Die Möglichkeit der Fließarbeit im Großhandel
von Dr. Klaus BrockDie Aufgabe des Großhandelsbetriebes besteht darin, von anderen Betrieben hervorgebrachte Waren, stofflich bis auf gewisse handelsübliche Manipulationen unverändert, kombiniert mit Dienstleistungen an gewerbliche Verwender, Großverbraucher und Wiederverkäufer abzusetzen. Die Aufgabenerfüllung ist ein Prozeß, der von einer Mehrzahl von Aufgabenträgern unter Anpassung an wechselnde Bedingungen zu vollziehen ist.
Die Betriebsorganisation soll die Betriebsleitung in ihren Bemühungen unterstützen, die optimale Ausrichtung der Aufgabenträger auf die Erfüllung der Betriebsaufgabe zu erreichen und auf diese Weise den produktiven Effekt des Betriebes zu erhöhen 1. Diesem Zweck dient sie, wenn die organisatorischen Regelungen gegenseitige Leistungshemmungen, Leerlauf, Doppel- und Fehlleistungen ausschließen und die Teilarbeiten der einzelnen Aufgabenträger sich zur richtigen und rechtzeitigen Erfüllung der Betriebsaufgabe ineinanderfügen.
Das System von Regelungen wird von den jeweiligen betrieblichen Bedingungen beeinflußt. Man kann fünf Stufen der Organisierbarkeit von Arbeitsabläufen unterscheiden.
1. Freier Arbeitsverlauf.
Die Arbeit ist durch keinerlei organisatorische Regelungen bestimmt.
2. Inhaltlich gebundener Arbeitsverlauf.
Die Leistung ist bestimmt.
3. Ablaufmäßig gebundener Arbeitsverlauf.
Die Reihenfolge der Arbeitsvorgänge ist bestimmt.
4. Zeitmäßig gebundener Arbeitsverlauf.
Die Zeit für die einzelnen Arbeitsvorgänge ist bestimmt.
5. Taktmäßig gebundener Arbeitsverlauf.
Die Wiederkehr der Arbeitsvorgänge, also der Rhythmus des Arbeitsablaufs, ist bestimmt.
Die strenge Gebundenheit der fünften Stufe entspricht dem Prinzip der Fließarbeit.
Der nach dem Prinzip der Fließarbeit organisierte Industriebetrieb vermittelt die Vorstellung der bis in die letzte Arbeitsstufe durchrationalisierten Fertigungswirtschaft. Es werden, ausgehend von der Kapazität der maschinellen Aggregate, die Leistungen der Betriebsfaktoren derart aufeinander abgestimmt, daß die Leistungsfähigkeit der Arbeitsträger optimal ausgelastet ist und die Produktion in größtmöglicher Geschwindigkeit abläuft. Die in großer Zahl anfallenden gleichartigen Produkte werden in regelmäßigen Zeitabständen fertiggestellt, so daß der Arbeit ein bestimmter Rhythmus mit einem einheitlichen Takt zugrunde liegt. Bei „vollkommener Fließarbeit" 2 ist die Durchlaufzeit der Werkstoffe gleich der Summe der Einwirkungszeiten 3, die Bearbeitung erfolgt auch während des Transports, und Liegezeiten sind ausgeschaltet.
Nachdem geklärt ist, daß das aus der Industrie bekannte Prinzip der Fließarbeit dem höchsten Grad der Organisierbarkeit entspricht und die drei Aspekte Leistungsabgestimmtheit, Gleichtaktrhythmus und Ausschaltung der Liegezeit umschließt, soll geprüft werden, unter welchen Bedingungen es aus der Fertigungswirtschaft auf die Organisation des Betriebsablaufs im Großhandelsbetrieb übertragen werden kann.
„Ständen beim Grossisten die Einzelhändler und bei diesem die Konsumenten Schlange und warteten nur darauf, die einheitliche Ware laufend in Empfang zu nehmen"4, so wäre eine unmittelbare Übertragung von Erkenntnissen aus dem fertigungswirtschaftlidhen Bereidi auf das Betriebsgeschehen im Handelsbetrieb möglich. Da diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist eine sorgfältige Analyse der Besonderheiten des Leistungsvollzuges im Handelsbetrieb erforderlich.
Wenn man von Nebenleistungen, gewissen Veredelungsarbeiten, absieht, findet eine Gewinnung, Umformung oder Umwandlung von Stoffen wie in Fertiglingsbetrieben 5 in der Regel nicht statt. Nach der REFA-Terminologie kommt als Zeit, während der eine Veränderung der Arbeitsobjekte vorgenommen wird, daher nur die Förderzeit in Frage. Der Warentransport vorn Lagereingang zum Stapelplatz und vom Stapelplatz zum Lagerausgang ist ebenso wie die Lagerung am Stapelplatz selbst eine unmittelbare Betriebsauf gäbe des Großhandels. Die unmittelbaren Betriebsaufgaben haben Vorrang vor organisatorischen Grundsätzen. Würde die Durchlaufzeit der Arbeitsobjekte im Grenzfall gleich der Summe der Einwirkungszeiten, so wäre die Erfüllung dieser betrieblichen Teilaufgaben nicht möglich. Aus diesem Grunde ist die Teilforderung des Prinzips der Fließarbeit, die Durchlaufzeit gleich der Einwirkungszeit werden zu lassen, nicht zu verwirklichen.
Die Realisierbarkeit der zweiten Teilforderung des Prinzips der Fließarbeit, der nach der Einführung des Gleichtaktrhythmus, hängt von der Veränderlichkeit der Betriebsaufgabe ab.
Die Aufgabe des Großhandelsbetriebes unterliegt bei wiederholtem Auftreten einem ständigen Wandel nach Ziel, Objekt, Zeit und Rhythmus.
Der Zielwatidel ist vor allem auf Veränderungen der Wirtschaftslage und der Marktverhältnisse, insbesondere der Wettbewerbslage auf dem Absatzmarkt, zurückzuführen.
Der Objektwund tritt am stärksten bei den Handelswaren in Erscheinung. Zur Anpassung an wechselnde Wünsche der Abnehmer besteht eine ständige Tendenz zur Änderung der Zusammensetzung des Warenkreises. Jeder im Großhandelsbetrieb eingehende Auftrag hat einen Ausschnitt aus dem Warenkreis des betreffenden Betriebes zum Gegenstand. Bei der Vielfalt von Artikeln und Sorten, die den Warenkreis bilden, sind die Möglichkeiten der Kombination von verschiedenen Waren in einem Kundenauftrag kaum übersehbar. In einem Auftrag können leichte und schwere, kleine und große, verderbliche und zerbrechliche Güter, wenige und viele Sorten, Artikel und Warengruppen enthalten sein. Auch können in einer Zeiteinheit viele oder wenige Aufträge eingehen.
Die Zeit, die für die Ausführung eines bestimmten Auftrages zur Verfügung steht, ist wegen dieser wechselnden Auftragszusammensetzung, aber auch wegen der unterschiedlichen Zeitbestimmung, mit der die Aufträge erteilt werden, und wegen des veränderlichen Rhythmus des Auftragseinganges völlig ungleich. Speziell wirkt sich der Wechsel von schriftlidiem und telefonischem Auftragseingang und persönlicher Auftragserteilung durch die Kunden mit und ohne Selbstabholung der Waren aus.
Der Gleiditakxrhythmus, bei dem die Kundenaufträge, die nach Absatzziel, Art und Menge der Artikel und Auftragszeit übereinstimmen, in zeitlich gleichen Abständen wiederkehren, kommt kaum vor. Durch die Herstellung von Dauerkontakten zu den Abnehmern sind unter Umständen Vereinbarungen über Auftragseingangszeiten und Auslieferungstermine und über den Warenkreis erzielbar. Ein regelmäßigerer Auftragseingang kann eventuell auch dadurch erreicht werden, daß der Großhandelsbetrieb die Initiative für den Eingang einzelner Kundenaufträge übernimmt 6. Die Möglichkeiten hierzu sind durch den Absatzmarkt meist auf einen geringen Teil der insgesamt eingehenden Aufträge begrenzt.
Sind die beiden Teilforderungen der Fließarbeit, Ausschaltung der Liegezeiten und Gleichtaktryhthrnus, nicht zu verwirklichen, bleibt die Möglichkeit des dritten Aspektes, der Leistungsabgestimmtheit, zu untersuchen. Bei der Leistungsabstimmung geht man von den Zeiten aus, die die Arbeitsträger für die Ausführung der einzelnen Arbeitsstufen benötigen. Dabei kann man die Normalleistung 7 der menschlichen Arbeitskräfte zugrunde legen, die mit Hilfe von Leistungsstudien zu ermitteln ist. Die Zeiten der Arbeitsträger sind dann mit der für die Ausführung eines Arbeitsprozesses insgesamt zur Verfügung stehenden Zeit in Einklang zu bringen. Die Möglichkeit der Leistungsabstimmung hängt wie die der Einführung des Gieichtaktrhythmus von der Veränderlichkeit der Betriebsaufgabe ab. Die Leistungsabstimmung kann jedoch noch durchführbar sein, wenn die Rhythniisierung bereits an der zu großen Veränderlichkeit der Betriebsaufgabe scheitert.
Läßt sich der Arbeitsablauf im Großhandelsbetrieb im ganzen nicht taktweise abwickeln und in allen Arbeitsstufen aufeinander abstimmen, so ist zu untersuchen, unter welchen Voraussetzungen anstelle der „vollkommenen Fließarbeit" die „angenäherte Fließarbeit" erreichbar ist. Die Annäherung kann darin bestehen, eine oder zwei der drei Teilforderungen der Fließarbeit in bestimmten Arbeitsstufen, zu bestimmten Zeiten oder für bestimmte Waren zu realisieren.
Um diese Möglichkeit zu untersuchen, ist der Arbeitsablauf im Großhandelsbetrieb gedanklich so weit in elementare Teilabläufe zu gliedern, wie die durch die Zerlegung entstehenden Tätigkeiten noch verschiedenen Arbeitsträgern zugeordnet werden können. Die kleinste Einheit der Organisation des Betriebsablaufs ist daher eine Tätigkeit, die nur von einem Arbeitsträger, also entweder von einem Menschen oder von einer Arbeitsgruppe, ausgeführt werden kann. Die Arbeitsgruppe kann aus mehreren Menschen oder aus Menschen und sachlichen Betriebsmitteln bestehen. Für diese kleinste Einheit hat Nordsieck die Bezeichnung Arbeitsstufe eingeführt 8. Die Arbeitsstufen sind zu entsprechenden Arbeitszyklen mit einheitlichen Rhythmen zusammenzufassen.
Für den Großhandel wird folgendes Modell gewählt: Der Großhandelsbetrieb nimmt bestimmte Güter auf sein Lager, damit er lieferbereit wird.
Die Warenbewegung vom außerbetrieblichen Transportmittel bis zum Stapelplatz ist der Wareneingangsprozeß. Er besteht aus den Arbeltsstufen:
Entladen,
Transport zum Lagereingang,
Wareneingangskontrolle,
Transport zum Stapelplatz,
Stapeln.
Aufgrund der eingegangenen Aufträge werden die gestapelten Waren im Lager zusammengestellt und an die Kunden abgeliefert. Die Warenbewegung vom Stapelplatz bis zum außerbetrieblichen Transportmittel — bei Verwendung von betriebseigenen Auslieferungsfahrzeugen bis zum Abschluß der Warenauslieferung — ist der Warenausgangsprozeß, der aus folgenden Arbeitsstufen besteht:
Festlegung der Versandeinheiten,
Transport zum Anstellplatz,
Auftragszusammenfassung,
Transport zum Lagerausgang,
Warenausgangskontrolle,
Verladen.
Die Warenprozesse werden durch kommerzielle Betriebsvorgänge ausgelöst. Von der Absendung der Bestellung über den Eingang der Lieferantenrechnung bis zur Zahlung des Einkaufsbetrages und vom Empfang des Kundenauftrages über die Rechnungserteilung bis zur Vorbuchung des Verkaufserlöses werden in der kommerziellen Sphäre der Großhandelsunternehmung mit den Warenprozessen unmittelbar zusammenhangende Tätigkeiten ausgeführt.
Die Folge und das zeitliche Ineinandergreifen dieser kommerziellen Arbeitsvorgänge lassen sich mit Hilfe der Belege analysieren, die Träger der Daten des betrieblichen Leistungsvollzuges sind. Zu den Belegen gehören Schriftstücke, Vordrucke, Lochkarten, Lochstreifen, Bandaufnahmen und Magnetspeicher.
Der mit dem Wareneingangsprozeß verbundene Belegdurchlaufprozeß zerfällt in die Arbeitsstufen:
Bestellung,
Eingangsrechnungskoiitrolle,
Verbuchen,
Registratur.
Der mit dem Warenausgangsprozeß verbundene Belegdurchlaufprozeß gliedert sich in:
Auftragsannahme,
Kreditwürdigkeitskontrolle,
Fakturierung,
Ausgangsrechnungskontrolle,
Verbuchen,
Debitorenkontrolle,
Registratur.
Fügt man die Arbeitsstufen des Wareneingangsprozesses und des ihn begleitenden Belegdurchlaufprozesses ineinander, so ergibt sich folgender Arbeitszyklus:
1 Bestellung,
2 Entladen,
3 Transport zum Lagereingang,
4 Wareneingangskontrolle,
5 Transport zum Stapelplatz,
6 Stapeln,
7 Eingangsrechnungskontrolle,
8 Verbuchen,
9 Registratur.
Aus dem Warenausgangsprozeß und dem ihn begleitenden Belegdurchlaufprozeß entsteht der nachfolgende Arbeitszyklus:
10 Auftragsannahme,
11 Kreditwürdigkeitskontrolle,
12 Fakturierung,
13 Ausgangsrechnungskontrolle,
14 Festlegung der Versandeinheiten,
15 Transport zum Stapelplatz,
16 Auftragszusammenfassung,
17 Transport zum Lagerausgang,
18 Warenausgangskontrolle,
19 Verladen,
20 Verbuchen,
21 Debitorenkontrolle,
22 Registratur.
Der Wareneingangsprozeß unterliegt im allgemeinen nicht dem unmittelbaren Zeitdruck, der vom Absatzmarkt her auf den Warenausgangsprozeß ausgeübt wird. Die Stapelzeit wirkt dabei als Puffer zwischen der letzten Arbeitsstufe im Wareneingangsprozeß und der ersten im Warenausgangsprozeß. Wenn Bemühungen im Hinblick auf eine Verkürzung der Transportzeiten gefordert werden, so geht es darum, Kosten zu senken. Leistungsabstimmungen tragen dazu bei, eine optimale Auslastung der Arbeitsträger bei schnellem Arbeitsablauf zu erreichen. Die dabei zu ermittelnde Normalleistung kann auch als Basis für eine leistungsbezogene Entlohnung herangezogen werden.
Die Voraussetzungen für die Einführung der angenäherten Fließarbeit sind im Wareneingangsprozeß verhältnismäßig günstig, da ein Teil der Waren in größeren, meist gleichbleibenden Mengen angeliefert wird.
Vom Zeitpunkt des Eingangs einer Partie einer bestimmten Ware an können dann bis zur Stapelung der letzten Einheit dieser Partie die Arbeitsstufen:
2 Entladen,
3 Transport zum Lagereingang,
4 Wareneingangskontrolle,
5 Transport zum Stapelplatz,
6 Stapeln,
in lüdienloser Folge im Gleichtaktrhythmus aneinander gefügt werden.
Der mechanische Transport der Güter ist weder ein notwendiges noch ein hinreichendes Kriterium der Fließarbeit 9. Bestimmte sachliche Betriebsmittel können aber ihre Einführung in einzelnen Arbeitsstufen erleichtern. Dies trifft für die Förderbänder zu, die zur Gruppe der stetigen Förderer gehören, also der „Fördermittel, die das Fördergut in stetigem Fluß von der Aufgabestelle zur Entladung führen" 10.
Werden Waren in Palettladungen angeliefert und gestapelt, so steht die verschiedenartige äußere Beschaffenheit der einzelnen Artikel ihrer einheitlichen Behandlung bei Transport und Stapelung nicht mehr entgegen. Alle in Palettladungen eingehenden Waren sind dann gleichartige Objekte der Fließarbeit.
Im Warenausgangsprozeß wirkt der vom Absatzmarkt ausgehende Zeitdruck unmittelbar. Die Abnehmer des Großhandels sehen die schnelle Belieferung als eine der charakteristischen Dienstleistungen an, die sie in Verbindung mit dem Einkauf beim Großhandel erwarten. Das Bestreben, die Zeit für den Warenausgangsprozeß so kurz wie möglich werden zu lassen, steht mit dem Aspekt der Fließarbeit, den Strom der Produkte schnell und ununterbrochen durch den Betrieb zu leiten, in Einklang. Arbeitsablaufbedingte Liegezeiten der Waren, die zwischen den Arbeitsstufen des Warenausgangsprozesses auftreten, sind zu minimieren.
Die Schnelligkeit der Ausführung der Arbeitsstufe 15 (Transport zum Anstellplatz) kann unter bestimmten Voraussetzungen erheblich erhöht werden, wenn die Warenzusammenstellung anstatt nach Kundenaufträgen nach Artikeln vorgenommen wird11). Ein kleinerer Teil des Sortiments der Großhandlungen pflegt mehr oder weniger stetig abgesetzt zu werden, während die übrigen Waren in unregelmäßigen Zeitabständen, teilweise nur gelegentlich, in Kundenaufträgen vorkommen. Diese absatzstarken Artikel kommen für die Einführung der angenäherten Fließarbeit in der Arbeitsstufe 15 (Transport zum Anstellplatz) in Frage. In der anschließenden Arbeitsstufe 16 (Auftragszusanimenfassung) ist sie allerdings meist nicht durchführbar, da die Warenumgruppierung auf die Verschiedenartigkeit der einzelnen Aufträge ausgerichtet ist.
Der Anteil der absatzstarken Artikel am Gesamtsortiment läßt sich durch Vereinbarungen mit den Abnehmern erhöhen. Eine günstige Voraussetzung hierzu sind Dauerkontakte zwischen Groß- und Einzelhandlungen, wie sie bei den Zusammenschlußformen bestehen. Derartige Dauerkontakte erleichtern auch die Festlegung von Auslieferungsterminen, von denen dann die Leistungsabstimmung ausgehen kann.
Bei Anwendung von Methoden der Netz werkanaly se, wie der critical path method CPM und der program evaluation and review technique PERT, lassen sich unter Umständen Kostcnüberlegungen unmittelbar mit der zeitlichen Betrachtung verbinden 12.
Es besteht die Gefahr, daß organisatorische Verbesserungen in einem betrieblichen Teilbereich durch Vernachlässigung eines anderen Teilbereichs ganz oder teilweise wieder ausgeglichen werden, Im Belegdurchlaufprozeß der Großhandlungen ist vielfach das Bündelsystem üblich. Man sammelt erst eine größere Zahl von Belegen, ehe man sie bearbeitet und weitergibt.
Die Kombination des Warenausgangsprozesses eines Kundenauftrages mit dem zu ihm gehörenden Belegdurchlaufprozeß erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sich zwischen diesen beiden Arbeitsprozessen leicht organisatorische Läger 13 bilden Durch eine Änderung der Reihenfolge der Arbeitsstufen lassen sich diese Läger häufig beseitigen. Das kommt besonders für die Arbeitsstufe 12 (Fakturierung) in Frage, die vor und nadi, aber auch gleichzeitig mit der Arbeitsstufe 15 (Transport zum Anstellplatz) ausgeführt werden kann. Bei Simultanfakturierung kann ein organisatorisches Lager sowohl bei der Ware als auch bei den Belegen vermieden werden 14.
Der Wunsch der besseren Koordinierung mit den Warenprozessen kann auch ein Grund für die Einführung sachlicher Betriebsmittel im Belegdurchlaufprozeß sein. An der Spitze der augenblicklichen tcchnisdien Entwicklung stehen die elektronischen Datenverarbeitungsanlagen, mit deren Hilfe mehrere Arbeitsstufen in sehr hoher Geschwindigkeit unmittelbar hintereinander — integriert — ausgeführt werden können 15.
Eine enge Verbindung zwischen Warenein- und Warenausgangsprozeß wird durch die Einführung der „fließenden Lagerung" erreicht. Hierbei sind die letzte Arbeitsstufe des Wareneingangsprozesses 6 (Stapeln) und die erste Stufe des Warenausgangsprozesses 15 (Transport zum Anstellplatz) nur zeitlich, durch die Stapelzeit, unterbrochen, arbeitstedtnisch aber durch ein Durchlaufregal, das eine geneigte Bodenfläche aufweist und die Ware mit Hilfe der Schwerkraft weiterleitet, unmittelbar verbunden. Hierdurch kann eine beispielsweise mit Hilfe von Förderbändern gebildete „Fließinsel" 16 aus dem Wareneingangsprozeß in den Warenausgangsprozeß übertragen werden. Sind die genannten Bedingungen für die Einführung der angenäherten Fließarbeit, der fünften Stufe der Organisierbarkeit in Teilbereichen des Leistungsvollzuges nicht gegeben, so ist zu untersuchen, ob der Zcitbedarj für bestimmte Arbeitsstufen festgelegt werden kann, so daß die vierte Stufe der Organisierbarkeit des Arbeitsablaufs erreicht wird. Läßt sich der Zeitbedarf, etwa des Zusammenstellens bestimmter Waren oder der Fakturierung, durch Zeitstudien ermitteln, so kann man beispielsweise in einem Arbeitsablaufplan festlegen, zu welchen Zeitpunkten Belege weitergeleitet und Transportvorgänge abgeschlossen sein sollen. Die Auftragsannahmestelle setzt dann den Beginn der Arbeitsstufen derart an, daß die Waren zu bestimmten Zeiten, entsprechend den Abfahrtszeiten von Zügen oder dem Tourenplan von Lastkraftwagen, ausgeliefert werden.
Wird auch auf die zeitliche Festlegung einzelner Arbeitsstufen verzichtet, so sollte erwogen werden, die Anordnung der sachlichen Betriebsmittel in Richtung des Objektflusses vorzunehmen. Unter Verzicht auf die Rhythmisierung, Leistungsabstinimung, Ausschaltung von Liegezeiten und Zeitvorgabe werden dann wenigstens die dritte Stufe der Organisierbarkeit von Arbeitsabläufen und ein gewisser Fluß der Objekte durch den Betrieb erreicht.
Zusammenfassend läßt sidi feststellen: Die vollkommene Fließarbeit kann es im Großhandel wegen der Eigenart seiner Betriebsauf gäbe nicht geben. Unter bestimmten Voraussetzungen können aber Teilgedanken dieses Prinzips auch im Großhandel verwirklicht werden. Der steigende Wettbewerb gibt Veranlassung, sich stärker mit diesen Mögliehkelten auseinanderzusetzen.
1 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. 8./9. Auflage, Band 1, Produktion: Berlin, Göttingen, Heidelberg 1963., 2 Arbeitsgestaltung. Mit einer Einführung in das Arbeitsstudium. 9., völlig neubearbeitete Auflage, München 1960(REFA-Buch, Band 1),, 3 Mäckbach, Frank: Was ist Fließarbeit? — In: Fließarbeit. Herausgeber im Auftrage des Ausschuß für WirtschaftlicheFertigung (AWF): Frank Mäckbach und Otto Kienzie, Berlin 1926., 4 Seyffert, Rudolf: Die Problematik der Distribution, Köln, Opladen 1952 (Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaftfür Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 16)., 5 Buddeberg, Hans: Betriebslehre des Binnenhandels. Wiesbaden 1959 (Wirtschaftswissenschaften, Reihe A, Beitrag 18)., 6 Vgl. dazu den im Titel erwähnten Band 28 der Schriften zur Handelsforschung, Köln und Opladen 1964, Absdinitt C IV 5 a., 7 Zeitvorgabe, 8., unveränderte Auflage, München 1958 (REFA-Buch, Band 2)., 8 Nordsieck, Fritz, Rationalisierung der Betriebsorganisation, 2, überarbeitete Auflage, Stuttgart 1955., 9 Man kann jedoch feststellen, daß die Fließfertigung ihre „präziseste Ausbildung" durch Verwendung von Fließbändernerfährt. Wöbe, Günter: Einführung in die allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 4., durchgesehene Auflage, Berlin, Frankfurt 1962., 10 Klärung von Grundbegriffen auf dem Gebiet des Transportwesens. In: Rationalisierung, 3 (1952) 12., 11 Zu einem mathematischen Ansatz zu der Frage, nach welchen Bestimmungsgründen unterschiedliche Regelungen zum Transport der Waren vom Stapelplatz zum Anstellplatz im Großhandelslager getroffen werden sollten, vgl. Band 28 der Schriften zur Handclsforsdiung, Abschnitt C IV 5 h., 12 Vgl. Wagner, Gerhard: PERT und CPM. Neue Planungsinstrumente zur Abstimmung komplexer Abläufe und Vorgänge.In: Lochkarte, 27 (1961) 191., 13 Unter organisatorischer Lagerung wird jedes Warten von Objekten auf die Veränderung in Richtung auf die Erfüllung der Betriebsaufgabe verstanden. Es schließt also sowohl das Warten von Waren als auch das von Belegen auf die weitere Bearbeitung ein., 14 Vgl. dazu im einzelnen Band 28 der Schriften zur Handelsforschung, Abschnitte C IV 2 und C IV 5 e., 15 Zum Einsatz elektronischer Redienaggregate im Handel vgl. beispielsweise; Rationalisierung und Automation bei der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften mbH., Hamburg. In: Lochkarte, 27 (1964), 194., 16 Hennig, Karl Wilhelm: Betriebswirtschaftslehre der industriellen Fertigung. Braunschweig 1948.
