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Die Vertriebskosten der Ernährungsindustrie

von Privatdozent Dr. Fritz Klein- Blenkers
Im Rahmen seiner Untersuchungen über „Wege und Kosten der Distribution der Konsumwaren" erhebt das Institut für Handelsforschung auch die Vertriebskosten der Industrie, gegliedert nach Kostenarten. Nachdem in drei vorhergehenden Untersuchungsabschnitten bereits für 84 Artikelgruppen von Nichtlebensmitteln detaillierte Unterlagen über deren industrielle Vertriebskosten ermittelt und publiziert 1 werden konnten, liegen nach Abschluß des vierten Untersuchungsabschnitts jetzt auch Angaben über die Industrievertriebskosten von 32 Produktgruppen der Ernährungsindustrie vor. Die ausführliche Publikation der Erhebungen über die Vertriebskosten der Ernährungsindustrie findet sich im Sonderheft 16 der Institutsmitteilungen 2. Nachstehend werden Teilergebnisse als Auszug aus diesem Sonderheft wiedergegeben.
Die Erhebungen des Instituts vermitteln erstmalig für die Bundesrepublik einen umfassenden Überblick über Höhe und Struktur der Vertriebskosten der Konsumgüterindustrie. Der erfolgreiche Abschluß der Vertriebskostenuntersuchungen durch das Institut zeigt, daß viele Produzenten solchen Arbeiten aufgeschlossen gegenüberstehen. Allerdings waren im Lebensmittelbereich die Erhebungen der industriellen Vertriebskosten schwieriger als bei den Nichtlebensmitteln. Vor allem viele Markenartikelproduzenten der Ernährungsindustrie erklärten sich nur zögernd zur Auskunfterteilung bereit, einige lehnten eine Unterstützung ab. Aus diesem Grunde nahm die Erhebung der Vertriebskosten der Ernährungsindustrie auch erheblich mehr Zeit in Anspruch als die Feststellungen der Industrievertriebskosten bei den Nichtlebensmitteln.

1. Die Abgrenzung der Vertriebskosten
Die vom Institut ermittelten Prozentsätze der industriellen Vertriebskosten umfassen alle Aufwendungen, die den Produzenten nach Beendigung des Produktionsprozesses für den Verkauf ihrer Erzeugnisse an nachfolgende Handelsbetriebe im Inland entstehen. Die Vertriebskosten enthalten keine Kostenanteile für den Direktabsatz der Industrie an Letztverbraucher (z, B. Kosten eigener Verkaufsfilialen, Provisionen an Haushaltsvertreter usw.). Nicht miteinbezogen sind auch die Vertriebskosten des Absatzes von Fertigwaren an die weiterverarbeitende Industrie oder an Großverbraucher. Der Gewinn der Industriebetriebe
ist in den Vertriebskosten nicht enthalten.
Im einzelnen sind den Vertriebskosten folgende Kostenarten bzw. Kostenstellen zugerechnet: Personalkosten einschließlich Unternehmerlohn (Gehälter und Löhne einschließlich Sozialaufwendungen für Verkaufsabteilung, Fertigwarenlager, Versand, Buchhaltung für Vertrieb, ohne Fixum für Vertreter und ohne Personalkosten für Fuhrpark und Werbeabteilung), Provisionen (einschließlich Fixum und Sozialaufwendungen für Vertreter und Reisende), Reisekosten und Spesen, Reklame-, Messe- und Musterkosten (einschließlich Personalkosten der Werbeabteilung), Materialkosten für Versandpackung (soweit vom Produzenten getragen), 6 % kalkulatorische Zinsen auf Fertiglager, 6 % kalkulatorische Zinsen auf Außenstände, Ausgangsfrachten (soweit vom Produzenten getragen) und Fuhrpark für Vertrieb (einschließlich Personalkosten, Betriebskosten, Steuern, Versicherungen, Abschreibungen, Reparaturen), Umsatzsteuer, sonstige restliche Vertriebskosten (z. B. Miete für Vertriebsräume, Porti, Telefon, Abschreibungen auf Büro- und Lagereinrichtungen, Büromaterial, Verbandsbeiträge, Inkasso- und Bankgebühren, Versicherungen, Patente, kleine Reparaturen).

2. Die Vertriebskosten der Ernährungsindustrie im Vergleich zu denen der Nichtlebensniittel-Indiistrie
Nach den Berechnungen des Instituts hat die Ernährungsindustrie im Durchschnitt Vertriebskosten von 16,5 % ihres Verkaufserlöses (letzte Zeile von Tabelle 2). Umgerechnet auf die Produktionskosten sind das 19,8 %, umgerechnet auf den Konsumentenkaufpreis 12,4 %. Ein Vergleich mit den Nichtlebensmitteln zeigt, daß die Vertriebskosten der Ernährungsindustrie mit 16,5 % des Verkaufserlöses nur wenig kleiner sind als die durchschnittlichen der Nichtlebensmittelindustrie, die mit 17,7 % des Verkaufserlöses ermittelt wurden. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Groß- und Einzelhandelsspannen bei Nahrungsmitteln beachtlich niedriger liegen als im Nichtlebensmittelbereich. Für die 32 untersuchten Erzeugnisgruppen der Ernährungsindustrie ist die durchschnittliche Handelsspanne der Grossierer mit 9,6 % ihres Verkaufspreises festgestellt, die Detailleurspanne mit 18,4 % des Einzelhandelsverkaufspreises. Bei den Nichtlebensmitteln ergab sich dagegen eine durchschnittliche Grossiererspanne von 16,8 % und eine Detailleurspanne von 29,3 % des jeweiligen Verkaufspreises.
Entsprechend nehmen bei den Erzeugnissen der Ernährungsindustrie die industriellen Absatzaufwendungen einen viel größeren Teil der gesamten Distributionskosten (Industrievertriebskosten plus Handelsspannen) ein als bei den Nichtlebensmitteln. Bei Nichtlebensmitteln sind durchschnittlich nur 26,5 % der Distributionskosten (= 100) Vertriebsaufwand der Industrie, bei den Erzeugnissen der Ernährungsindustrie dagegen machen die Industrievertriebskosten 35,7 % der Distributionskosten (= 100) aus.
Eine Gegenüberstellung der Industrievertriebskosten nach Kostenarten im Nichtlebensmittelbereich und bei den Erzeugnissen der Ernährungsindustrie bringt Tabelle 1. Der Vergleich zeigt unter anderem, daß die Ernährungsindustrie relativ hohe Transportkosten hat, während ihre Zinsbelastung durch Fertigwarenlagerhaltung und Außenstände viel kleiner ist als bei Nichtlebensmitteln. Beachtlich niedriger liegt bei der Ernährungsindustrie auch die Personalkostenbelastung für Vertriebsarbeiten. Bei den Reklamekosten fällt der im Vergleich zur Hausrat-, Möbel-, Textil- und Schuhindustrie relativ hohe Prozentsatz, den die Ernährungsindustrie für Werbung ausgibt, auf. Da sich Lebensmittel viel schneller umschlagen als die eben genannten Vergleichsgruppen, würde man eigentlich für sie einen vergleichsweise niedrigeren Reklamekostenprozentsatz erwarten. Im Groß- und Einzelhandel trifft das nach den Unterlagen des Betriebsvergleichs auch zu. Daß der Reklamekostenprozentsatz der Ernährungsindustrie relativ hoch ist, dürfte sich vornehmlich aus dem starken Marktanteil der Markenartikel hier erklären.

3. Die Vertriebskosten von 32 Erzeugnisgruppen der Ernährungsindustrie

Die durchschnittlichen Vertriebskosten der Ernährungsindustrie sind vom Institut mit 16,5 % des Verkaufserlöses der Produzenten ermittelt. Zwischen den 32 Erzeugnisgruppen, die untersucht sind, bestehen aber beachtliche
Unterschiede in der Vertriebskostenhöhe, wie Tabelle 2 an einigen Beispielen zeigt. Die niedrigsten Vertriebskosten weist mit 8,6 % 3 des Verkaufserlöses die Zuckerindustrie auf, die höchsten sind mit 38 % für die Limonadenhersteller festgestellt worden. Industrievertriebskosten von mehr als 30 % des Verkaufspreises haben außer Limonade noch folgende Artikelgruppen: Naturbrunnen (35,5 %), Schaumwein (33,5 %), Essig (33,4 %), Puddingpulver (33,0 %). Unter 10 % des Verkaufspreises liegen die Industriellen Vertriebskosten außer bei Zucker noch bei Speiseöl (9,9 %).
Es ergibt sich die Frage nach den Gründen für die unterschiedlich hohen Industrievertriebskosten. Überdurchschnittlich hoch liegen die Industrievertriebskosten einmal in solchen Artikelgruppen, in welchen den Produzenten hohe Transport- und Verpackungskosten erwachsen (z. B. Limonade 38 %, Naturbrunnen 35,5 %, Essig 33,4 %). Vergleichsweise hoch sind die Industrievertriebskosten auch dort, wo die Produzenten relativ wenig über Grossierer absetzen. So haben die Schokoladen- und Zukkerwarenproduzenten, die im Durchschnitt 71 % der Produktion über Grossierer an den Einzelhandel verkaufen, nur Vertriebskosten von 17 % ihres Verkaufserlöses. Die Hersteller von Dauerbackwaren (Anteil des Absatzes an Grossierer nur 30 %) haben dagegen 26,4 % vom Umsatz Vertriebskosten. Hohe Industrievertriebskosten lassen sich ferner in solchen Artikelgruppen feststellen, in denen die Produzenten in starkem Umfange Aufgaben der Markterschließung bis zum Verbraucher übernehmen, wo also Markenartikel einen hohen Umsatzanteil erreichen. Die Schaumweinhersteller beispielsweise haben Industrievertriebskosten von 33,5 % ihres Umsatzes, die Hersteller von Puddingpulver 33 %. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings die Tatsache, daß die Schokoladen und Zuckerwarenindustrie vergleichsweise niedrige Vertriebskosten hat, obwohl auch in dieser Artikelgruppe Markenartikel einen hohen Marktanteil erreichen.

4. Die Veitriebskosten der Emähningsindustiie nach Kostenarten

Interessante Einblicke und Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Artikelgruppen bietet insbesondere auch die Gliederung der industriellen Vertriebskosten nach Kostenarten. Für 15 ausgewählte Artikelgruppen sind in Tabelle 3 die Vertriebskostenarten in Prozenten des Verkaufserlöses der Industrie und in Tabelle 4 für dieselben Artikelgruppen die Vertriebskostenarten in Prozenten der Gesamtvertriebskosten ( = 100) ausgewiesen.
Die Gliederung nach Vertriebskostenarten läßt zahlenmäßig den Einfluß der Ware, der Konkurrenzverhältnisse, der Absatzmethoden und Absatzwege auf die Vertriebskostenhöhe erkennen. So treten bei Waren mit großem Gewicht oder Volumen im Verhältnis zu ihrem Wert überdurchschnittlich hohe Transportkosten (Frachten und Versandverpackungsmaterial) auf. Limonaden und Naturbrunnen z. B. haben Transportkosten von 18,4 % des Verkaufserlöses der Produzenten, bei Salz betragen die Transportkosten 16,8 %, bei Essig 15,5 % und bei Brot 9,9 % vom Verkaufserlös der Hersteller. Im Verhältnis zum Wert leichte Waren sind dagegen nur niedrig mit Transportkosten belastet, wie vor allem die Beispiele aus dem Tabakwarenbereich (Zigaretten 0,6 %, Zigarren 1,8 % des Umsatzes) zeigen.
Besonders stark sind zwischen den Artikelgruppen die Unterschiede in der Höhe der Reklameaufwendungen der Erzeuger. Im Durchschnitt aller Erzeugnisse der Ernährungsindustrie liegen die Reklamekosten bei 2,2 % des Umsatzes. Reklamekosten von mehr als 4 % des Umsatzes, also vom Doppelten und mehr des Durchsdmitts der Ernährungsindustrie, sind in folgenden Artikelgruppen ermittelt: Suppen 7,2 %, Schaumwein 6,8 %, Puddingpulver 6,5 %, Limonade 6,3 %, Rauchtabak 4,8 %, Schmelzkäse 4,7 % und Spirituosen 4,2 % . Bei den mit Verbrauchsteuer belasteten Artikelgruppen, die eben mitaufgeführt sind, erscheinen die Reklamekosten durch die Einbeziehung der Verbrauchsteuer in die Verkaufspreisrechnung niedriger als sie wirklich und im Vergleich zu den nicht mit Verbrauchsteuer belasteten Gruppen sind. Ohne Einbeziehung der Verbrauchsteuer in den Umsatz der Industrie errechnen sich für Schaumwein 8 % Reklamekosten vom Umsatz der Produzenten, für Spirituosen 6,7 %, für Rauchtabak 6 %, Für die Zigarettenindustrie ergeben sich 5 % Reklamekosten vom Umsatz ohne Verbrauchsteuer, Die Artikelgruppen mit sehr hohen Reklamekosten sind ausnahmslos solche, in denen Markenartikelproduzenten größere Marktanteile besitzen. Die niedrigsten Reklamekosten hat mit 0,1 % des Umsatzes die Zuckerindustrie. Kleine Reklamekostenprozentsätze der Hersteller von 0,5 % des Umsatzes und weniger sind auch noch bei folgenden der 32 Artikelgruppen festgestellt worden: Speiseöl (0,2 %), Salz (0,2 %), Fleischwaren (0,2 %), Brot (0,4 %), Obstund Gemüsekonserven (0,5 %).
Die Position kalkulatorische Zinsen auf Außenstände läßt mit ihren zwischen den Warengruppen unterschiedlichen Prozentsätzen die sehr verschieden hohe Inansprudinahme der Zahlungsziele seitens der Abnehmer der Produzenten erkennen. Am höchsten liegt die Zinsbelastung durch Außenstände bei Naturbrunnen mit 1,2 % des Verkaufserlöses, was einem Zahlungsziel von etwa 70 Tagen entspricht. Demgegenüber wurde bei Brot und Zigaretten nur eine Zinsbelastung der Produzenten durch Außenstände von 0,1 % des Umsatzes ermittelt.
Geringe Kosten für die Verzinsung des Fertigwarenlagers fallen bei schnell sich umschlagenden Waren an. Kosten von weniger als 0,1 % des Umsatzes für die Verzinsung des Fertiglagers haben die Hersteller von Brot und Bier, Kosten von 0,1 % des Umsatzes z. B. die Hersteller von Speisefett, Fleisch, Limonaden und Zigaretten. Hoch dagegen sind die Kosten für das Fertiglager bei Waren, deren Produktion saisonabhängig ist (Obst- und Gemüsekonserven 1,2 %, Sauerkonserven 1,2 %) und auch bei Artikelgruppen mit relativ breitem und sich langsam umschlagendem Produktionsprogramm (z. B. Spirituosen 0,8 %). Produktionszweige mit schmalem Erzeugungsprogramm haben vergleichsweise hohe Reisekosten (z, B. Back- und Puddingpulver 3 %).
Insgesamt vermitteln die vom Institut erhobenen Vertriebskostenprozentsätze ein gutes Bild davon, wie stark auch in der Industrie die Kosten des Warenabsatzes durch unterschiedliche Faktoren bestimmt werden.
1 Sonderheft 6 der Institutsmitteilungen enthält Angaben über die Industrievertriebskosten von 23 Produktgruppen der Hausratindustrie (Erhebungsjahr 1952), Sonderheft 7 die Angaben von 27 Produktgruppen der Textil-, Schuh- und Lederwarenindustrie (Erhebungsjahr 1954), Sonderheft 11 die Angaben von weiteren 34 Produktgruppen der restlichen Nichtlebeusmittelindustrien (Erhebungsjahr 1956)., 2 „Wege und Kosten der Distribution der Erzeugnisse der Ernährungsindustrie", Westdeutscher Verlag, Opladen, Ophovener Straße 1-3, Preis 16,— DM., 3 Bei Zigaretten sind die industriellen Vertriebskosten noch etwas niedriger, und zwar mit 8,3 % des Verkaufserlöses der Industrie ermittelt, Dieser Wert ist jedoch schlecht mit anderen vergleichbar, weil er durch die hohe Verbrauchsteuer beeinflußt ist. Bleibt die Verbrauchsteuer beim Verkaufspreise der Industrie unberücksichtigt, so hat die Zigarettenindustrie Vertriebskosten von 17,9 % ihres Verkaufserlöses.
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