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Die Rationalität als Kriterium des Verhaltens

von Dr. Wolfgang Händel
I. Einleitung
A. Problemstellung

In der "Wirtschaftstheorie werden die Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte häufig nach ihrer Rationalität beurteilt. Man spricht etwa von rationalen Unternehmertypen oder behauptet, das empirisch festzustellende Konsumentenverhalten sei irrational. Solche Urteile bilden häufig feststehende Ausgangspunkte von Problemanalysen, die sich mit dem tatsächlich festzustellenden Verhalten von Unternehmern und Konsumenten beschäftigen. Bisweilen nehmen sie dabei geradezu den Charakter ökonomischer Lehrsätze an. Der Begriff der Rationalität selbst wird leider häufig kritiklos verwendet und nur
selten einer kritischen Analyse unterzogen. Schon bei der grundlegenden Frage, was Rationalverhalten eigentlich sei, gehen die Meinungen auseinander.
B. Definition des Rationalverhaltens
Gewöhnlich gilt als rational das Verhaken eines Menschen, der, um ein Ziel zu erreichen, unter den möglichen Mitteln in bewußtem Abwägen das geeignetste auswählt1. Daraus lassen sich vier Postulate für das menschliche Handeln ableiten:
1. Eine Zielvorstellung muß bestehen oder ein Zweck angestrebt werden,
2. bewußtes, überlegtes,, besonnenes Handeln wird erwartet,
3. die Konsequenzen des Verhaltens sollen genau abgewogen werden,
4. ein Wertungssystem wird erwartet, nach dem die Handlungsalternativen beurteilt werden — etwa in der Form des Konsumstils, wie Kromphardt es nennt2.
II. Die Typen des Verhaltens
Eine Handlungsweise, die diesen Bedingungen völlig entspricht, führt im allgemeinen zu echten Entscheidungen. Sozusagen den extremen Gegenpol zu den echten Entscheidungen bildet das Impuls- oder Affektverhalten, das als rein zufällig bestimmt und ökonomisch nicht näher erklärbar erscheint. Im Gegensatz zur echten Entscheidung werden die typischen ökonomischen Variablen, Preis und Einkommen, beim impulsiven Kauf nicht überlegt berücksichtigt. Als dritter grundlegender Verhaltenstyp kann schließlich das sozial abhängige Verhalten gelten, bei dem die Entscheidungen an den Handlungen der Mitmenschen und ihren Wertschätzungen ausgerichtet werden.
Diesen drei Typen wird im allgemeinen ein vierter Typ, nämlich das Gewohnheitsverhalten, an die Seite gestellt3. Gewohnheitsverhalten impliziert jedoch dynamische, wenn auch vorwiegend stationäre Bezugselemente und hegt daher auf einer anderen theoretischen Ebene. Die drei grundlegenden Verhaltenstypen werden jedoch gerade als Ursache des Gewohnheitsverhaltens wirksam, das demnach durch echte Entscheidungen ausgelöst, impulsentstanden und von der Umgebung sozial übernommen sein kann4. Katona5 betont, daß gerade die echten Entscheidungen häufig zu lang andauernden Folgehandlungen führen, die ohne merkliche Überlegung immer wieder in gleicher Weise vorgenommen werden. Dagegen ist beim zweiten Verhaltenstyp wohl am ehesten zu erwarten, daß die Gewohnheiten häufig und sprunghaft geändert
werden. Das ist nicht selten darauf zurückzuführen, daß Impulskäufe zugleich Informationskäufe sind. Ebenso wie das inipuisentstandene kann auch das sozial übernommene Gewohnheitsverhalten von recht unterschiedlicher Dauer sein. Genauso plötzlich wie es von Verwandten oder Freunden übernommen wurde, kann es durch andere Gewohnheiten abgelöst werden.
Oft sind für das Gewohnheitsverhalten sogenannte Daumenregeln bedeutsam. Sie sind als häufig vorkommende Entscheidungsmodelle vereinfachter Rationalität im Konsum- und natürlich auch im Unternehmensbereich zu betrachten6. Letztlich liegen solche Daumenregeln in der Erfahrung der Wirtschaftssubjekte begründet. In der undurchschaubaren und interdependenten Wirklichkeit: gehört die Erfahrung zu den bedeutendsten Elementen individueller Entscheidungsprozesse7. Mit ihr werden die Ergebnisse vergangener Entscheidungsprozesse auf die Zukunft übertragen, So ist die Erfahrung beispielsweise die wichtigste Grundlage bei der Bildung subjektiver Wahrscheinlichkeitskoeffizienten, mit denen die Theorien der Unsicherheit zu eindeutigen Entscheidungsregeln zu gelangen versuchen. Wie wichtig die Erfahrung auch im praktischen Leben ist, kann man ermessen, wenn man zum allerersten Mal an einen neuen und völlig fremdartigen Ort kommt und dort zunächst einmal bei Leuten sein Lehrgeld abliefern muß, die vorzugsweise den Unerfahrenen buchstäblich Erfahrung verkaufen.
Die Grundtypen des empirisch zu beobachtenden Verhaltens sind damit eingehend dargelegt. Dabei wurde bewußt vermieden, die eine oder andere Verhaltensweise ausdrücklich als mehr oder weniger rational oder irrational zu kennzeichnen, obwohl viele Autoren gerade auf diese Weise umschreiben, was sie unter Rationalität verstehen und für wie rational sie ein Verhalten beurteilen. Bevor diese Fragen aufgeworfen werden, soll jedoch zunächst der theoretische Ursprung des Begriffes der Rationalität und seine Bedeutung in der Wirtschaftstheorie geklärt werden.
III. Das neoklassische Kriterium des Rationalverhaltens
A. Die historische Entwicklung

Im neoklassischen Gleichgewichtssystem dient das Rationalitätsaxiom dazu, das systemgerechte Verhalten der Unternehmer wie der Konsumenten zu kennzeichnen. Das Ziel der Konsumenten besteht darin, eine maximale Bedürfnisbefriedigung und damit einen maximalen Güternutzen zu erreichen, während die Unternehmer einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen.
Die Rationalitätsannahme liegt jedoch bereits dem klassischen Wirtschaftsmodell zugrunde. Im sogenannten homo oeconomlcus ist die ausschließlich wirtschaftliche Dimension des sozialen Wesens Mensch verkörpert. Im Grunde ist der homo oeconomicus aber nur das dem gesamtwirtschaftlichen Ablauf des klassischen Wirtschaftsmodells entsprediende Wirtschaftssubjekt, das mit dem universellen Motiv des Eigennutzens gerechtfertigt wurde. Als „Konsument" war er für die Klassiker zumindest solange uninteressant, wie der ökonomische Wertbegriff als rein substantielle Eigenschaft der Güter interpretiert wurde. Das Problem des subjektbezogenen Gebraudisnutzens ist bei Smith8 zwar angedeutet, konnte jedoch nicht in den allgemeinen Erklärungszusammenhang einbezogen werden. Erst in der Neoklassik wurde das Rationalitätsaxiom mit einer individuellen Zielgröße verseilen. Neben dem klassischen Nachfrage-Angebotsmengen- Mechanismus, der allein den Preis bestimmte, berücksichtigte die Neoklassik auch die umgekehrte Relation, die Bestimmung der Nachfrage durch den Preis.
Dem entspricht bereits Cournot's „Gesetz der Nachfrage", das, wie Kade betont9, somit am Anfang der neoklassischen Modelle des Verbraucherverhaltens steht, auch wenn Cournot selbst auf eine Fundierung des Nachfragegesetzes durch eine besondere Nachfragetheorie verzichtete und die Entstehung einer solchen Theorie sogar als Reaktion auf den „Physikalismus Cournot's" (Jevons)10 zu verstellen ist. Die Gossen'schen Gesetze bilden dazu den Ausgangspunkt. Während bei Walras, Menger und jevons das Ziel des rationalen Nachfrageverhaltens auf die Maximierung des absoluten Nutzens gerichtet ist, weist Pareto nach, daß eine Ordnung der Nutzenwerte ausreicht, um ein Nutzenmaximum zu erreichen. Dieser Gedanke findet schließlich in den Werken von Hieks und Samuelson die ökonomisch fruchtbarste und zugleich eleganteste Ausformung.
Bei Samuelson wird die Analyse rationaler Entscheidungen auf nur drei axiomatische Eigenschaften des Handelns zurückgeführt:
1. Das Vorziehen einer größeren Menge des gleichen Gutes gegenüber einer kleineren,
2. Transitivität (wenn A B und B C vorgezogen wird, muß auch A C vorgezogen werden) und
3. Konsistenz (unter gleichen Umständen wird immer gleich gewählt).
Rein logisch reichen Transitivität und Konsistenz des Handelns, wie Little feststellte, aus, das Rationalverhalten präzise zu definieren11.
B. Die Prämissen des neoklassischen Modells
Um den Begriff der Rationalität weiter analysieren zu können, sind die Bedingungen und Prämissen zu untersuchen, die dem neoklassischen Rationalitätsaxiom zugrunde liegen: Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist erstens, daß alle Wirtschaftseinheiten über die Handlungsalternativen und die entsprechend zugeordneten Entscheidungsresultate vollkommen informiert sind. Ferner ist zweitens die Analyse rein statisch. Diese Bedingung steht in engem Zusammenhang mit der Konsistenz- und der Transitivitätsannahme. Drittens beschränkt sich der Kreis der relevanten Daten ausdrücklich nur auf Preise und Einkommen. Viertens ist abhängige Entscheidungsvariable ausschließlich die Gütermenge, wobei die ältere Theorie
noch unterstellte, daß sie infenitesimal variierbar und damit in einer stetigen Funktion darstellbar sei.
C. Die Bedeutung des neoklassischen Rationalitätskriteriums für das wirkliche Unternehmer- und Konsumentenverhalten
Beurteilt man das empirische Verhalten mit den Bedingungen dieses Rationalitätsaxioms, so ist tatsächlich festzustellen, daß das wirkliche Verhalten der Konsumenten und Unternehmer dieser Rationalität auf alle Fälle nicht entspricht. Können wir jedoch überhaupt diese Grundbedingungen der reinen Theorie als Maßstab an die empirisch beobachteten Verhaltensweisen anlegen?
Um darauf eine Antwort zu finden, muß man sich vergegenwärtigen, daß als primäres Erkenntnisziel den Neoklassikern und dabei vor allem den Grenznutzentheoretikern fast durchweg die Erklärung des allgemeinen Gleichgewichtsproblems vor Augen stand12. Die individuelle ökonomische Entscheidungshypothese hat dabei nur instrumentale Bedeutung. Bei näherer Prüfung ist sie auch nicht mehr als eine Entscheidungslogik, die das Nachfrageverhalten nicht analysiert, sondern systerngerecht definiert. Identifiziert man nämlich rationales Verhalten mit Maximierungsverhalten bei vollkommener Information, so kommt das einer Leerformel gleich, weil damit in jedem Fall ein eindeutiger Extremwert gekennzeichnet werden kann13. Empirisch ist dieses Kriterium nicht zu überprüfen, da die Voraussetzung genereller Falsifizierbarkeit nach dem Popper-Kriterium nicht erfüllt werden kann. Darüber hinaus ist eine Welt mit absoluter Voraussicht undenkbar und führt, wie Krelle feststellt, möglicherweise
selbst zu logischen Widersprüchen14. Würde man also das Rationalverhalten des neoklassischen Modells verabsolutieren und es wie manche Autoren geradezu zur ethischen Pflicht erheben, so wäre damit der empirischen Theorie nicht nur ein klares Werturteil vorangestellt15, sondern man würde auch gegen wissenschaftslogische Grundsätze verstoßen.
IV. Die Ausweitung des Rationalitätskriteriums auf die Bedingungen der Wirklichkeit
A. Die Bedingungen einer „empirischen" Rationalität

Mit dem Rationalitätsaxiom der reinen Theorie kann das empirische Verhalten nicht beurteilt werden. Es kommt offenbar darauf an, ein Rationalitätskriterium mit empirischem Gehalt zu finden, das nicht auf die strengen Prämissen des neoklassischen Modells beschränkt ist. Es wäre daher zu prüfen, ob die empirisch orientierte Literatur solche Kriterien aufweisen kann.
Die neoklassische Figur des rationalen Konsumenten führte frühzeitig zu theoretischen Einschränkungen. Daraus entwickelte sich in zunehmendem Maße eine eigenständige Konsumtheorie, die unabhängig von der Preistheorie Nachfrage und Konsum um ihrer selbst willen untersuchte16. In den Beiträgen der vorwiegend empirisch orientierten Konsumtheorie, etwa bei R. T. Norris17, ist das Rationalitätskriterium zu finden. Rein formal scheint dabei kein Unterschied gegenüber dem neoklassischen Kriterium zu bestehen, wesentlich weiter und wirklichkeitsnäher werden dagegen die Entscheidungsvariablen gefaßt. Preise und Einkommen sind, wie Kromphardt feststellt18, die beiden einzigen Variablen, denen die reine Wirtschaftstheorie das Prädikat „ökonomisch" zuerkennen mag. Sie beschränkt sich darüber hinaus auf einen rein quantitativen und instrumentalen Güternutzen. Dagegen berücksichtigt die Konsumtheorie in zunehmendem Maße auch solche Nutzenkategorien, die umfassend in der Heterogenität auch technisch gleicher Güter zum Ausdruck kommen, und geht auf Probleme ein, die mit
der Informationsgewinnung in der interdependenten und wenig transparenten Welt verbunden sind.
B. Die Erweiterung der Entscheidungsvariablen
In der Theorie der unvollkommenen Märkte wird die Heterogenität der Güter damit begründet, daß neben sachlichen auch räumliche, zeitliche und persönliche Präferenzen bestehen. Aus diesen Grundkategorien der Markttheorie läßt sich offenbar für die individuelle Nutzenmaximierung ableiten, daß neben dem technischen Grundnutzen der Güter auch die Nutzenentsprechung in den Kategorien des Raumes, der Zeit und der persönlichen, vor allem sozial bedingten Vorstellungen bedeutsam ist, und zwar in unterschiedlicher Weise für die einzelnen Wirtschaftsjubjekte19. Dafür lassen sich Parallelen auch in der Konsumtheorie finden.
Auf die sozial bedingten Kategorien des Nutzens hat Veblen20 schon im Jahre 1899 hingewiesen. Prestige und sozialer Status, den die Güter vermitteln, führen zum auffälligen Konsum (conspicuous consumption). Daraus leitet Veblen nicht nur die hohe Wertschätzung handgearbeiteter Waren ab, die oft technisch weniger reif als maschinell gefertigte sind, er verbindet damit auch die Erscheinung der Mode als sozial gebotene demonstrative Verschwendung im Konsum. Vor allem betont er aber
den Prestigewert hoher Preise.
Das veranlaßt Leibenstein21, den Anstieg des Nutzens eines Gutes mit steigendem Preis als Veblen-Effekt zu bezeichnen. Als weitere soziologische Einflüsse auf das Nachfrageverhalten beschreibt Leibenstein Mitläufer- und Snob-Effekte, die eine Funktion des Konsums anderer Wirtschaftssubjekte sind.
Besonders interessant ist, daß Leibenstein ausdrücklich diese Effekte nicht in den Bereich des irrationalen Verlialtens verweist und damit den „sozialen Nutzen" in die zu maximierende Zielfunktion der Konsumenten einbezieht. Sogar die Spekulation, d. h. die Vorratshaltung wegen erwarteter Preiserhöhungen, behandelt er in der gleichen Weise. Lediglich „Käufe, die weder geplant noch berechnet sind, sondern auf plötzliche Wünsche, Einfälle usw. zurückgehen" bezeichnet Leibenstein als irrational,
Bezüglich des Inhalts des Rationalitätsbegriffes steht Leibenstein damit im Gegensatz zu vielen anderen Autoren. So betonen beispielsweise E. und M. Streissier22, daß „die Ausrichtung der eigenen Konsuntakte an dem, was Außenstehende von einem denken könnten", nicht rationalsei. Es zeigt sich bereits, daß das Rationalverhalten nicht mehr eindeutig definiert werden kann, wenn wirklichkeitsnahe Elemente in unterschiedlichem Ausmaß berücksichtigt werden.
Vor allem R. T. Norris hat versucht, die Rationaltheorie allgemein auch für inhomogene Güter anwendbar zu machen23. Sie stellt fest, daß der Kreis der Gegenstände, über die sich die Menschen sorgfältig und überlegt entscheiden, wesentlich enger ist als man vielfach annimmt. Norris versucht, drei sogenannte „empirische Gesetze des Konsumverhaltens in unserer Gesellschaft" abzuleiten:
1. Je größer die Geldausgabe, desto sorgfältiger wird sie bedacht und desto rationaler ist die Käuferentscheidung.
2. Der häufig wiederholte Kauf eines Gutes wird mit mehr Bedacht und Sorgfalt getätigt als seltene und einmalige Einkäufe.
3. Je ärmer der Käufer, desto mehr Sorgfalt wird er auf seine Ausgaben verwenden24.
Von diesen drei Annahmen ausgehend, gelangt Norris zu der Vermutung, daß es für jedermann eine bestimmte Schwelle geben müsse, an der sorgfältiges Geldausgeben beginnt. Das Rationalverhalten verbindet sich bei Norris vor allem mit dem planvollen und rechenhaften Verhalten der Konsumenten. Von der Psychologie ausgehend weist Katona25 allerdings darauf hin, daß geplantes und ungeplantes Handeln im Hinblick auf die Rationalität nicht exakt zu trennen sei. Er betont, daß neben den echten Entscheidungen auch habituelles Verhalten, das auf assoziativem Lernen und der Bildung von Gewohnheit beruhe, nicht unbedingt planlos sein müsse. Darüber hinaus kann man gegen Norris einwenden, daß das rationale Abwägen selbst den Kriterien der Rationalität unterliegt. Norris stellt nämlich fest, daß rationales Abwägen ein beschwerlicher und kostspieliger Prozeß sei26. Ist es nicht gerade dann „rational", diesen Prozeß bei einmaligen oder geringwertigen Anschaffungen zu vermeiden?
Offenbar verliert das Rationalitätskriterium an Genauigkeit, wenn wirklichkeitsnahe Annahmen in zunehmendem Maße berücksichtigt werden.
C. Die Aufhebung der Prämisse vollständiger Information
Es wurde bereits deutlich, daß der Kreis der relevanten Entscheidungsvariablen eigentlich nicht genau abzugrenzen ist, wenn man mit dem Schritt zur Wirklichkeitsnähe einmal beginnt. Das wird besonders deutlich, wenn die wirklichkeitsfremde Annahme vollkommen informierter Wirtschaftseinheiten aufgehoben wird. Der Grund dafür, daß das Informationsproblem bis in die jüngste Vergangenheit unberücksichtigt blieb, liegt vornehmlich im statischen Denkansatz der neoklassischen Theorie begründet27. Möglicherweise kann man den Unternehmern oder den Konsumenten zutrauen, daß sie die Schätzungen über
Art und Menge der zu verplanenden Mittel, also über ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse, mit sehr hohen Wahrscheinlichkeitskoeffizienten versehen können. Hinsichtlich der Wirksamkeit dieses Mitteleinsatzes oder über die relevanten Daten und Reaktionen der Umwelt wird sich aber nie vollständige Information erreichen lassen. Fast alle Fälle der Unsicherheit sind dadurch gekennzeichnet, daß das Verhalten durch die Zielsetzung nicht mehr eindeutig determiniert ist. Genau läßt sich nämlich die Frage nie beantworten, um wieviel „besser" man sich nach einer zusätzlichen Informationssuche wird entscheiden können. Ebenso wie man die einzelnen Zielvariablen mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten versehen kann, unterliegt auch der Erfolg der Informationssuche der subjektiven Beurteilung durch die einzelnen Wirtschaftssubjekte. Die Annahme der Wirtschaftstheorie, „daß wir wissen, was wir wissen werden" hat Popper eingehend kritisiert28. Hebt man diese Annahme auf, so kommt man schließlich zu einem Netz der „Wahrscheinlichkeiten von Wahrscheinlichkeiten"29, das es weder erlaubt, ein Ziel ganz genau, d. h. operational zu bestimmen, noch das erreichte Ergebnis mit den denkbaren Alternativen
exakt zu vergleichen.
An diesem Problem gehen auch die sogenannten rationalen Kriterien der Spieltheorie vorbei, etwa die bekannte Minimax-Regel30 oder die Optimismus-Pessimismus- Regel 31. Dabei kommen alle diese Kriterien selbst nicht ohne Informationshypothesen aus, welche der Wirklichkeit teilweise widersprechen. Darüber hinaus sind die Wahrscheinlichkeiten, auf denen die spieltheoretischen Lösungen aufgebaut sind, rein subjektiv. Das entspricht natürlich den meisten wirklichen Unsicherheitssituationen. Nur in seltenen Fällen können solche Wahrscheinlichkeiten objektiviert, d, h, bewertet und möglicherweise als Risiken versichert werden. Die Rationalitätskriterien bei Unsicherheit bestimmen daher nur eine subjektive Rationalität. Sie besagt, daß die Menschen in Unsicherheitssituationen folgerichtig handeln sollen, also so, wie es ihren subjektiven Erwartungen und ihrer subjektiven Risikobereitschaft entspricht. Damit könnte aber schließlieh jedes erreichte Ergebnis nachträglich mit einer entsprechenden subjektiven Erwartungsstruktur und Risikobereitschaft begründet werden. Das Rationalitätskriterium würde so zu einer Alibiformel für den Handelnden, die objektiv nicht mehr kontrolliert werden kann.
Es ist somit verständlich, wenn Shubik pointiert betont32: „Wir können nicht wissen, was wir in Situationen mit unvollständiger Information unter rationalem oder wirtschaftlichem Handeln verstehen sollen." Alle Deutungsversuche sind Definitionen, Leerformeln, weil ein echtes objektives Urteil Allwissenheit voraussetzen würde33. Wenn ein Konsument etwa die Bequemlichkeit höher einschätzt als die Erwartung, durch einen zusätzlichen Gang etwas günstiger einkaufen zu können, so
kann dieses Verhalten objektiv nicht beurteilt werden. Das gleiche Problem stellt sich auch für die Markterkundung oder die Grundlagenforschung der Unternehmungen. Ganz gleich, ob ein solches Forschungsobjekt erfolgreich ist oder nicht, weder im voraus noch hinterher läßt sich eindeutig sagen, ob die Investition in ein solches Objekt rational sei oder nicht. In den meisten Fällen der Unsicherheit kann weder im voraus das Ziel genau bestimmt noch hinterher das Ergebnis mit den denkbaren Alternativen exakt verglichen werden.
V. Die Bedeutung des Kriteriums der Rationalität in der reinen und in der empirischen Theorie
Es erscheint hier gar nicht mehr nötig, auf weitere, wirklichkeitsnähere Annahmen, etwa die Berücksichtigung dynamischer Aspekte oder der Haushalte als soziale Entscheidungseinheiten, einzugehen, um die bisherigen Feststellungen noch stärker zu unterstreichen. Die Beispiele haben wohl hinreichend gezeigt, daß sich die verschiedenen Begriffsbestimmungen des Rationalverhaltens vor allem durch den Grad an Wirklichkeitsnahe unterscheiden, den die Autoren als noch rational oder schon irrational bezeichnen, definieren.
Das Dilemma des formalen, der reinen Theorie entlehnten Rationalitätskriteriums liegt darin, daß es, um wirklichkeitsnäher zu werden, immer mehr erweitert werden muß und immer subjektivere Züge annimmt34. Schließlich handelt, wie Krelle betont, an der letzten empirisch „verzerrten Präferenzstruktur" gemessen „jeder vernünftige Mensch immer nach seinen Präferenzen, weil ihm im Augenblick des Handelns seine Handlungsweise rational erscheint"35. Und Scherhorn folgert: „, . . (an dem Punkt, wo) alles motivierte Verhalten rational ist . . . sollte man das Wort rational fallenlassen und empirische Theorie betreiben."36
Dieses Ergebnis hat in der Diskussion der 30er Jahre eine interessante Parallele. V. Mises37 vertrat bereits damals die Ansicht, es wäre unzutreffend, von irrationalem Verhalten zu sprechen, richtiger wäre es, sich die Erkenntnis zu eigen zu machen, jedes Wirtschaftssubjekt verfolge andere Ziele und könne andere Mittel einsetzen. Handeln sei ex definitione immer rational. Mackenroth38 stellt dazu fest, daß dann die Voraussetzung der Wirtschaftstheorie, der Verbraucher strebe nach Nutzenmaximierung und handele danach, einer Tautologie gleichkomme. Die daraufhin bei Preiser und bereits in der englischen Tradition angedeutete Variante, unrationales Verhalten liege dann vor, wenn der Verbraucher seine Entscheidungen nachträglich betreut39, ist, wie Shackle betont40, deshalb problematisch, weil sie einen intertemporären Vergleich psychischer Zustände bedingt.
Das Kriterium der Rationalität ist somit in der reinen Theorie eine empirisch nicht überprüfbare Definition, die für das empirisch feststellbare Verhalten keine Bedeutung hat. Wird jedoch das empirische Verhalten mit Hilfe eines Rationalitätskriteriums beurteilt, so muß dieses Kriterium mit irgendeinem standardisierten, in jedem Fall normativen Inhalt gefüllt werden. In einer Entscheidungstheorie wird man auf solche Normen nicht ganz verzichten können, weil dem Konsumenten oder Unternehmer als Aktor immer eine gewisse Norm vorgegeben werden muß. In einer erfahrungswissenschaftlichen Theorie, welche die Wirklichkeit und das Verhalten der Wirtschaftssubjekte allgemein erklären und möglicherweise vorhersagen will, benötigt man das Kriterium nicht. Auch ohne irgendwelche Normen zu setzen, können Gesetzmäßigkeiten festgestellt werden, wenn man die vielseitigen Ziele und Motivationen der Verbraucher und Unternehmer untersucht41.
1 Gerhard Scherhorn, Empirische Theorie der Nachfrage, Habilitationsschrift Köln 1966, unveröffentl. Typoskript, S. 15, Erich und Monika Streissler, Konsum und Nadifrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S. 17., 2 Wilhelm Kromphardt, Sinn und Inhalt der Präferenzhypothese in der Wirtschaftstheorie, in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Band 169 (1957), S. 161 ff., 3 Erich und Monika Streissler, Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S. 14 f., 4 Erich und Monika Streissler, a.a.O. S. 15., 5 George Katona, Psychological Analysis of Consumer Bchavior, New York 1951, S. 68., 6 Vgl. William J, Baumol, Business behavior, value and growth, New York 1959, S. 28., 7 Vgl. Fritz Machlup, Wettbewerb im Verkauf, Göttingen 1966, S. 273., 8 Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, ed. by E. Cannan, New York 1937, S. 28., 9 Gerhard Kadc, Die Grundanaahinen der Preistheorie, Berlin und Frankfurt 1962, S. 119., 10 Stanley W. Jevons, Die Theorie der politisdien Ökonomie, übertragen von O. Weinsberger, Sammlung sozw, Meister, hsg, von H. Waentig, Band 23, Jena 1923, S. XIV,, 11 Erich und Monika Streissler, Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S, 24 und die dort zitierte Literatur., 12 Gerhard Kade, Die Grundannahmen der Preistheorie, Berlin und Frankfurt 1962, S. 156., 13 Gerhard Kade, Die Grundannahmen der Preistheoric, Berlin und Frankfurt 1962, S. 161., 14 Wilhelm Krelle, Unsicherheit und Risiko in der Preisbildung, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Band 113 (1957), S. 632., 15 Vgl. Erich und Monika Streissler, Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S. 102., 16 Vgl. Erich und Monika Streissler, Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S. 40., 17 Ruby Turner Norris, The Theory of Gonsumeris Demand, 2nd ed., New Haven 1952, S. 67., 18 Wilhelm Kromphardt, Sinn und Inhalt der Präferenzhypothese in der Wirtschaftstheorie, in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Band 169 (1957), S, 163., 19 Vgl. Edward Chamberiin, Product Hetcrogeneity and Public Poliey, in; American Economic Review, Vol. XL (1950), S. 81 ff., der in dieser Weise interpretiert werden kann., 20 Thorstein Veblen, The Theory of Leisure Class, New York 1899., 21 Harvey Leibenstein, Bandwagon, Snob and Veblen effects in the theory of consumer's Jemand, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 44 (1950), S. 183 ff., deutsche Übersetzung: Mitläufer-, Snob- und Veblen-Effekte in der Theorie der Konsumentennachfrage, in: Erich und Monika Streissler, Hrsg., Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, S 231 ff., 22 Erich und Monika Streissier, Konsum und Nachfrage, Köln und Berlin 1966, Einleitung S. 17 f., 23 Ruby Turner Norris, The Theory of Consumer's Demand, 2nd ed., New Haven 1952, S. 67., 24 George Katona, Psychological Analysis of Consumer Behavior, New York 1951, S. 67 ff., 25 George Katona, Psychological Analysis of Consumer Behavior, New York 1951, S. 67 ff., 26 Ruby Turner Norris, The Theory of Consumer's Demand, 2nd ed., New Haven 1952, S. 67., 27 Gerhard Kade, Die Grundannahmen der Preistheorie, Berlin und Frankfurt 1962, S. 157 ff., Vgl. auch Oskar Morgenstern, Vollkommene Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht, in: Zeitschrift für Nationalökonomie, Band 6 (1935), S. 337, Wilhelm Krelle, Unsidierheit und Risiko in der Preisbildung, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Band 113 (1957), S. 644., 28 Karl R. Popper, The Poverty of Historicism, London 1957, S. IX f., 29 Waldemar Wittmann, Bemerkungen zu G. Kade „Unternehmerentscheidung bei vollkommener und unvollkommener Information", in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Band 174 (1962), S. 63., 30 John v. Neumann and Oskar Morgenstern, Theory of Games and Economic Behavior, 3rd ed., Princeton 1953, S. 85 ff., 31 Leonid Hurwicz, Optimality Criteria for Decision Making und Ignorance, in; Cowles Commission Discussjon Paper, Statistics, No. 370 (1951)., 32 Martin Shubik, Stratcgy and Market Structure, Competition, Oligopoly and the Theory of Games, New York, London 1959, S. 151 f., 33 Vgl. z. B, Gerhard Scherhorn, Information und Kauf, Köln und Opladen 1964, S. 29. Scherhorn betont: „Ausreichende Marktübersicht erfüllt denselben Zweck, der im Modell der vollständigen Marktübersicht zugewiesen war: die optimale Kaufentscheidung sicherzustellen" und definiert einige Zeilen später: „Ausreichend nennen wir nunmehr denjenigen Grad an Marktübersidit, bei dem die optimale Kaufentscheidung gefällt wird". Das ist ein eindeutiger Zirkelschluß., 34 Gerhard Scherhorn, Empirische Theory der Nachfrage, Habilitationsschrift Köln 1966, Unveröffentlichtes Typoskript, S. 28., 35 Wilhelm Krelle, Wahlhandlungstheorie und Wirklichkeit, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Band 75 (1955), S. 83., 36 Gerhard Scherhorn, Empirische Theorie der Nachfrage, Habilitationsschrift Köln 1966, Unveröffentlichtes Typoskript, S. 28., 37 Ludwig v, Mises, Grundprobleme der Nationalökonomie, Jena 1933, S. 33 f., 38 Gerhard Mackenroth, Mündliche Aussprache über -die Wertlehre im theoretischen Ausschuß des Vereins für Socialpolitik am 30.9.1932 in Dresden, in: Probleme der Wertlehre, Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 138/11, München, Leipzig 1933, S. 73., 39 Erich Preiser, Das Rationalprinzip in der Wirtschaft und in der Wirtschaftspolitik, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Band 158 (1943), S. 3,, 40 George L. S. Shackle, Time in economics, Amsterdam 1958, S.20., 41 Gary Becker, Irrational behavior and economic theory, in: Journal of Political Economy, Vol. 70 (1962), hat nachgewiesen, daß das „Gesetz der Nachfrage", d. h. von links oben nach rechts unten abfallende Nachfragekurven, in viel stärkerem Umfang auch mit irrationalem Verhalten im Sinne der reinen Theorie begründet werden kann, als man bisher annahm.
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