Die deutschen Großhandelsauktionen
von Dr. Herbert DurachWährend Börsen, Messen und Ausstellungen in der Literatur eine umfangreiche und eingehende Darstellung erfahren haben, gibt es bisher über die Marktveranstaltung „Großhandelsauktion" keine umfassende neuere Abhandlung 1. Die vorgelegte Veröffentlichung versucht nun, diese Lücke zu schließen. Die Untersuchung, die im Winter 1956 begonnen und zwei Jahre später abgeschlossen wurde, stützt sich in ihrem beschreibenden Teil auf Material, das der Verfasser durch Besuche der wichtigsten deutschen Großhandelsauktionen sowie durch Eigenerhebungen bei den jeweils zuständigen Auktionsveranstaltern bzw. deren Verbänden gesammelt hat.
Die Geschichte der Großhandelsauktionen läßt sielt deutlich in drei Zeitabschnitte gliedern. In jeder der drei Perioden bildete sich ein spezifischer Typ der Großhandelsauktionen aus. Von 1650—1800 gelangten die Großhandelsauktionen der Handelskompagnien zur Blüte. Daraus entwickelten sich die von Maklern an den größten Umschlagplätzen veranstalteten Welthandelsauktionen, über die sich von 1800—1880 der Handel in einigen Welthandelswaren vollzog. Mit der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und dem Ausbau der Lieferungsgeschäfte über weite Entfernungen hinweg entfiel für diese Auktionen größtenteils die Existenzgrundlage: der stoßweise zentrale Anfall großer Massen qualitätsdifferenzierter Waren. Gleichzeitig entstand aber in Deutschland ein neuer Auktionstypus, nämlich die von Erzeugerzusammenschlüssen getragenen, aus dem Selbsthilfegedanken gewachsenen Großhandelsauktionen für Produkte der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft. Diese Auktionen des „deutschen Typus" haben in ihrer Entwicklung und ihrer Ausbreitung heute ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.
Die heute im Bundesgebiet existierenden Großhandelsauktionen haben sich jeweils auf eine Warenart spezialisiert (Fische, Obst und Gemüse, Südfrüchte, Häute und Felle, Wolle, Kämmlinge, Holz, Wein, Tabak, Zucht- und Nutzvieh). Jede der genannten Auktionsarten wird im zweiten Hauptteil der Veröffentlichung hinsichtlich ihrer Entstehung und Entwicklung, ihrer heutigen Bedeutung sowie ihrer Organisation untersucht. Außerdem wurden für jede Auktionsart genaue oder sorgfältig geschätzte Umsatzzahlen, die saisonale Verteilung der Umsätze, Art und Zahl der Anbieter und Nachfrager und der Auktionsplätze sowie die Auktionsusancen ermittelt. Dieser beschreibende Teil gibt einen praktischen Einblick in die Bedeutung der Auktionen im Handel mit der betreffenden Ware, in die Auswirkungen der Großhandelsauktionen auf den freihändigen Geschäftsverkehr und in die bestehenden Entwicklungstendenzen (z. B. Konzentrationstendenzen bei Anbietern, Nachfragern und Auktionsveranstaltern, Übergang zu anderen Auktionsformen bzw. anderen Bieteverfahren).
Die ideelle Grundlage der Großhandelsauktion ist die planmäßige Organisation eines Wettbewerbes mit gleichen Ausgangsbedingungen für alle Marktbeteiligten. Die Großhandelsauktion ist kein vorübergehender Gelegenheitsmarkt, sondern eine periodisch und regelmäßig abgehaltene Marktveranstaltung mit einer hohen Konzentrationsfähigkeit. Diese bezieht sich auf vielerlei 2: sie sammelt das Angebot eines oder mehrerer Produktionsgebiete an einem der Verteilung günstigen Ort; sie verteilt das Angebot zu einem bestimmten, vorher genau bekannten Zeitpunkt, so daß die Abnehmer ihre Geschäftsdispositionen danach ausrichten können; sie vereinigt einen Kreis von Käufern, die sonst dezentral am Markt einkaufen würden, nun aber durch ein zu bestimmter Zeit sicher vorhandenes, quantitativ und qualitativ entsprechendes Angebot veranlaßt werden, sich auf dem zentralen Auktionsmarkt einzudecken; die Auktion schließt eine Reihe von anbietenden Produzenten oder Importeuren und nachfragenden Händlern bzw. Verwendern zu einer mehr oder weniger festen Vereinigung zusammen.
Die Großhandelsauktion wendet sich von vornherein an die Öffentlichkeit und schafft durch die Besichtigungsmöglichkeit, die Ausgabe von Katalogen usw. einen Überblick über eine für Verkäufer und Käufer oft unübersichtliehe Masse von Angeboten. Die öffentliche und gleichzeitige Beteiligung derjenigen, die Bedarf an der Ware haben, sichert einen schnellen Absatz eines festbestimmten, genau sortierten Massenangebotes. Der auf eine geregelte Grundlage gestellte Marktverkehr ermöglicht eine rasche Erledigung des Warenumschlages und eine schnelle und sichere Abwicklung der Zahlungsgeschäfte. Dadurch erneuert sich sofort die Dispositionsfähigkeit des Verkäufers wie des Käufers. Die Art der Preisfindung erlaubt eine subjektive Bewertung nicht gleichmäßig abzuschätzender Ware. Durch die umfassende Konzentration von Angebot und Nachfrage bildet sich auf den Auktionen ein wettbewerbsintensiver und auf die nach- und evtl. vorgeschalteten Märkte sowie auf die Parallelmärkte regulierend einwirkender Preis. Die Großhandelsauktion dient als Markt nicht nur dem Umsatz, sondern ist gleichzeitig ein Organ der Preisbildung. Die wirtschaftliche Bedeutung der Auktion liegt vor allem in ihrer marktbildenden Kraft, die auch dann eine der Marktlage entsprechende Preisbildung gewährleisten kann, wenn ein Warenangebot unregelmäßig und stoßweise auftritt. Die Auktion erlaubt sowohl den Absatz kleiner und kleinster Warenposten als auch den Absatz eines Massenangebotes.
Obwohl die Großhandelsauktion so viele Vorteile aufzuweisen hat, ist sie trotzdem als Absatzverfahren selten anzutreffen. Der Gesamtumsatz der im Bundesgebiet existierenden Auktionen beträgt ca. 1,4 bis 1,8 Milliarden DM. Die hauptsächlichste Schranke für eine häufigere Einschaltung stellt die notwendige örtliche und zeitliche Konzentration von Angebot und Nachfrage dar. Die Art der Preisbildung mit der besonderen Berücksichtigung der Einzelqualitäten prädestiniert die Großhandelsauktion als Absatzverfahren für qualitativ unterschiedliche Waren. Mit ihrer einfachen und sicheren Handhabung erweist sich die Großhandelsauktion als zweckmäßig: bei infungiblen Waren; bei stoßweise auf den Markt gelangenden, verderblichen Waren; wenn die abzusetzende Ware nur von Zeit zu Zeit anfällt; wenn die Ware noch keinen Marktpreis oder keinen durch kaufmännische Kalkulation klar bestimmbaren Wert besitzt; wenn bei den Anbietern die Produktionsaufgabe vorherrsdit und das vertriebliche Sachverständnis fehlt; wenn die Kontrolle des vom Kommissionär erzielten Preises wichtig ist. Damit ist offenbar, daß sich die Großhandelsauktion hauptsächlich für den Absatz land-, forst- und fischereiwirtschaftlicher Produkte eignet.
Der Marktmechanismus der Großhandelsauktion sichert dem Erzeuger die Ermittlung des zahlungskräftigsten Nachfragers und trägt gleichzeitig einer Qualitätsbezahlung der Ware Rechnung. Damit wird der Erzeuger zur Qualitätsförderung angeregt. Die Höhe der erreichbaren Preise trägt wesentlich zur Rentabilisierung der Produktion bei. Die Möglichkeit einer leichten Verkaufsdurchführung kommt der wenig ausgeprägten händlerischen Initiative der Erzeuger weitgehend entgegen. Vermag den Auktionsverkauf mit günstigen Resultaten doch auch ein Landwirt durchzuführen, der weder eingehende Markt- oder Warenkenntnis, noch Beziehungen zu Kaufinteressenten und Kenntnis von der Kreditwürdigkeit der Käufer besitzt. Für den Erzeuger liegt der Nachteil der Auktion in dem starken Preisdruck bei fallender Preistendenz. Wirtschaftlidikeit und Zweckmäßigkeit werben für die Großhandelsauktion und sichern ihre Durchführung. Die Auktion versdiafft den Käufern einen guten Überblick über eine sonst fast unübersichtliche Masse von Angeboten. Das Auktionsverfahren erlaubt — mit Ausnahme des Einschreibeverfahrens —, sich den Kaufgeboten der Mitbewerber anzupassen und gewährt teilweise einen Einblick in deren Marktdispositionen. Als bedeutendste Vorteile für den Käufer sind die große Auswahlmöglichkeit und die Nivellierung der Größenvorteile beim Einkauf zu werten. Der Einkauf auf der Auktion bedeutet für den Käufer eine Risikominderung insofern, als er sich von der Qualität der Ware überzeugen kann und die Ware schon am Aukcionsort anwesend ist. Zur Risikominderung kommt die Kosteneinsparung bei der Warenbeschaffung. Daneben wird es vielen Käufern möglich, im Vertrauen auf ein sicher vorhandenes Angebot ihre Lagerhaltung auf ein Mindestmaß einzuschränken. Berücksiditigt man die Kosteneinsparung, die durch die Ausschaltung unnötiger Zwischenhandelsglieder (Aufkäufer, Platzgroßhändler) eintreten kann sowie den durch die Öffentlichkeit der Preisbildung gewährleisteten Abbau von im Vergleich zur Handelsleistung überhöhten Handelsspannen, so bedeutet die Einschaltung von Großhandelsauktionen in den Warenweg bestimmter Produkte eine beaditlidie Herabsetzung der mit der Verteilung dieser Produkte verbundenen Kosten. Ob allerdings die so bewirkte Senkung der Verteilungskosten eine Verminderung des Endverbraucherpreises der betreffenden Ware oder der daraus gefertigten Erzeugnisse zur Folge hat, hängt von der Intensität des Wettbewerbes in den der Auktion nadigelagerten Marktbereichen ab. Stets jedoch fördert die Auktion eine Versorgung der Konsumenten mit qualitativ hochstehender und frischer Ware.
Unter Beibehaltung der gegenwärtigen wirtschaftspolitisdien Gesamtentscheidung werden die von Erzeugern getragenen Auktionen in Zukunft noch wesentlich an Bedeutung gewinnen. Vor allem die Obst- und Gemüsesowie die Viehauktionen. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Genossenschaften oder Verbände die Möglichkeit haben, durdi planmäßige Maßnahmen eine straffe Angebotskonzentration auf der Auktion zu schaffen und die Qualität des Angebotes in weitem Umfang zu beeinflussen. Die übrigen genossenschaftlichen Auktionen (Häute- und Fell-, Woll-, Tabakauktionen) dürften ihren Umsatzanteil am Gesamtumsatz der betreffenden Waren halten und bei Verbesserung der Auktionsorganisation sowie einer verstärkten Übernahme der Kreditfunktion gegenüber den anliefernden Erzeugern sogar leicht erhöhen können. Eine beträchtlidie Umsatzsteigerung ist durch Strukturgegebenheiten im jeweiligen Handel nur schwer möglich und unwahrscheinlich.
Die Auktionen kolonialer Produkte (Südfrüchte) werden mit fortschreitender Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und der Möglichkeit kontinuierlicher Versorgung der binnenländischen Verbrauchsgebiete durch Direktgeschäfte mit den europäischen Produktionsgebieten weiter relativ an Bedeutung verlieren. Die vom Staat als Anbieter durchgeführten Holzauktionen werden weiterhin von der jeweiligen Marktlage bestimmt werden. Bei steigenden Preisen wird der Staat sich verstärkt oder ausschließlich der Auktionen bedienen, bei fallender Preistendenz wird er sich auf freihändigen Verkauf zurückziehen. An dieser Einstellung, die dem teils ungereditfertigten Preisdruck bei fallenden Preisen Rechnung trägt, dürfte sich nichts ändern. Auch die übrigen Auktionen (Wein- und Kämmlingsauktionen) werden sich in ihrem jetzigen Umfang weiterhin halten.
1 Die letzte derartige Untersuchung stammt von Marie Kröhne: „Die Großhandelsversteigerungen", Tübingen 1909., 2 Vgl. Marie Kröhne: „Die Großhandelsversteigerungen", Tübingen 1909.
