliche Veränderung der Kreditverkäufe und Außenstände zu einer Verschlechterung des Zahlungseinganges bzw. zu einer Verlängerung der Kreditdauer geführt haben.
Betriebsvergleichsergebnisse werden durch die Umsatzsteuerstatistik bestätigt
Das Statistische Bundesamt hat im Dezemberheft 1956 „Wirtschaft und Statistik" die Ergebnisse der Umsatzsteuerstatistik für das lahr 1955 veröffentlicht. Danach erzielte der gesamte Einzelhandel gegenüber 1954 eine Urnsatzzunahme von 9,9%. Schaltet man den Umsatz der Warenhäuser sowie des Einzelhandels mit Maschinen, Fahrzeugen, Kraftstoffen und Brennmaterial aus, so vermindert sich die Zunahme auf 8,8%. Dieses Ergebnis der Gesamterhebung des Statistischen Bundesamtes ist eine Bestätigung der Richtigkeit der Betriebsvergleichsergebnisse des Instituts für Handelsforschung, die für das Jahr 1955 im Vergleich mit dem Jahre 1954 eine Absatzzunahme von 90 % ausweisen. Eine ähnliche Übereinstimmung ergibt sich auch beim Vergleich der Umsätze des Jahres 1954 mit denen des Jahres 1953. Hier hat das Statistische Bundesamt nach der Umsatzsteuerstatistik eine Erhöhung von 4,8% ermittelt
und das Institut von 4,7%.
Über die Hälfte aller Lebensmitteleinzelhandlungen am organisierten Gemeinschaftseinkauf beteiligt
Dr. Paul König, Verbandsdirektor des Edeka-Verbandes e. V., Hamburg, hat auf dem Kongreß der Internationalen Vereinigung der Verbände von Lebensmittel-Detaillisten (IVLD), Bern, am 14.06.56 in Montreux ein sehr beachtliches Referat gehalten (als Druckschrift unter dem Titel „Selbsthilfe im Wettbewerb, die Einkaufsverbände des Lebensmitteleinzelhandels in internationaler Sicht" erschienen), in dem er die Zahl der in der Bundesrepublik Deutschland am organisierten Gemeinschaftseinkauf beteiligten Lebensmitteleinzelhändler auf insgesamt etwa 77000 Betriebe schätzt, das sind rund 60% aller Lebensmitteleinzelhandlungen. Von diesen 77000 Betrieben gehören 47000 Firmen den beiden Einkaufsgemeinschaften Edeka (rund 35000 Mitglieder) und Rewe (rund 12000 Mitglieder) an. Außerdem ist nach Dr. König zu vermuten, daß etwa 30000 Einzelhändler in den letzten Jahren Mitglieder der freiwilligen Ketten ihrer Großhändler geworden sind.
Nach den Unterlagen der Umsatzsteuerstatistik von 1954 erzielen rund 35% aller in der Gruppe Nahrungs- und Genußmittel bestehenden Einzelhandelsbetriebe einen Absatz von weniger als 20000 DM (Minderbetriebe). Unterstellt man bei diesen Minderbetrieben eine nur sehr schwache Beteiligung am organisierten Gemeinschaftseinkauf, so ergibt sich aus den genannten Zahlen die nahezu vollständige Beteiligung der Vollbetriebe des Lebensmitteleinzelhandels
(Betriebe mit einem Jahresabsatz von mehr als 20000 DM) an gemeinschaftlichen Einkaufseinrichtungen.
