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Die Vertriebenenbetriebe im weltdeutschen Handel

von Prof. Dr. Rudolf Seyffert
Aufgabenstellung und Methode der Untersuchung
Die Aufnahme der Vertriebenen in Westdeutschland hat eine große Erweiterung der Aufgaben und Möglichkeiten des Handels mit sich gebracht. Es gab jedoch bisher keine Unterlagen, die ein Urteil darüber erlaubt hätten, in welchem Umfange und auf welche Weise Betriebe von Vertriebenen an dieser Entwicklung des Handels teilgenommen haben. Die vom Institut für Handelsforschung an der Universität zu Köln angefertigte Studie ist ein Versuch, mit begrenzten Mitteln diese Lücke auszufüllen.
Für diese Untersuchung, die im Herbst 1955 begonnen und etwa ein Jahr später abgeschlossen wurde1), stand nur sehr wenig Material zur Verfügung. Es ergab sich daher die Notwendigkeit, mit Hilfe eigener Erhebungen und Auswertungen Unterlagen über die Vertriebenenbetriebe des Handels zu sammeln.
Im ganzen wurde das Forschungsvorhaben in drei großen Teilbereichen durchgeführt: Sichtung des vorhandenen Materials, Durchführung eigener Erhebungen sowie deren Auswertung, Interpretation der vorliegenden und erhobenen Unterlagen.

Im einzelnen sind folgende Maßnahmen zur Bereitstellung des Materials getroffen worden:
1. Der mit der Durchführung des Forschungsvorhabens beauftragte Sachbearbeiter besuchte zur Vorbereitung und Information insgesamt 50 Ministerien, Behördenstellen und Verbände des Bundes und der Länder. Bei dieser Gelegenheit wurde bei den Landesorganisationen der Vertriebenen das Adressenmaterial zur Durchführung eigener Erhebungen des Instituts gesammelt, Es wurde versucht, eine Zusammensetzung des Adressenmaterials zu erreichen, die eine möglichst repräsentative Erhebung gewährleistete.
2. Im gesamten Bundesgebiet wurden in Form einer ersten schriftlichen Befragung Struktur- und Umsatzzahlen von Vertriebenenbetrieben des Groß- und Einzelhandels erhoben. Die entsprechenden Fragebogen wurden an 365 Großhandlungen und an 1617 Einzelhandlungen versandt. Insgesamt gingen etwa 55 % Antworten ein, 229 vom Großhandel und 856 vom Einzelhandel.
3. Um das Bild der betriebswirtschaftlichen Situation zu intensivieren, vmrde bei solchen Betrieben, die sich auf Grund der ersten Erhebung als geeignet erwiesen, eine zweite schriftliche Befragung durchgeführt. Hierbei wurden insbesondere betriebliche Kosten- und Bilanzzahlen erfaßt. Die Fragebogen gingen an 210 Großhandlungen und 663 Einzelhandlungen. Der Anteil der ausgefüllten Fragebogen betrug in diesem Falle 46 %, darunter 95 Großhandlungen und 307 Einzelhandlungen. Die in diesen Befragungen ermittelten Daten schließen zeitlich mit dem Jahre 1954 ab.
4. Die mit Hilfe der beiden Erhebungen gewonnenen Betriebszahlen konnten sich nur auf quantitativ erfaßbare Merkmale erstrecken. Darüber hinaus war es jedoch im besonderen Maße erforderlich, die qualitativen Momente in die Untersuchung einzubeziehen. Zu diesem Zweck wurden 136 Groß- und Einzelhandlungen in 68 Orten aufgesucht2). In einer eingehenden Besprechung mit den Betriebsinhabern wurde dabei Entwicklung und Stand der Eingliederung dieser Betriebe behandelt,
5. Schließlich wurde das vorhandene Material in einem umfangreichen Tabellenwerk niedergelegt. Es ist versucht worden, ein möglichst umfassendes Gesamtbild über den Eingliederungsstand zu vermitteln. Hierbei sind die Verhältnisse der Vertriebenenbetriebe nicht isoliert dargestellt, sondern soweit als möglich Vergleiche mit dem gesamten westdeutschen Handel angestellt worden. Dazu wurden neben dem Material der amtlichen Statistik insbesondere auch Betriebsvergleichsergebnisse herangezogen.
Die Ausführungen beschäftigen sich lediglich mit der „wirtschaftlichen Eingliederung" der Vertriebenenbetriebe und ihrer Inhaber, für die nur die ökonomische Situation nach der Vertreibung maßgebend ist. Eine Berücksichtigung der Lebensumstände der Betriebsinhaber vor der Flucht ist nur dann erforderlich, wenn sie für die spätere Lage wesentlich sind. Die wirtschaftliche Eingliederung selbst wird unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet. Einmal bezieht sie sich auf die Vertriebenenbetriebe in ihrer Gesamtheit, zürn anderen nur auf die wirtschaftliche Situation des einzelnen Betriebes unabhängig von der Gesamtlage der Vertriebenenbetriebe (gesamtwirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Eingliederung).

Erfaßte Merkmale zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung

Die Untersuchung beginnt mit der Darstellung der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung. Hierzu sind die folgenden Strukturmerkmale der Vertriebenenbetriebe des Großund Einzelhandels ermittelt und interpretiert worden.
Erstes Untersuchungsobjekt ist die Gesamtzahl der Vertriebenenbetriebe des Groß- und Einzelhandels und ihr Anteil an der Zahl aller Groß- und Einzelhandlungen in der Bundesrepublik, Dabei wird von den Ergebnissen der Arbeitsstättenzählung von 1950 ausgegangen, Die Zahlen für die späteren Jahre sind hinsichtlich der Vertriebenenbetriebe geschätzt, wobei die Grundlagen dieser Schätzung im Bericht eingehend besprochen werden. Anschließend ist die Verteilung der Vertriebenenbetriebe auf die einzelnen Branchen untersucht. Hier zeigen sich schon einige wichtige Folgen der besonderen Situation der Vertriebenenbetriebe.
Zur Erfassung des Grades der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung wird weiterhin die regionale Verteilung der Vertriebenenbetriebe dargestellt. Die Zahlen weisen deutlich auf einige charakteristische Einflußmomente hin, wie vor allem auf den Umstand, daß die regionale Streuung der Vertriebenen nicht von den Arbeitsgegebenheiten, sondern von den Unterbringungsmöglichkeiten abhängig war. Eine Betrachtung der regionalen Gliederung der Betriebe einiger großer Branchengruppen schließt sich an.
Im Zusammenhang mit der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung ist auch die Frage der Art der Geschäftseröffnung (Neugründung oder Übernahme) erörtert, da sie sich für die Entwicklungsmöglichkeiten der Betriebe als äußerst beachtlich erwiesen hat. Weiterhin wird die durchschnittliche Betriebsgröße als wesentlicher Bestimmungsfaktor der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung herangezogen. Damit ist dann - außer der Betriebszahl - eine weitere Größe für die Ermittlung des Absatzvolumens der Vertriebenenbetriebe des Groß- und Einzelhandels gewonnen. Der Vergleich des Absatzvolumens mit dem Gesamtabsatz aller Betriebe beider Handelsbereiche ist letztlich der wichtigste Maßstab für den Grad der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung.

Erfaßte Merkmale zur Beurteilung der betriebswirtschaftlichen Eingliederung

In diesem umfangreichsten Abschnitt sind eingangs die betrieblichen Faktoren behandelt, und zwar: Betriebspersonen, Geschäftsraum, Sortiment, sonstige sachliche Betriebsmittel, Standort, Kunden-, Lieferanten-, Bank- sowie Behörden- und Verbandsbeziehungen.
Die Untersuchungen über den Einsatz menschlicher Arbeitskraft beziehen sich in erster Linie auf die Betriebsinhaber selbst, da der Erfolg einer Betriebsgründung vor allem von dem unternehmerischen Geschick, der Arbeitsintensität und der Ausbildung der Inhaber abhängig ist. Das gilt vor allem für die Vertriebenenbetriebe, bei denen oft Mängel anderer Art durch besondere Qualifikation der Unternehmer ausgeglichen werden müssen. Die dann folgenden Untersuchungen über Geschäftsraum, Sortiment, sonstige sachliche Betriebsmittel und Standort zeigen die erwähnten Mängel materieller Art sehr deutlich. Besonders intensiv wird der Faktor Standort untersucht, da der gegebene Standort für das Gelingen der Betriebsgründung sehr wesentlich ist und die Vertriebenenbetriebe in dieser Hinsicht zumeist in einer schlechten Situation sind. Charakteristisch für die Vertriebenenbetriebe des Handels ist der Einfluß der Kunden- und Lieferantenbeziehungen auf den Betriebsaufbau, weshalb der Behandlung dieser Frage erheblicher Raum gewidmet ist. Nachfolgend wird dann die Bedeutung der Bank-, Behörden- und Verbandsbeziehungen dargestellt.
An diese Ausführungen schließen sich solche über Entwicklung und Stand der Vermögens- und Kapitalverhältnisse an. Die Frage wird nach den verschiedensten Seiten hin behandelt, wie hinsichtlich der Zusammensetzung der Bilanzen auf den Vermögens- und Kapitalseiten, des Einflusses der Gründungsjahre und der gegebenen Deckungsverhältnisse (Fristigkeiten). Der Anteil der Kapitalbeschaffung durch Vertriebenenkredite ist besonders eingehend untersucht, wobei vor allem die Vergabebedingungen einer kritischen Begutachtung unterzogen sind. Der letzte Teil dieses Abschnittes ist dem Kapitalbedarf der Handelsbetriebe gewidmet, da derartige Zahlenangaben für die Förderungsmaßnahmen wichtig sind.
Im Anschluß daran wird in einem weiteren Kapitel auf Entwicklung und Stand des Absatzes sowie der Personal-, Raum- und Lagerleistung der Vertriebenenbetriebe eingegangen. Hinsichtlich der Leistungszahlen ist naturgemäß ein Vergleich mit den Betriebsvergleichsergebnissen besonders aufschlußreich.
Personal-, Raum- und Lagerleistung eines Betriebes bestimmen die Höhe der Betriebskosten. Deshalb beschäftigt sich das letzte Kapitel der Untersuchungen zur betriebswirtschaftlichen Eingliederung mit Entwicklung und Stand der Kostensituation der Vertriebenenbetriebe. Die speziellen Einflüsse auf die Kosten der Vertriebenenbetriebe sind besonders hervorgehoben. Die Untersuchung erstreckt sich weiterhin auf die Gestaltung der Betriebshandelsspannen in diesen Betrieben, um dann unter Hinzuziehung der Ergebnisse der Kostenerhebungen auf das Betriebsergebnis der Vertriebenenbetriebe einzugehen. Auch diese Untersuchungen sind, soweit möglich, in Verbindung mit den Ergebnissen des Betriebsvergleichs vorgenommen.

Gesamturteil ober den Eingliederungsstand
Die Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Überblick über die hemmenden und fördernden Momente der Eingliederung, dem Gesamturteil über den Eingliederungsstand und dem Urteil über die Ansatzpunkte weiterer Förderungsmaßnahmen. Einige Ausführungen hierzu werden nachstehend auszugsweise wiedergegeben.

1. Stand der gesamtwirtschaftlichen Eingliederung
„Eingangs dieser Untersuchung wurde die Bedeutung der Vertriebenenbetriebe im Rahmen des westdeutschen Handels dargelegt. Für den Zeitraum 1954/55 wurde der Anteil der Vertriebenenbetriebe des Einzel- und Großhandels an der Gesamtzahl der Betriebe dieser Wirtschaftszweige mit jeweils etwa 6,8 % angegeben. Diese Zahl sagt nichts über den wünschenswerten Umfang der Eingliederung von Vertriebenenbetrieben aus. Es wird die Forderung aufgestellt, daß der Anteil der Vertriebenenbetriebe an der Gesamtzahl der Betriebe etwa die gleiche Höhe haben soll wie der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung. Dieser betrug im Jahre 1955 rund 17,3 %. Es erweist sich also, daß die Bedeutung der Vertriebenenbetriebe erheblieh geringer ist als die der Vertriebenen als Bevölkerungsgruppe. Der Anteil der Betriebszahl macht nur 40 % des Bevölkerungsanteils der Vertriebenen aus (6,8 % von 17,3 %)."
„Es ist letztlich das Absatzvolumen der Vertriebenenbetriebe, das ihre Bedeutung im westdeutschen Handel bestimmt. Der Anteil der Vertriebenenbetriebe am Gesamtabsatz des Einzelhandels betrug nach Schätzungen des Instituts im Jahre 1954 etwa 5 bis 6 %,. beim Großhandel waren es 4 bis 5 %. Eine Gegenüberstellung des Absatzanteiles der Vertriebenenbetriebe und des Bevölkerungsanteiles der Vertriebenen fällt also noch ungünstiger aus, als es auf Grund der Betriebszahl der Fall war. Gegen einen solchen Vergleich ist jedoch einzuwenden, daß dem Absatzvolumen nicht die Zahl der Vertriebenen, sondern nur ihre Bedeutung als Käufer gegenübergestellt werden darf. Die Kaufkraft der Vertriebenen wird aber auch 1954 noch im allgemeinen unter dem Durchschnitt der Bundesrepublik gelegen haben, womit der Unterschied zwischen der Bedeutung der Vertriebenen als Konsumenten und als Absatzträger (Betriebe) wieder etwas geringer wird.
Vergleicht man abschließend das Absatzvolumen der Vertriebenenbetriebe des Handels mit dem Konsumanteil der Vertriebenen, so kann man feststellen, daß der Absatzwert im Zeitpunkt der Erhebung nur etwa 30 bis 40 % des Kaufvolumens der Vertriebenen ausmachte."

2. Stand der betriebswirtschaftlichen Eingliederung

„Die betriebswirtschaftliche Eingliederung wird durch die spezielle Situation der einzelnen Betriebe bestimmt, unter Berücksichtigung der betrieblichen Faktoren, der Finanzierung sowie der Leistungs- und Ertragsgestaltung," „Es soll jedoch versucht werden, ein Urteil über den Stand der betriebswirtschaftlichen Eingliederung zu gewinnen, das zugleich auch eine gewisse Klassifizierung der erfaßten Fälle ermöglicht. Allerdings kann diese Beurteilung nur mit aller Vorsicht erfolgen, da es sehr schwierig ist, die vielfältigen Einflüsse quantitativer und qualitativer Art in einem Gesamturteil zu vereinigen."
„Zur Beurteilung des Eingliederungsstandes können die erfaßten Betriebe In drei Gruppen eingeordnet werden. Im günstigsten Falle ist die Eingliederung unter Würdigung aller betriebswirtschaftlichen Umstände als voll gelungen anzusehen. Im ungünstigsten Falle ist die Eingliederung als mißlungen zu bezeichnen. Dazwischen steht die Gruppe von Betrieben, bei denen die Eingliederung noch nicht als voll gelungen gelten kann, die aber immerhin auf Grund ihrer betriebswirtschaftlichen Lage unter günstigen Voraussetzungen voll eingliederungsfähig ist."

„Versucht man unter den dargelegten Vorbehalten, die in die Untersuchung einbezogenen Fälle zu quantifizieren, so ergibt sich für die Gesamtheit der Groß- und Einzelhandlungen folgendes Bild:
In gut einem Viertel der Fälle ist die Eingliederung als voll gelungen zu bezeichnen. Bei etwa einem Fünftel der Betriebe ist die Eingliederung als nicht gelungen anzusehen. In diesen Fällen wird es aller Voraussicht nach nicht gelingen, die Existenz der Betriebe auf die Dauer zu erhalten. Bei den übrigen Betrieben, das heißt also bei gut der Hälfte der erfaßten Betriebe, war die Eingliederung bis 1954 nicht voll gelungen.
Die hier herausgestellte Gruppierung ist in einem Punkte besonders bemerkenswert. Es zeigt sich nämlich, daß ein sehr großer Teil der erfaßten Betriebe bislang noch nicht zu einer echten Konsolidierung des Betriebsaufbaues gelangt ist. Gerade für diese Gruppe muß vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus ein unzureidiendes Verhältnis zwischen personeller und sachlicher Betriebsausstattung festgestellt werden."
1 1) Die Bearbeitung lag in erster Linie in den Händen von Dipl.-Kfm. Dr. Gerhard Meyer. Außer ihm haben weitere wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts zeitweise an diesem Forschungsvorhaben mitgewirkt. Die erhebungs- und auswertungstechnischen Arbeiten wurden z. T. mit Hilfe der Betriebsvergleichsabteilung des Instituts vorgenommen. Die laufende Beobachtung und Kontrolle der Untersuchung lag bei Prof. Dr. Hans Buddeberg., 2 2) 93 Betriebe wurden von dem Sachbearbeiter im Institut, Dipl.-Kfm, Dr. Gerhard Meyer , besucht, 43 Betriebe von Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Hellmut Pötschke.
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