Home | 1964 | 1964-01 | Die Ökonomisierung der Distribution

Die Ökonomisierung der Distribution

von Dr. Fritz Kiein-Blenkers
Wahrend in den vergangenen Jahrzehnten die Probleme der Rationalisierung des Produktionsprozesses in Wissenschaft und Praxis breiteste Beachtung fanden, wendete sich den Rationalisierungsproblemen in der Distribution lange Zeit nicht die der Bedeutung dieses wirtschaftlichen Tätigkeitsbereichs entsprechende Aufmerksamkeit zu. Das hatte vornehmlich zwei Gründe. Einmal waren mit Beginn des technischen Zeitalters um die Jahrhundertwende in der Produktion durch Maschineneinsatz Rationalisierungserfolge zunächst relativ leicht und groß erreichbar, wahrend die Distribution aus der Natur ihrer Aufgabe heraus der Technisierung nur wenig zugänglich ist. Zum anderen liegen die Aufgaben der Rationalisierung der Distribution problematischer und schwieriger als im Produktionsbereich, so daß auch deswegen die Produktionsrationalisierung in der Vergangenheit mehr gefördert wurde als die der Distribution. So bietet sich heute der Bereich der Distribution als wichtigste Stelle an, wo intensive Bemühungen einsetzen sollten, Rationalisierungserkenntnisse zu gewinnen, sie in der Praxis bekanntzumachen und durchzusetzen. Verstärkte Bemühungen um Distributionsrationalisierung sind auch deshalb wichtig, weil Umsatzumfang und Bedeutung der Distributionstätigkeit mit wachsender Technisierung der Produktion, bei steigendem Lebensstandard und durch die zunehmende Verflechtung der nationalen Märkte größer werden. Die
Rationalisierung der Distribution erweist sich damit als ein vielfältiges, besonders schwieriges, aber auch besonders wichtiges und dringendes Aufgabengebiet der betriebswirtschaftlichen Theorie und der Betriebswirtschaftspolitik. Ihr wendet sich heute auch breiteres Interesse zu, wie unter anderem die wachsende Literatur, die sich mit der Distributionsrationalisierung beschäftigt, zeigt.
Der Rationalisierungsbegriff kann in mehrfacher Bedeutung verstanden werden, je nachdem, welcher Gesichtspunkt - z, B. der der technischen Bestgestaltung oder der optimaler Bedarfsversorgung oder der betrieblicher Gewinnvergrößerung - im Vordergrund der Überlegungen steht. Es ist deshalb zweckmäßig, das Wort „Rationalisierung" selbst als Oberbegriff dem Bemühen um vernunftgemäße Bessergestaltung allgemein vorzubehalten und die verschiedenen Bereiche des Rationalisierens mit einem die jeweilige Art kennzeichnenden speziellen Begriff zu benennen 1). So wird in der vorgelegten Arbeit die hier behandelte wirtschaftliche Rationalisierung, welche aus dem ökonomischen Prinzip erwächst, mit dem Begriff „ökonomisierung" bezeichnet 2). Dabei sind unter ökonomisierung alle Maßnahmen zu verstehen, welche einen bedarfsgemäßeren oder sparsameren Einsatz der produktiven Faktoren erstreben mit dem Ziele, den Grad menschlicher Bedarfsbefriedigung zu verbessern.
Die vorgelegte Arbeit versudit, einen Beitrag zu der Aufgabe zu leisten, daß die zur ökonomisierung der Distribution führenden Fakten erkannt werden. Unter dem Begriff „Distribution" wird dabei die Tätigkeit des Güterumsatzes verstanden sowie der Bereich betrieblicher Betätigung, in dem der Güterumsatz erfolgt. In Anbetracht der Breite des Themas konnten in der Untersuchung natürlich nicht alle Tatbestände so intensiv behandelt werden, wie das ihrer Bedeutung entsprechend in mancher Hinsicht wünschenswert gewesen wäre. Das Ziel der Arbeit ist weniger auf ausführliche Dokumentation der sich mit Fragen der Distributionsökonornisierung befassenden Literatur gerichtet. Vornehmlich werden eigene Überlegungen zur Distributionsökonornisierung vorgetragen. Sie sind vor allem aus Einblicken erwachsen, welche der Verfasser in langjähriger Tätigkeit als Referent des von Professor Seyffert geleiteten Instituts für Handelsforschung an der Universität zu Köln aus den Forschungsvorhaben des Instituts und durch Betriebsbesuche bei mehreren hundert Industrie-, Groß- und Einzelhandelsfirmen aller Branchen gewinnen konnte. Die Überlegungen werden breit mit Unterlagen der Praxis belegt. Zum großen Teil sind diese Unterlagen Ergebnisse hier erstmals publizierter Sonderauswertungen, insbesondere aus den Materialien des Instituts für Handelsforschung.

Das Thema wird in drei Teilen unter folgender Disposition behandelt: Die Beschäftigung mit den Problemen der Distributionsökononiisierung setzt die Kenntnis der der Distribution gesetzten Aufgaben und der den Umfang der Distributionsaufgabe beeinflussenden Fakten voraus, Von dieser Basis aus lassen sich die einer ökonomisierung der Distribution entgegenstehenden Hemmnisse erkennen, von hier aus ergibt sich die besondere Problematik der Verwirtschaftlichung des Güterumsatzes. Mit diesen Punkten beschäftigt sich der erste Teil der Arbeit. Außerdem ist hier in einem dreigegliederten Abschnitt als Überblick dargestellt, wie die betriebswirtschaftliche Literatur die Probleme der Distributionsökononiisierung sieht, welche Chancen sie ihr einräumt und welche ökonomisierungswege sie vorschlägt. Die benutzte Literatur ist in einem 327 Titel umfassenden Literaturverzeichnis dokumentiert.
Der zweite Teil der Arbeit befaßt sich mit den Grundsatzfragen der Distributionsökononiisierung, also ihren Verfahren, Methoden und Ansatzstellen. Da hier das Schwergewicht wissenschaftlicher Bearbeitungsmöglichkeit der Ökonomisierungsprobleme liegt, ist er der ausführlichste Teil. Es werden in ihm zunächst die Bereiche des ökonomisierungsvollzugs dargestellt, und zwar im einzelnen: wo die Gewinnung von ökonomisierungserkenntnissen erfolgen kann, welche Wirkbereiche der ökonomisierungsrnaßnahmen es gibt, welches ihre Träger sein können, in welchen Stufen sich die Distributionsökononiisierung vollzieht und nach welchen Prinzipien sich Ökonomisierungsmaßnahmen gestalten lassen. Es folgt die Beschäftigung mit den Ansatzstellen der ökonomisierungsmaßnahmen, die im innerbetrieblichen, zwischenbetrieblichen und überbetrieblichen Bereich liegen.
Die theoretische Beschäftigung mit den Problemen der Distributionsökononiisierung ist darauf gerichtet, der Praxis Grundlagen für ihre Bemühungen um bessere Bewirkung der Umsatzleistung an die Hand zu geben, Damit aber die theoretischen Erkenntnisse um ökonornisierungsmöglichkeiten an den Stellen, wo Unwirtschaftlichkeit vorhanden ist, zum Ansatz kommen können, müssen diese bekannt sein. Dazu bedarf es der Analyse der Distributionsverhältnisse, also ihrer Erfassung und der Beurteilung der Ergebnisse der Analyse. Mit den Methoden der Distributionsanalyse und dem Problem der Aussagefähigkeit von Analysen befaßt sich der dritte Teil. In ihm werden an Beispielen ferner auch die derzeitigen Distributionsverhältnisse der Bundesrepublik - Distributionswege, Distributionsaufwendungen, Distributionsbetriebe - dargestellt, und es wird versucht, sie zu beurteilen, Schließlich ist am Schlüsse des dritten Teils eine Zusammenstellung der Schwerpunkte der ökonomisierungsbedürftigkeit der heutigen Distributionsverhältnisse in der Bundesrepublik, wie sie sich aus den Erkenntnissen der Arbeit ableiten lassen, gegeben. Dieser Abschnitt ist hier am Schluß mit abgedruckt.
Die bisherigen Bemühungen um eine ökonomisierung der Distribution haben vornehmlich bei den Kosten angesetzt und gingen überwiegend auf Senkung der Distributionskosten durch Verbesserung des Leistungsgrades. Zweifellos liegt hier ein sehr wichtiger Erkenntnisbereich, Vom Gesamt der Aufgaben um Gewinnung von ökonomisierungserkenntnissen gesehen ist diese Sicht aus zwei Gründen aber zu eng. Einmal gilt es zu bedenken, daß die Kosten immer nur sekundäre Erkenntnisquelle sind; denn sie entstehen als Folge des Einsatzes der Betriebsfaktoren für die Leistungserstellung. Unbestreitbar liegen die primären Ansatzpunkte und Erkenntnisquellen für ökonomisierungsmaßnahmen auf der Leistungsseite. Durch eine Kostenuntersuchung kommt man nicht unmittelbar an die leistungsbezweckenden und leistungsbewirkenden Maßnahmen der Umsatzdurchführung, also die Quelle eventueller UnWirtschaftlichkeiten, heran. Das ist aber für ökonomisierungsbemühungen wichtig. Zukünftig sollten sich deshalb Untersuchungen um ökonomisierungserkenntnisse stärker der Leistungsseite zuwenden, dem Bereiche also, wo die produktiven Faktoren, um deren wirtschaftliche Nutzung es geht, zum Einsatz kommen1). Wichtig ist auch ein zweiter Gesichtspunkt, der zeigt, daß die Ausrichtung der ökonomisierungsbemühungen allein oder vornehmlich auf Kostensenkung durch Verbesserung des Leistungsgrades zu eng ist: „Eine Senkung der Absatzkosten...ist bei weitem nicht unbedingt der alleinige Weg zu erhöhter Wirtschaftlichkeit, sondern dieser kann auch über eine Angleichung der Angebotsbedingungen an die Nachfragebedingungen gehen" 2), also über den Weg zu bedarfsgemäßerer Leistungsbewirkung. Dafür lassen sich drei Möglichkeiten erkennen, Der Umfang des Leistungsangebots kann erstens größer sein als vom Abnehmer erstrebt; hier geht der ökonomisierungsweg über Leistungsverringerung und Kostensenkung. Das Leistungsangebot kann zweitens der Art nach falsch kombiniert sein; ökonomisierungsweg ist hier der einer Verbesserung der Funktionenkombination, die Kosten bleiben gleich. Schließlich kann das Leistungsangebot dem Umfange nach zu gering sein, so daß hier der ökonomisierungsweg über seine Erhöhung und damit auch über eine Kostensteigerung führt.
Die vorgelegte Untersuchung bemüht sich, die leistungsbezogene Blickrichtung stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Leistungsseite wird dabei dreigegliedert behandelt, und zwar mit Blickrichtung auf die betriebliche Aufgabensetzung (Betriebsstruktur und Funktionen), die betriebliche Leistungsbereitschaft (Betriebsfaktoreneinsatz) und die betriebliche Leistungsbewirkung (Betriebsprozesse).
Es ist Aufgabe wissenschaftlicher Beschäftigung mit den Problemen der Distributionsökononiisierung, für die zahlreichen Stellen der betrieblichen Distributionsbetätigung die verschiedenen Möglichkeiten ihrer wirtschaftlichen Durchführung zu untersuchen und Verfahren zu entwickeln, welche die unwirtschaftlichen Stellen erkennen lassen. Breit angelegt wird also die theoretische Beschäftigung mit den ökonomisierungsproblemen eine Fülle von Einzelerkenntnissen nebeneinander bieten. Deren Anwendung ist dann Aufgabe der Praxis. Der einzelne Betrieb muß aus den vielfältigen theoretischen Erkenntnissen diejenigen herauszufinden und anzuwenden bemüht sein, die, in seiner speziellen Situation als ökonomisierungsmaßnahmen angewendet, die günstigsten Erfolge erwarten lassen. Die Theorie kann keine Rezepte des betrieblichen ökonomisierungshandelns aufstellen, die eine wirtschaftliche Leistungsbewirkung gewährleisten. Allgemeingültige Lösungen betrieblicher ökonomisierung gibt es nicht; das gilt besonders im Distributionsbereich 1), wo eine wichtige Betriebsaufgabe die Anpassung der Leistungen an sehr unterschiedliche Märkte und an sich ständig verändernde Leistungsbedürfnisse des Marktes ist. Für den Betrieb hier den besten Lösungsweg zu finden, das ist die Hauptaufgabe des Unternehmers, auf dessen Bedeutung für die betriebliche Leistungswirtschaftlichkeit bereits Ludovici 2) hingewiesen hat, in neuer Zeit eindringlich vor allem Gutenberg 3), aber auch darauf, daß gerade im unternehmerischen Bereich „das Geheimnis richtiger Entscheidung niemals rational völlig erfaßbar sein wird" und daß der dispositive Faktor nur begrenzt in seiner Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann, wenn die natürliche Veranlagung zu dieser Aufgabe nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist. Der Unternehmer und seine Leistungsbefähigung stellen somit für alle ökonomisierungsbemühungen ein besonderes Problem dar, auf das in der Untersuchung auch besonders eingegangen ist.

In ihrem letzten Abschnitt kommt die Untersuchung zu folgenden Ergebnissen über „Die Schwerpunkte der ökonomislerungsbedürftigkeit" der Distributionsverhältnisse (Seiten 451 bis 457 der angezeigten Publikation):
Die Untersuchung hat sich mit den zahlreichen Ansatzstellen für Maßnahmen der Distributionsökonomisierung, mit den vielfältigen Verfahren und Wegen, die zu ihr hinführen können, beschäftigt. Auch wurden an Beispielen die Möglichkeiten wirtschaftlicher Kombination verschiedener Ökonomisierungswege oder -verfahren aufgezeigt. Die Anwendung des als möglich Erkannten in der Praxis, das Erkennen der besonders ökonomisienmgsbedürftigen Stellen im Einzelfalle und das Suchen der hier jeweils besten Verfahren und Wege zur ökonomisierung ist Aufgabe der Praxis. Allgemeingültige Anweisungen dafür lassen sich nicht entwickeln. Wohl dagegen ist es möglich, erwachsend aus dem Überblick über die Distributionsverhältnisse der Praxis und den zur ökonomisierung führenden Methoden die Bereiche allgemein größter ökonomisierungsbedürftigkeit sowohl den Ansatzsteilen als auch den Verfahren nach zu erkennen und aufzuzeigen. Damit beschäftigt sich für den überbetrieblichen, zwischenbetrieblichen und innerbetrieblichen Bereich der letzte Abschnitt der Arbeit.
Was die überbetriebliche Ökonomisierung betrifft, so ist in der Untersuchung mehrfach auf den unzureichenden Wettbewerb in manchen Bereichen und die daraus erwachsenden Hemmnisse der Distributionswirtschaftlichkeit hingewiesen worden. Ein erster Schwerpunkt der ökonomisierungsbedürftigkeit der Distribution liegt so im Bereiche der Maßnahmen, welche die Verbesserung des Wettbewerbsgrades zum Ziele haben. Dieser Komplex ist auch deshalb besonders wichtig, weil sich zwischenbetriebliche und innerbetriebliche ökonomisierung voll nur bei funktionierendem Wettbewerbe auswirken können.

Als notwendige Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbsvollkommenheit, die allein im Machtbereiche des Staates liegen, sind hier zunächst vier zu nennen: daß der Staat sich bemüht, die unzureichende Wettbewerbsneutralität mancher seiner Gesetze abzustellen; daß er Gesetze mit ökonomisierungshemmender Wirkung umgestaltet; daß er noch bestehende Beschränkungen der Gewerbefreiheit auflöst 4) und daß er vorhandene Schranken freier Bildung des Wettbewerbspreises beseitigt.
Von den entweder dem Staate oder betrieblichen bzw. Verbraucherverbänden möglichen Maßnahmen überbetrieblicher Distributionsökonomisierung scheinen solche der Verbesserung der Waren und Preistransparenz ganz besonders dringlich. Das einmal, um den Konsumenten die Wahl bedarfsgeeigneter und preisgünstiger Waren zu erleichtern; das zum anderen, um den Preis Wettbewerb zu Lasten der vielfach unwirtschaftlich übersteigerten Werbe-, Produkt-, Zusatzleistungs- und Rabattkonkurrenz zu fördern. Hier sollten Bemühungen vor allem auf folgende Stellen gehen: neutrale Qualitätsprüfung und -kennzeichnung; Vereinheitlichung der Abpackmengen, da dies Preisvergleiche ermöglicht oder - wo das nicht gut durchführbar ist - Verpflichtung zur Preisangabe nicht nur für die Angebotsmenge, sondern auch für eine normierte Mengeneinheit; Feststellung und laufende öffentliche Bekanntgabe der Einzelhandelsverkaufspreise der wichtigsten Konsumgüter durchschnittlicher Qualität, um so den Konsumenten für ihre Einkäufe gewisse Richtwerte an die Hand zu geben. Als überbetriebliche Maßnahmen förderungswichtig scheinen auch Aktionen, den Distributionsbetrieben mehr als bisher Unterlagen über die allgemeine wirtschaftliche Situation und Zahlen zur Beurteilung des eigenen Leistungsstandes zu vermitteln.
Von den weiteren Möglichkeiten überbetrieblicher ökonomisierung sind als besonders förderungsbedürftige noch die der Hebung der unternehmerischen Wettbewerbsbereitschaft zu nennen und die Bemühungen um Verbesserung der wirtschaftlichen Grundkenntnisse der Konsumenten sowie die Bemühung um Aktivierung der Bereitschaft der Konsumenten zu ökonomischer Bedarfsdeckung. Die Aufgabe der Hebung unternehmerischer Wettbewerbsbereitschaft gilt insbesondere für den Preiswettbewerb. Die Distributionsbetriebe sollten sich dieses Wettbewerbsinstrumentes mehr als bisher bedienen und weniger auf die meist milderen sonstigen Konkurrenzarten ausweichen. Die Ansatzstellen zur Hebung wirtschaftlicherer Bedarfsdeckung der Konsumenten sind insbesondere folgende: Aktivierung der Preisempfindlichkeit der Letztverbraucher; Weckung eines gesunden Mißtrauens gegen die Werbung, vor allem gegen übersteigerte und unsachliche; Aufklärung der Verbraucher über den Einfluß ihres eigenen Kaufverhaltens (Preisempfindlichkeit; Bevorzugung und Weiterempfehlung preisgünstiger oder sonst leistungsfähiger Betriebe; konsequentes Meiden von Betrieben überhöhten Preisniveaus oder schlechten Leistungsstandes) auf die Verwirklidiung bedarfsgemäßer und preisgünstiger Konsurntionsversorgung; Bemühungen um weite Verbreitung der Verbraucherkenntnisse über neutrale Orientierungsmöglichkeiten bezüglich. Qualität und Preiswürdigkeit von Produkten bzw. Distributionsleistungen. Über den in der Literatur oft vorgeschlagenen Weg staatlicher Lenkung sowohl der Bedarfsdeckung als auch der Distributionsbetätigung als überbetriebliche Rationalisierungsmaßnahme dürften sich Verbesserungen der Distributionswirtschaftlichkeit dagegen nicht erreichen lassen. Es ist im Gegenteil zu erwarten, daß dieser Weg vorn bisherigen Wirtschaftlichkeitsstande fortführen würde.
Noch sehr ungenügend beachtet und realisiert sind bisher die Möglichkeiten zwischenbetrieblicher ökonomisierung der Distribution, insbesondere die der zweiseitigen, bei der es also des Zusammenwirkens von zwei oder mehr Betrieben bedarf, damit Verbesserungsmaßnahmen wirksam werden. So liegen im zwischenbetrieblichen Bereiche weitere Schwerpunkte der ökonomisierungsbedürftigkeit, und zwar sowohl für Verbesserungsbemühungen zwischen im Umsatzprozeß unmittelbar oder mittelbar verbundenen Betrieben einer Distributionskette als auch für gemeinsame Aktionen von urnsatzrnäßig nicht in Beziehung stehenden Distributionsbetrieben.
Im zwischenbetrieblichen Umsatzbereiche der Betriebe einer Distributionskette lassen sich die Probleme der „Arbeitsteilung" und „Kooperation" als wichtigste Ansatzstellen erkennen, denen sich zukünftig bei Bemühungen um Verbesserung der Umsatzdurchführung mehr Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Von der Frage der Arbeitsteilung dürften besonders zwei als erfolgversprechende ökonomisierungsmaßnahmen stärkere Beachtung verdienen: die der Einschaltung von Grossierern in den Absatzweg und die zwischenbetrieblicher Teilung des Umsatzprozesses in dem Sinne, daß der Lieferant sich vornehmlich auf die Beschaffungsaufgaben, sein Abnehmer sich überwiegend auf die Absatzaufgaben spezialisiert.
Weite, noch ungenutzte ökonomisierungsmöglichkeiten können durch bessere Zusammenarbeit zwischen den Marktpartnern erschlossen werden; denn hierzu finden sich erst kleine Ansätze vor allem im Umsatzbereich Großhandlungen- Einzelhandlungen. Hier treten folgende Maßnahmen möglicher ökonomisierung als besonders beachtenswert hervor: 1. Bemühungen um stärkeren Ausbau planmäßig organisierter Zusammenarbeit zwischen den Marktpartnern mit dem Ziele, nutzlose zwischenbetriebliche Leistungen zu vermeiden und die notwendigen wirtschaftlich organisieren zu können; in diesen Bereich fallen auch die ökonomisierungsmöglidikeiten eines Ausgleichs betrieblicher Beschäftigungsschwankungen durch zeitliche zwischenbetriebliche Umsatzabstimmung. 2. Überprüfung der in stärkerer zwischenbetrieblicher Urnsatzkonzentration - in Hinsicht z. B. auf die Auftragsgrößen, die Zahl der Beschaffungs- bzw. Absatzpartner oder die Marktfelder - liegenden ökonomisierungsmöglidikeiten auf breitere Anwendbarkeit. 3. Ausbau gegenseitiger Marktinformation zwischen den Umsatzpartnern, um so den Bereich des Umsatzrisikos und der Fehldispositionen zu verringern. 4. Hinwendung größeren Interesses als bisher auf die ökonomisierungsmöglidikeiten einer Stärkung der Leistungsfähigkeit der Marktpartner: entweder, daß ein Betrieb für seine Marktpartner aus deren Betätigungsbereich Betriebsführungs- bzw. Urnsatzaufgaben übernimmt oder daß ein Betrieb bemüht ist, die Leistungsbefähigung seiner Marktpartner zu verbessern. Speziell bei den Maßnahmen der Aufgabenübernahme für Marktpartner ist aber auch zu beachten, daß diese sich leicht im Unwirtschaftlidikeitssinne auswirken können; es müssen also die Grenzen dieser ökoiiomisierungsmöglichkeit besonders sorgfältig abgesteckt werden.
Gemeinsame Aktionen zwischenbetrieblicher ökonomisierung können auch Betriebe unternehmen, die nicht in einer Distributionskette als Marktpartner miteinander verbunden sind. Als eine besonders förderungswichtige Maßnahme ist hier zunächst die Aktivierung der betrieblichen Bereitschaft zum Erfahrungs- und Zahlenaustausch, vor allem durch den Betriebsvergleich, zu nennen. Auch eine stärkere Überprüfung der Möglichkeiten gemeinsamer Prozeßbewirkung mehrerer Betriebe - entweder unmittelbarer Konkurrenten oder von Betrieben, deren Umsatzinteressen in die gleiche Richtung gehen - als ökonomisierungsmaßnahme sollte erfolgen. Solche Möglichkeiten gibt es offensichtlich beispielsweise für die Markterkundung. Aber auch Werbung, Beschaffung oder Absatz sind gemeinsamer Prozeßbewirkung zugänglich, beispielsweise indem sich Hersteller von Produkten desselben Abnehmerkreises eine gemeinsame Absatzorganisation schaffen.
Besonders zahlreidie Stellen für erfolgversprechende, aber bisher zu wenig realisierte ökonomisierungsmaßnahmen liegen im innerbetrieblichen 1 ) Bereich. Als Hauptansatzpunkte der ökonomisierungsbedürftigkeit lassen sidi hier drei erkennen: Verbesserung der Unternehmermentalität; Verbesserung der leitend-dispositiven Entscheidungen im Bereidi der Betriebsführungs- und Umsatzorganisation; Verbesserung der technischen Gestaltung der Umsatzdurdiführung und der betrieblichen Maßnahmen dazu.
Auf die Notwendigkeit der Verbesserung der Mentalität vieler Unternehmer im Distributionsbereiche ist mehrfach in der Untersuchung hingewiesen: daß ihre Wettbewerbsbereitschaft, insbesondere für den Preiswettbewerb,, größer wird; daß sie sich dynamischer an die wechselnden Bedarfsanforderungen des Marktes anzupassen bereit sind und daß sie den Methoden wirtsdiaftlieher Betriebs- und Umsatzdurdiführung nicht ablehnend, sondern aufgeschlossen gegenüberstehen. Der Anstoß zur Verbesserung der Unternehmermentalität wird in vielen Fällen zweifellos von außen kommen müssen: indirekt als zwangsweiser über Maßnahmen der Konkurrenzverschärfung oder direkt über den Weg einer Aktivierung unternehmerischer Dynamik - z. B. durch Betriebsberatungen oder Ausbildungsveranstaltungen für Unternehmer - und ihres Erwerbsstrebens. Der tägliche Augenschein zeigt die Notwendigkeit von ökonomisierungsmaßnahmen gerade in diesem Bereidi, So wickelt sich z. B. die Betriebsführung vieler Distributionsbetriebe ganz offensichtlich noch in alten, unwirtschaftlichen Formen ab, weil ihre Inhaber moderne Formen nicht übernehmen. Mangelhaft ist auch oft die Anpassungsbereitschaft der Unternehmer an die Bedarfsdeckungswünsche der Abnehmer.
Stark Ökonomisierungsbedürftig scheint in der Distribution der Bereich unternehmerisdier Entscheidung, und zwar vor allem in folgenden Punkten: erstens Abkehr von einer durch die Zufälligkeiten der Marktinanspruchnahme bestimmten Umsatzdurchführung und Hinwendung zu bewußt geplanter Gestaltung der betrieblichen Aufgabenbereitschaft auf bestimmte Ziele sowie daraus erwachsend bewußte Planung der Betriebsstruktur, des Faktoreneinsatzes und der Prozeßbewirkung. Die Aufgabe planmäßiger Gestaltung kann allerdings gut nur bewirkt werden, wenn der Betrieb ausreichende Kenntnis über die Situation seines Beschaffungs- und Absatzmarktfeldes besitzt und wenn er außerdem von den Möglichkeiten rechenmäßiger Erfassung der Betriebs Vorgänge ausreichend Gebrauch macht. Daran mangelt es aber vielfach. So ist eine zweite und dritte Stelle der ökonomisierungsbedürftigkeit die Aktivierung des Rechenhaften und der Bereitschaft zur Markterkundung. Aktivierung der Bereitschaft zur Markterkundung ist von Bedeutung, damit der Betrieb seine Leistung gut auf den Marktbedarf abstellen und er seine Dispositionen möglichst weit auf sicheren Erwartungen aufbauen kann. Besonders notwendig scheint in vielen Bereichen die Aktivierung des Rechenhaften, daß der Unternehmer sich mehr als bisher bemüht, seine Dispositionen auf zahlenmäßigen Unterlagen aufzubauen und vor allem seine Betriebsvorgänge zahlenmäßig
zu kontrollieren. So' ist es beispielsweise in den meisten Distributionsbetrieben um die zahlenmäßige Kontrolle wirtschaftlichen Einsatzes des Faktors Ware noch sehr schlecht bestellt; auch die Nutzung des im Eigentum des Distributionsbetriebes stehenden Kapitals wird meist ungenügend kontrolliert. Eine vierte Stelle besonderer ökonomisierungsbedürftigkeit im leitend-dispositiven Bereich ist die größerer Bemühungen um Abbau der Betriebsblindheit und zu engen betrieblichen Erfahrungsbereichs durch Nutzung von Betriebsvergleichsergebnissen, Erfahrungsaustausch und Inanspruchnahme von Betriebsberatungen im wirtschaftlich vertretbaren Rahmen. Schließlich sollten die Unternehmer mehr als bisher bemüht sein, die Bereiche zu erkennen, in denen sie besonders leistungsfähig zu sein vermögen, und diesen Bereichen, soweit der Markt das zuläßt, vornehmlich ihre Betätigung zuwenden.
Im ökonomisierungsbereich technisch besserer Gestaltung der Umsatzdurchführung und der betrieblichen Maßnahmen dazu sollten sich zukünftig auf folgende Ansatzstellen mehr Bemühungen richten: Da, wo der Markt es erlaubt, ist stärkere Aufgabenausrichtung der Distributionsbetriebe unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Betriebsführung anzustreben. Ferner sind Bemühungen um größere Spezialisierung anzusetzen, einmal um so die betriebliche Betätigung auf die Bereiche besonderer Leistungsbefähigung des Betriebes zu lenken, zum anderen um die leistungs- und kostenmäßigen Vorteile massenhafter Bewirkung gleichartiger Aufgaben besser nutzen zu können. Durch Spezialisierung läßt sich auch das Prinzip leistungsgemäßer Preisstellung, dessen stärkere Durchsetzung im ökonomisierungsinteresse liegt, breiter als bisher verwirklichen. Ebenso kann Spezialisierung auf eine Verbesserung der qualitativen Seite der Distributionsleistung hinwirken. Mehr als bisher sollte sich auch den ökonomisierenden Möglichkeiten, die in guter Bewirkung der kombinatorischen Aufgaben liegen, Interesse zuwenden. Das gilt sowohl in bezug auf die Wahl guter Funktionenkombinationen als auch für den Faktoreneinsatz und die Betriebsprozesse. Beim Faktoreneinsatz z. B. lassen sich insbesondere Erfolge erwarten durch intensivere Bemühungen um ein gutes Einsatzverhältnis der Faktoren Ware, Personen und sachliche Betriebsmittel zueinander in quantitativer und qualitativer Hinsicht und um Ersatz des Personenfaktors mehr als bisher durch sächliche Betriebsmittel. Im letzteren Falle ist sowohl den Möglichkeiten, die personelle Arbeit durch maschinelle zu ersetzen, Beachtung zuzuwenden als auch Maßnahmen, durch Einsatz von Sachmitteln die personelle Arbeit zu erleichtern. Allgemein sind im übrigen auf die Betriebsfaktoren, die der Distributionsbetrieb einsetzt, sowie auf die von den Personen und Sachmitteln bewirkte Arbeit mehr als bisher Verbesserungsbemühungen zu richten. Bereiche besonderer ökonomisierungswichtigkeit scheinen hier noch: Untersuchung der Möglichkeiten arbeitswissenschaftlicher Gestaltung der Distributionstätigkeit und der Möglichkeiten einer Schematisierung geistiger Distributionsleistung; das Sortiments- und Lagerproblem wirtschaftlichen Einsatzes des Warenfaktors; das Problem wirtschaftlicher Raumorganisation - im Einzelhandel vor allem die Frage guter, auf die Erfordernisse des Absatzprozesses abgestimmter Ladengestaltung, im Großhandel vor allem die Frage guter Gestaltung der Lagerräume und Lagereinrichtungen. Intensivere Aufmerksamkeit muß auch den Möglichkeiten größerer Speicherbarkeit der Distributionsleistung gelten, dem Ziele also, die Zeit der Bewirkung der Distributionsleistung von der Zeit der Inanspruchnahme unabhängig zu machen (z. B. schriftliche Beratung an Stelle persönlicher, Automatenbedienung an Stelle Verkäuferbedienung, Vorverpackung). Auf die Notwendigkeit, dem Problem der Beschäftigungsschwankungen - als einer wichtigen Ansatzstelle für ökonomisierungsmaßnahmen - stärkere Beachtung zuzuwenden, ist mehrfach hingewiesen. Die Bestrebungen hier können auf Ausgleich der Beschäftigungsschwankungen gehen - z. B. durch Bemühungen um gleichmäßigere Verteilung der Nachfrage oder durch kompensierende Sortimentspolitik - und auf organisatorische Anpassung der Betriebsbereitschaft an die Nachfrageschwankungen - z. B. durch elastische Anpassung des Faktoreinsatzes an sie oder dadurch, daß man Organisationsformen der Umsatzdurchführung sucht, welche (wie die Selbstbedienung oder der Automatenabsatz) die Bewältigung von Umsatzspitzen ohne zusätzlichen Faktoreinsatz möglich machen.
Im ganzen erweist sich heute die ökonomisierung der Distribution als ein besonders wichtiges Aufgabengebiet der betriebswirtschaftlichen Theorie und der Betriebswirtschaftspolitik. Von der wirtschaftlichen Bewirkung der Distributionsaufgaben hängt die Wirtschaftlichkeit der Konsumtionsversorgung in weitem Maße ab. So sind intensive Anstrengungen notwendig, um Wege zu wirtschaftlicherer Bewirkung des Warenumsatzes zu erkennen und das theoretisch Erkannte in der Praxis zu realisieren. Da in der Vergangenheit die Probleme der Distributionsökonomisierung unzureichende Beachtung fanden, muß sich ihnen zukünftig breite Aufmerksamkeit zuwenden. Wegen der vielfältigen Möglichkeiten der Distributionsdurchführung, wegen der Ungewißheit der Marktbeziehungen und wegen der zahlreichen Hemmnisse, welche einer wirtschaftlichen Umsatzbewirkung durch die Distributionsbetriebe entgegenstehen, liegt die Aufgabe der Distributionsökonomisierung vergleichsweise vielfältig und schwierig. Das macht aber alle Bemühungen um eine gute Lösung in Theorie und Praxis auch zu einer besonders interessanten Aufgabe.
1 1) Das geht zurück auf einen Vorschlag Sundhoffs in seinem Aufsatz „Über den Stand der ökonomisierung" in: Mitteilungen des Instituts: für Handelsforschung an der Universität zu Köln, Nr. 7 vom 1. Juli 1951., 2 2) In diesem Sinn von Seyffert bereits 1922 verwendet in seinem Buch „Der Mensch als Betriebsfaktor", Stuttgart 1922., 1 1) Diese Meinung vertritt ausgeprägt z. B. audi Buddeberg (Über die Vergleichbarkeit der Handelsbetriebe, Köln und Opladen 1955)., 2 2) Otto Angehrn, Probleme der Produktivitätssteigerung im Bereiche des Absatzes, in: Jahrbuch der Absatz- und Verbrauchsforschung, 3, Jg. 1957., 1 1) „Für die gesamte ökonomisierung der Distribution gibt es keine alleinseligmachende Methode" (Rudolf Seyffert, Die Problematik der Distribution, in: Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung an der Universität zu Köln, Nr. 11 vom 15. Juni 1952., 2 2) Carl Günther Ludovki, Grundriß eines vollständigen Kaufmanns- Systems, 2. Aufl., Leipzig 1768., 3 3) Erich Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, 1. Bd.: Die Produktion, 3. Aufl., Berlin-Göttingen-Heidelberg 1957, sowie 2. Band: Der Absatz, 2. Aufl. 1956., 4 4) Der Schutz gegen den Mißbrauch der Gewerbefreiheit wäre hier durdi „klare Regeln, wann ein individuelles Gewerbeverbot auszusprechen ist", zu schaffen (vgl. hierzu Rudolf Seyffert, Wirtschaftslehre des Handels, 4. Aufl., Köln und Opladen 1961)., 1 1) Mit der Bezeichnung dieses ökonomisierungsbereiches als „innerbetrieblicher" ist die Stelle, wo Verbesserungsmaßnahmen zum Ansatz kommen, genannt, unabhängig davon, daß der Wirkbereich der innerbetrieblichen ökonomisierungsmaßnahmen sich auch in den zwischenbetrieblichen Bereich erstrecken kann.
'