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"Die Handelsspannenkritik" in der Kritik

von Dr. Fritz Klein
In der Septembernummer 1963 (Nr. 117) der Mitteilunge des Instituts für Handelsforschung habe ich meine Kölner Antrittsvorlesung vom 11.07.1963 über „Die Handelsspannenkritik" veröffentlicht. Sie hat eine erfreulich breite Beachtung gefunden. Zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften gaben ihren Text voll oder auszugsweise wieder, wobei mehrfach teils positiv, teils kritisch zu Abschnitten Stellung genommen wird. Die breitesten kritischen Kommentare finden sich im „Pressedienst des Handels" (ihrerseits wiederholt nachgedruckt) sowie in einem Aufsatz Professor Mellerowicz', Der Pressedienst hat in seiner Nummer 35 vom 9.10.1963 unter der Überschrift „Sehr viel ungerechtfertigte Handelsspannenkritik" zunächst eine Zusammenfassung der Hauptgesichtspunkte der Antrittsvorlesung mit durchweg positiver Stellungnahme gebracht. Ganz anders fällt dagegen ein weiterer Beitrag aus, den der Pressedienst zwei Wochen später unter dem Titel „Ist der Einzelhandel übersetzt?" in der Nummer 37 vom 23.10.1963 veröffentlichte und der einige Punkte der Antrittsvorlesung angreift. Besonders scharf in der Beurteilung und negativ in der Bewertung ist eine Stellungnahme Mellerowicz', welche unter dem Titel „Die Handelsspannenkritik, Bemerkungen zu einer Veröffentlichung von Klein-Blenkers" zunächst am 28. Nov. 1963 in der Nr. 184 auf Seite 4 des Industriekurier veröffentlicht ist und gleichlautend auch im Heft 12/1963 des Markenartikel auf Seite 1127. Zu den kritischen Äußerungen - insbesondere denen Mellerowicz' - sind einige klärende Bemerkungen notwendig.
Wie überall im Leben, so kann man auch im wirtschaftlichen Bereich denselben Tatbestand von unterschiedlichen Ausgangspunkten betrachten. Das gilt beispielsweise dafür, welchen Begriffs man sich zur Bezeichnung eines Faktums bedienen will; denn normierte, allgemein verwendete Begriffe gibt es in den Wirtschaftswissenschaften noch nicht. Wenn Mellerowicz also meint, daß der Begriff Handel und damit auch der Handelsspannenbegriff allein auf die Handelsbetriebe bezogen werden solle, dagegen die Umsatztätigkeit der Produzenten und die hierbei anfallenden Spannen mit anderen Begriffen zu benennen seien, dann steht ihm selbstverständlich frei, so zu definieren. Seinem Einwand jedoch, die Ausdehnung der Begriffe Handel und Handelsspanne im funktionellen Sinne führe zur Begriffsverwirrung, kann mit dem Hinweis auf die methodisch und begrifflich grundlegenden Arbeiten Seyfferts1) und Sundhoffs 2) begegnet werden. Sie zeigen die Nützlichkeit eines auch den Umsatzbereich der Produzenten mitumfassenden Handelsspannenbegriffs auf, der sich auch bereits vielfältig bewährt hat.
Unterschiedlichkeit der Meinungen vermag besonders stark dort aufzutreten, wo es sich um die Bewertung von qualitativen Fakten handelt. Ein solcher Tatbestand ist z. B. der der Übersetzung der Handelsbetriebe. In meiner Antrittsvorlesung habe ich die Meinung vertreten, die Handelsbetriebe in der Bundesrepublik seien stark übersetzt. Diese Feststellung kritisiert Mellerowicz mit folgenden Bemerkungen: „Die Vorliebe des Verfassers für vorschnelle Urteile zeigt sich auch gegenüber der Handelsübersetzung. Die Zweifelhaftigkeit der These von der Übersetzung ergibt sich bereits aus den Ausführungen des Verfassers über die Gewinnsituation des Handels...Die Übersetzungstheorie des Referenten erweist sich aber auch aus einem anderen Grunde als unhaltbar..." Mellerowicz stellt in seiner Kritik also fest, die Handelsbetriebe seien nicht übersetzt. Das ist überraschend; denn in mehreren seiner Veröffentlichungen vertritt er selbst die These von der Übersetzung des Handels. Wenn ich mir selbst keine Übersicht über das Problem der Übersetzung hätte bilden können, dann hätte ich neben Spezialliteratur 3) vor allem auch Mellerowicz' Ausführungen, die dieser an mehreren Stellen über die Handelsübersetzung macht, heranziehen können. So findet sich beispielsweise in Mellerowicz Aufsatz „Handelsspannen und Diskonthäuser" 4) folgendes: „Es kann nicht bestritten werden, daß der deutsche Handel übersetzt ist," In seinem Buche „Der Markenartikel als Vertriebsform und als Mittel zur Steigerung der Produktivität im Vertriebe" 5) macht er über den Einzelhandel folgende Ausführungen: „Es kann aber trotzdem nicht bestritten werden, daß die unbefriedigenden Zustände zum Teil auch auf die Übersetzung in diesem Wirtschaftszweig zurückzuführen sind und die Rationalisierung an dieser Erscheinung nicht vorbeigehen kann." In der vor kurzem herausgegebenen zweiten Auflage seines Buches „Markenartikel" 6), findet sich zur Übersetzung der Großhandelsbetriebe die gleiche Stellungnahme: „...Hieraus hat sich die bis heute bestehende Übersetzung der Großhandelsstufe entwickelt." Aus dieser Meinung erwächst dann seine Forderung: „Die Zahl der Handelsbetriebe müßte um jeden Preis vermindert werden... 7 ) . " Wieso Mellerowicz also in seiner Stellungnahme meine Ausführungen zur Handelsübersetzung „als Vorliebe für vorschnelle Urteile" bezeichnet, ist völlig unerfindlich. Mit dieser Kritik würde er - wenn sie begründet wäre - sich selbst genauso treffen.
Formal unberechtigt und sachlich ebenso unerfindlich wie die Kritik an der Übersetzung ist auch der heftige Angriff, den Mellerowicz mit den Worten „Hier verläßt der Verfasser völlig die Wirklichkeit" gegen die Feststellung in der Antrittsvorlesung richtet, daß vom Standpunkte optimaler Bedarfsversorgung die Kompensationskalkulation (Mischkalkulation) als Mittel des Preiswettbewerbs abzulehnen sei. Seine Kritik geht hier zunächst formal ganz an den Tatsachen vorbei. Das deshalb, weil Mellerowicz fälschlich behauptet, ich stelle den kritisierten Satz als ein Ergebnis: betriebspolitischer Überlegungen zur Kompensationskalkulation heraus. Ich sage jedoch ausdrücklich, daß die Feststellung den Gesichtspunkt wirtschaftlicher Bedarfsversorgung betrifft 8). Über die Kompensationskalkulation vom Standpunkte der Beiriebsführung ist dagegen in der Antrittsvorlesung kurz vor der kritisierten Bemerkung folgendes ausgeführt: „Betriebspolitisch ist die Kompensationskalkulation an Stelle der funktionsgemäßen in vielen Fällen zweifelsohne eine Notwendigkeit, der sich kein Betrieb entziehen kann." Dabei werden ihre betriebspolitischen Aufgaben auch dargestellt, so daß die ausführliche Darstellung Mellerowicz' zur Kompensationskalkulation im Rahmen der kritischen Entgegnung „offene Türen einrennt"; denn fast alles, was er über die Ziele der Kompensationskalkulation sagt, findet sich bereits in meinen Ausführungen.
Nun zum sachlichen Inhalt der Kritik Mellerowicz'. Selbstverständlich kann man darüber unterschiedlicher Meinung sein, wie vom Standpunkte der Bedarfsversorgung der kompensatorische Preiswettbewerb, bei dem ein Teil der Waren des Sortiments durch die Preisstellung Werbeaufgaben erfüllt, zu beurteilen ist. Ich habe meine ablehnende Meinung damit begründet, daß in dieser Art von Kompensationskalkulationen dem Abnehmer eine nicht vorhandene Preiswürdigkeit vorgespiegelt werde; auch werde meist ausgenutzt, daß die Qualitätstxansparenz eines großen Teils des Sortiments sehwach ist. Genau wie in der Frage der Übersetzung hätte ich auch hier Mellerowicz als Zeugen heranziehen können, wenn ich meinen Standpunkt durch Literaturangaben hätte bekräftigen wollen. Mellerowicz führt nämlich in seinem Buche über Kosten und Kostenrechnung dazu folgendes aus: „Mit Recht behauptet man, daß durch einen Kalkulationsausgleich zwischen verschiedenen Waren und Abteilungen, oder gar zwischen Betrieben jeder Preis unterboten und jede Marktordnung gestört werden kann...So gilt es z. B. im Einzelhandel für unzulässig, Waren verschiedener Abteilungen durcheinander zu kalkulieren...So haben beispielsweise die Warenhäuser jahrzehntelang ihre Lebensmittelabteilungen als "Reklameabteilungen" betrachtet, die Preisstellung lediglich nach Werbegesichtspunkten vorgenommen und mit den innerbetrieblichen Verlusten die rentablen Abteilungen belastet...In einem solchen Verhaltenwürde man heute eine unzulässige Marktstörung und Preisschleuderei sehen 9)." Audi hier widersprichtdie Kritik Mellerowicz' seiner eigenen Stellungnahme.
Ein Mellerowicz offenbar besonders wichtig scheinender Ansatzpunkt zur Kritik sind meine Feststellungen über die Höhe der Handelsspannen preisgebundener Waren, Meine Ausführungen dazu, daß „bei preisgebundenen Waren die Handelskettenspanne (Vertriebsspanne der Produzenten + Handelsspannen der Groß- und Einzelhandlungen) im allgemeinen ganz erheblich höher liegen als bei nicht preisgebundenen Waren", versucht Mellerowicz zunächst mit den Ergebnissen einer Erhebung des von der Markenartikelindustrie getragenen Forschungsinstituts für das Markenwesen entgegenzutreten. Die von Mellerowicz herangezogene Untersuchung vermag aber einmal aus sachlichen Gründen nichts zur Klärung beizutragen. Sie vergleicht nämlich nicht die Spannen frei kalkulierter Waren mit denen preisgebundener Waren, sondern die Spannen von Markenartikeln mit denen markenloser Waren, was einen großen Unterschied bedeutet.
Darüber hinaus ergeben sich auch aus der Anlage der von Mellerowicz herangezogenen Erhebung erhebliche Zweifel an ihrer Beweiskraft. Wenn man sich den Erhebungsbogen dieser Untersuchung 10) ansieht, dann ergibt sich folgendes: Die Ergebnisse über die Groß- und Einzelhandelsspannen markenloser Waren entstammen - ebenso wie die Ergebnisse über Markenartikelspannen in anderen Ländern - Auskünften von Markenartikelproduzenten, die befragt sind, wie hoch nach ihren Unterlagen die Groß- und Einzelhandelsspannen bei vergleichbaren markenlosen Erzeugnissen und bei Markenwaren im Ausland seien. Was die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels 11) zur Aussagefähigkeit dieser Untersuchung für den internationalen Vergleich der Markenartikelspannen anführte, gilt zweifellos auch für den Vergleich der Spannen bei inländischen Marken- und markenlosen Waren. „Die Veröffentlichung Professor Mellerowicz' über den .Internationalen Spannenvergleich' will sicherlich nicht Anspruch darauf erheben, wissenschaftlich ernst genommen zu werden...Mit einer Beweisführung, die man nicht einmal einem Laien abnehmen kann, kommt Mellerowicz zu seinen ,Erkenntnissen',"
Im übrigen habe ich in der Antrittsvorlesung ausdrücklich gesagt, daß sich die Feststellung, die Handelskettenspanne liege bei preisgebundenen Waren im allgemeinen ganz erheblich hoher als bei frei kalkulierten, weniger auf die Groß- und Einzelhandlungen bezieht, sondern mehr auf die Vertriebsspanne der Produzenten. Diesem Argument vermag Mellerowicz durch Material nicht zu begegnen. Nach den Unterlagen der Distributionsanalyse des Instituts für Handelsforschung, die auf Erhebungen bei Produzenten, Groß- und Einzelhandlungen basiert, liegen bei preisgebundenen Markenartikeln des Nahrungsmittelbereichs die Verhältnisse etwa folgendermaßen: die Verteilungsaufwendungen der Hersteller sind bei preisgebundenen Markenwaren um etwa 8 bis 10 % des Umsatzes höher als bei frei kalkulierten markierten Waren, die Detaillistenspannen um etwa 3 % des Umsatzes höher. Bei den Grossistenspannen wurden dagegen im Gesamtbilde kaum Unterschiede zwischen preisgebundenen und frei kalkulierten Waren festgestellt. Die gesamte Handelskettenspanne ist im Durchschnitt zwischen 5 bis 10 % des Endverbraucherpreises bei preisgebundenen Nahrungsmitteln höher als bei nicht preisgebundenen Markenwaren 12 ) . Ob im übrigen in meiner Anregung, daß dort, „wo die Vertriebsspannen des Produzenten höher liegen als die DetaiUistenspannen, erstere eher einer Durchleuchtung bedürfen als die Detaillistenspanne", eine - wie sich Mellerowicz ausdrückt - „kühne Folgerung" vorliegt, sei dem Urteil des Lesers überlassen.
Was die Kritik im Pressedienst des Handels angeht, so beschäftigt sich diese zunächst mit meinen Ausführungen zur Obersetzung der Handelsbetriebe. Die erste Besprechung in Nr. 35/63 des Pressedienstes lehnt die Feststellung zumindest nicht völlig ab, indem ausgeführt wird, „Seine - allerdings zu sehr verallgemeinernde - These von der starken Übersetzung im Handel sollte einer regionalen und branchenmäßigen Oberprüfung wert sein". Dagegen weist die zwei Wochen später in der Nr. 37/63 publizierte Stellungnahme es für den Einzelhandel völlig von der Hand, er sei stark übersetzt. Die hierzu im Pressedienst angebrachten Argumente rechtfertigen jedoch keineswegs den Schluß, „daß von einer ,starken Obersetzung' des Einzelhandels nicht die Rede sein kann". Zwar ist dem ersten Argument, die Betriebsstruktur des Einzelhandels müsse aus Gründen bequemer Bedarfsversorgung dezentralisiert sein, voll zuzustimmen. Wie man jedoch unter diesem Aspekt aus der Gliederung der Einzelhandelsbetriebe nach Umsatzgrößenklassen, die ja über die standortliche Dezentralisation auch nichts aussagt, erkennen will, daß es nicht zu viele Betriebe gibt, ist unklar und wird im Pressedienst auch nicht erläutert. Entsprechend fehlt auch die Grundlage für die folgende weitere Beweisführung' im Pressedienst: „Wenn schon die These von einer ,starken Übersetzung des Einzelhandels zu widerlegen ist, läßt sich auch die von Klein-Blenkers aus der vermeintlichen Übersetzung geschlossene Schlußfolgerung zur Kapazitätsausnutzung nicht aufrechterhalten."
Was die Frage der Kapazitätsausnutzung grundsätzlich angeht, so ist zunächst festzustellen, daß sie sich im Handel mit den bisher bekannten Methoden einer exakten Messung entzieht, Jedoch lassen sich an Hand von Unter lagen über die Nutzung der wichtigsten Betriebsfaktoren brauchbare Anhaltspunkte zur Beurteilung der Kapazitätsausnutzung gewinnen. Die hier bekannten Unterlagen zeigen alle, daß im Gesamt des Handels - auch dem der Produzenten - bei der Kapazitätsausnutzung noch beachtliche Verbesserungsmöglichkeiten liegen, daß also ungenügende Kapazitätsausnutzung weit verbreitet ist. Diese Feststellung bestätigen im übrigen auch Erfahrungen der Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle des Einzelhandels. Nach ihrem 1963 veröffentlichten Tätigkeitsbericht „boten bis zu zwei Drittel aller beratenen Betriebe Anlaß zu schwerwiegender Kritik", wobei an zweiter Stelle in der Skala der Mängel Fragen des Ausnutzungsgrades der Leistungsbereitschaft und der mit der Kapazität verbundenen Kosten stehen 13). Die Feststellung im Pressedienst, daß eine sehr ungünstige Kapazitätsausnutzung nur in Einzelfällen gegeben sei, dürfte also nicht zutreffen. Diese Feststellung ist im übrigen nicht dazu angetan, bei den Einzelhandelsbetrieben Bereitschaft auf die zweifellos sehr wichtige und erfolgversprechende Rationalisierungsaufgabe der Verbesserung der Kapazitätsausnutzung zu lenken. Das auch deshalb, weil der weitere Text, der sagt, ^betriebswirtschaftliche Optimen' ließen sich in der Praxis nicht erreichen, da sich die Nachfrage nicht als ,hcmo oeconomicus1 verhalte", von den Kaufleuten so ausgelegt werden kann, im Bereiche der Kapazitätsausnutzung seien die Möglichkeiten zur Rationalisierung gering,Bemühungen dort also wenig sinnvoll.
Zu der Bemerkung des Pressedienst über „betriebswirtschaftliche Optimen" ist weiter noch folgendes zu sagen; Wenn man sich bemüht, betriebswirtschaftliche Optima zu ermitteln, dann muß man selbstverständlich versuchen, die Nachfragefakten miteinzubeziehen, denn andernfalls sind es keine betriebswirtschaftlichen, sondern rein technische Optima. Solche betriebswirtschaftlichen Optima lassen sich jedoch für den Umsatzbereich kaum aufstellen, vor allem wegen der Ungewißheit der Nachfrage. Dagegen kann man wohl - insbesondere mit Hilfe empirischer Untersuchungen - den Bereich betriebswirtschaftlich guter Umsatzleistungen abstecken und die Betriebe dahin lenken. Nur das wurde von mir gefordert. Die Meinung, für alle Betriebe sei das Optimum erreichbar, findet sich dort nirgends; sie ist auch nicht realisierbar.
Etwas befremdend ist es, wie der Pressedienst auf die Hinweise in der Antrittsvorlesung reagiert, daß sich die Handelsforschung bestimmten Arbeitsbereichen - wie dem der Organisation kostensparenden Massenabsatzes oder dem funktionsgemäßer Kalkulation - zukünftig stärker zuwenden sollte, da hier bisher noch wenig getan sei. Der Pressedienst stellt dazu die Frage, ob es so sei, daß die Praxis die neuen Formen zu entwickeln habe und der Wissenschaft dann analytische Aufgaben zufallen? Gerade den Handelsverbänden dürfte bekannt sein, daß sich die Handeisforschung keineswegs mit analytischen Aufgaben zufrieden gibt. Sie hat sich in der Vergangenheit intensiv und erfolgreich bemüht, der Handelsrationalisierung neue und erfolgversprechende Wege zu weisen. Daß dabei noch nicht alle Probleme angegangen werden konnten, liegt einmal an der Breite des Fragenkomplexes. Es liegt zum anderen oft aber auch daran, daß aus manchen Bereichen Unterlagen der Praxis für die empirische Forschung nicht in dem Umfang zur Verfügung stehen, wie das wünschenswert wäre. Hier muß allerdings im Vergleich mit den anderen Arten des Handels den Einzelhandlungen, und zwar insbesondere den branchengebundenen, bescheinigt werden, daß sie bisher am breitesten die Forschung mit Material unterstützten.
Besonders empfindlich reagiert der Pressedienst auf einige kurze, nur elf Zeilen des Vortrages umfassende Feststellungen über die Preisbindung, und zwar zunächst mit dem Bemerken, „es scheint so, als würde hier wieder der Anteil der preisgebundenen Waren am Gesamtumsatz überbewertet". Davon steht jedoch in den elf Zeilen kein Wort. Es ist also nicht ersichtlich, warum diese Bemerkung gemacht wird. Wenn darauf etwas geantwortet werden soll, dann ließe sich sagen, daß insbesondere manche Handelsverbände der Preisbindung starke Bedeutung für die Betriebspolitik zumessen 14).
Weiter führt der Pressedienst aus, ich scheine zu unterstellen, „daß nach Fortfall der Preisbindung unbedingt eine allgemeine Verbilligung eintreten müßte". Auch darüber ist in den elf Zeilen kein Wort gesagt. Man wird allerdings - das sei hier dazu bemerkt - nach den bisherigen Erfahrungen von einer Aufhebung der Preisbindung im Gesamt für die dann frei kalkulierbaren Markenartikel Preissenkungen erwarten können, wie insbesondere die Beispiele des Elektro- und Rundfunkgerätebereichs zeigen. Auch für den Umkehrschluß, daß bei Einführung der Preisbindung die Preise höher angesetzt werden, als sie sich im freien Wettbewerb bisher bildeten, bot die Praxis noch in den letzten Wochen ein Beispiel im Waschmittelbereich 15). Beide Beispiele werden voraussichtlich dem Einwand begegnen, es seien nicht zu verallgemeinernde Sonderfälle 16). Man sollte jedoch den Einwand von „Sonderfällen" nicht zu oft vorbringen, weil er dann unglaubwürdig wird. Im übrigen ist die letzte Bemerkung in der Nr. 37 des Pressedienst aufschlußreich, daß der Prozeß der Aufhebung der Pressbindung auch von den Verbänden des Handels als ein fortschreitender angesehen wird.
Es schien mir angebracht, an der gleichen Stelle, an der meine Antrittsvorlesung veröffentlicht wurde, auf die mir bekanntgewordenen Einwände zu antworten. Im Rahmen eines Vortrages war es natürlich nicht möglich, das Für und Wider der Probleme in aller Breite und mit Beweismaterialien darzustellen. Das ist auch nicht die Aufgabe einer Antrittsvorlesung. Die angeschnittenen Probleme sind in meinem Buche „Die ökonomisierung der Distribution", das jetzt als Band 27 der „Schriften zur Handelsforschung" erschienen ist, ausführlich behandelt.
1 1) Rudolf SeyfFert, insbes.: Wirtschaftslehre des Handels, vor allem Kapitel 28, 4 „Die Handelsspannenrechnung" und Kapitel 29-31 „Die Handelsketten", 1. Aufl. 1951, 4. Aufl. 1961, Köln und Opladen., 2 2) Edmund Sundhoff, insbes.: Die Handelsspanne, Köln und Opladen 1953., 3 3) Z, B. Robert Nieschlag, Die Gewerbefreiheit im Handel, Köln und Opladen 1953, insbes. Seite 71 : „Die Obersetzung des Handels lehrt vielfach die tägliche Beobachtung. Hier bedarf es keines langen ,Beiweises""., 4 4) Konrad Mellerowicz, Handelsspannen und Diskonthäuser, In: ZfB, 28. Jhg. 1958., 5 5) Konrad Mellerowicz, Der Markenartikel als Vertriebsform und als Mittel zur Steigerung der Produktivität im Vertriebe, Freiburg 1959., 6 6) Konrad Mellerowicz, Markenartikel, Die ökonomischen Gesetze ihrer Preisbildung und Preisbindung, 1. Aufl. 1955, 2. Aufl. 1963 München und Berlin., 7 7) Konrad Mellerowicz, Handelsspannen und Diskonthäuser, in: ZfB, 28. Jhg. 1958, Seite 143., 8 8) Im Text der Antrittsvorlesung ist eingangs klar ausgeführt, daß die Gesichtspunkte wirtschaftlidier Betriebsführung und wirtschaftlicher Bedarfsversorgung gesondert behandelt werden, wenn sie zu abweichenden Ergebnissen führen., 9 9) Konrad Mellerowicz: Kosten und Kostenrechnung, II Kostenrechnung, 2. Teil, Berlin und Leipzig 1936., 10 10) K. Mellerowicz: Die Handelsspannen bei freien- gebundenen und empfohlenen Preisen, Freiburg 1961., 11 11 ) Pressedienst des Handels: Sind die deutschen Handelsspannen die höchsten in Europa? Ein wissenschaftlich verbrämtes Märchen, Nr. 14 vom 12.04.1961., 12 12) Vgl. hierzu auch: Fritz Klein-Blenkers, Die ökonomisierung der Distribution, Köln und Opladen 1964., 13 13) Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für den Einzelhandel, GmbH, Köln, in Verbindung mit der Hauptgerneinschaft des Deutschen Einzelhandels: Entwicklung und Wirkung der Betriebsberatung im Einzelhandel, Köln 1963, Seite 84., 14 14) So führte nach einer Pressenotiz der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Lebensmittelhandels, Dr. Arend Moje aus, „der Lcbensmittelhandel sei an der Aufrechterhaltung der Preisbindung interessiert, nicht um möglichst hohe, sondern um sichere Spannen in bestimmten Bereichen zu haben, die man für die notwendige Mischkalkulation brauche"., 15 15) Vgl. hierzu u. a.: „Preissenkung mit Tücken", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 281/63; „Waschmittelpreise werden geprüft, Spezialwaschrnittel unter Preisbin dung erheblich verteuert", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 15/64., 16 16) Für den Rundfunk- und Fernsehgerätebereich argumentiert Mellerowicz so (Konrad Mellerowicz, Markenartikel, 2. Aufl., München und Berlin 1963).
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