Ein erfülltes Leben
von Prof. Dr. Edmund SundhoffIm vorigen Monat war es eine traurige Pflicht, an dieser Stelle anzuzeigen, daß der Gründer des Instituts für Handelsforschung
Dr. rer. pol. Dr. h. c. Rudolf Seyffert o. Profeffor der Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln
am 16, Februar 1971 wenige Wochen vor Vollendung seines 78. Lebensjahres verstorben ist.
Mit Seyffert ist ein Gelehrter dahingegangen, bei dem außergewöhnliche fachliche Leistungen innerhalb der von ihm gewählten Disziplin und ein weit über ihre Grenzen hinausführendes Streben sich in glücklicher Weise miteinander vereinigten und gegenseitig befruchteten. So zählt er noch zu der Generation der Forscher, die trotz ihrer auf einigen Gebieten besonders eindringlichen Arbeiten nicht zu bloßen Spezialisten wurden, sondern sich eine humane Universalität zu bewahren wußten, die über den Kreis der Schüler hinaus ausstrahlte bis in die Universität als Korporation, als Institution und als Idee.
Das Erbe, das Seyffert mitgegeben wurde, kommt aus einer Landschaft, mit der sich, was ihre große Bedeutung für die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre angeht, wohl nur seine spätere Wahlheimat vergleichen läßt. Sein Lebensweg begann in Sachsen, dem alten Umschlagplatz nicht nur für materielle Güter, sondern auch für kulturelle Werte und Ideen. Es war kein Zufall, sondern eine der Folgen der dort begonnenen Reformation, daß in Sachsen der Karneralismus sehr bald blühte und zu hohem Ansehen gelangte. Die zu seiner Pflege in diesem Lande errichteten Lehrstühle zählten zu den bedeutendsten ihrer Art; von daher vollzog sich am frühesten die Gestaltwerdung der ökonomischen Wissenschaften in ihrem heutigen Verstände. So besaß die Nachfolgedisziplin der Handlungswissenschaft bereits vor mehr als 250 Jahren mit dem in Dresden wirkenden Marperger einen Gelehrten, der als Mitglied der berühmten Leibnizschen Akademiegründung, der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften, hervortrat. Nur fünf Jahrzehnte später fand sie an der Universität zu Leipzig in Ludovici, der dort auch Rektor war, ihren ersten akademischen Vertreter. Wirtschaftliche Notwendigkeiten und wissenschaftliche Traditionen des alten Industrie- und Bergbaulandes bewirkten, daß kurz vor der Jahrhundertwende in Leipzig die erste Handelshochschule gegründet wurde, die sich in der Folge so bemerkenswert entfaltete. An ihr hörten sowohl Nicklisch wie Schmidt als auch Schmalenbach, die drei bedeutenden Pioniere der modernen Betriebswirtschaftslehre, denen allen Seyffert auf seinem Lebensweg später begegnet ist. Sein Herkunftsland hat, was nicht wunder nehmen kann, der von ihm vorangetriebenen Disziplin zahlreiche weitere erfolgreiche Hochschullehrer geschenkt. Doch hat keiner von ihnen so lange, so in die Breite und in die Tiefe gewirkt wie er.
Der Örtsgeist der den Künsten und Wissenschaften aufgeschlossenen Handels- und Messestadt Leipzig, in der er am 15. März 1893 geboren wurde, hat Seyffert viele Anregungen geboten. Das ist zunächst aus seinem Arbeitsgebiet ersichtlich. An dem damals führenden Platz und auf dem historischen Boden seiner Disziplin mußte der Anreiz groß sein, sich mit der Geschichte der Betriebswirtschaftslehre zu befassen. Fast zwangsläufig ergab sich daraus die eingehende Beschäftigung mit ihrer Theorie, innerhalb derer die Probleme der Abgrenzung und Einordnung sowie der Aufgabe und Methode dieser Einzelwissenschaft notwendigerweise zur Auseinandersetzung mit den philosophischen Grundlagen und damit zum universalwissenschaftlichen Denken führten. Andererseits lag es in der Zeit, als Leipzig noch Marktplatz und Treffpunkt aller Handels- und Industrienationen war, sehr nahe, sich ganz besonders den Fragen des Warenverkehrs zu widmen, von denen aus der Weg nicht weit ist, der zu den gesamtwirtschaftlichen Problemen der Distribution und den einzelwirtschaftlichen der Umsatzprozesse führt. Daß unter diesen für die Wirtschaftspraxis und die Wirtschaftswissenschaft am zukunftsträchtigsten die Werbung sein würde, hat Seyffert ebenso früh gesehen, wie er erkannte, daß die Analyse der Distribution zunächst noch der vertiefenden Entwicklung der Handelsbetriebslehre bedurfte. Zu vermuten ist auch, daß seine Bemühungen, den Fragen nachzugehen, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem arbeitenden Menschen und dem ihn eingliedernden Betrieb ergeben, durch Beobachtungen verstärkt wurden, wie sie sich in einer so gewerbefleißigen und volkreichen Stadt aufdrängen mußten, die noch dazu Teil einer früh industrialisierten Landschaft war.
Doch gingen die Einwirkungen Leipzigs weit über das Fachliche hinaus, wobei als Bindeglied zu anderen Bereichen SeyfFerts eingehende Kenntnis des Verlagswesens und des Buchhandels zu nennen ist. Der Bibliophilie entsprang seine auf vielen Gebieten erstaunliche Belesenheit; auf die Liebe zur Graphik gründete sich die Freude an den verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst. Mit ihrer modernen Entwicklung und ihren Beziehungen zu seinem bevorzugten Arbeitsfeld befaßt sich eine seiner letzten Arbeiten, der seinem Verleger gewidmete mutige Aufsatz über „Werbung und Kunst" (1969). In Leipzig liegt auch der Ursprung seiner reichen, vom Gewandhaus und besonders der Thomaskantorei geprägten Musikalität sowie seiner durch das damals hohe Niveau der städtischen Bühnen entfachten Begeisterung für das Theater. Als Zeichen seines Engagements und vieler persönlicher Kontakte zu den Bühnen kann es gelten, daß Seyffert mehrere theaterökonomische Untersuchungen anregte und auch selber den „Versuch eines Betriebsvergleichs der staatlichen und städtischen Theater" (1959) unternahm. Das Bestreben, Kunst und Wissenschaft trotz ihrer Wesensverschiedenheit nicht nur in einem Nebeneinander zu sehen, sondern sie als Komplemente zu erfassen,, ist charakteristisch für seine zur Integration neigende Art.
Der akademische Entwicklungsgang Seyfferts vollzog sich geradlinig wie selten einer. Sein breit angelegtes Studium begann er in seiner Vaterstadt an der sich sprunghaft entwickelnden Handelshochschule, wo Robert Stern und Richard Lambert lehrten, sowie gleichzeitig an der Universität, die um die Jahrhundertwende in ihrer höchsten Blüte stand. Forscher wie der Nationalökonom Karl Bücher, der Philosoph Wilhelm Wundt, der Physiologe Ewald Hering und der vielseitige Wilhelm Ostwald haben bei Seyffert einen tiefen Eindruck hinterlassen, der bis in seine letzten Schriften erkennbar ist. In Mannheim, wo er seine Studien fortsetzte, hörte er bei Heinrich Nicklisch, der ihn von allen seinen akademischen Lehrern wohl am nachhaltigsten beeinflußt hat, Dort legte er auch 1914 das Diplomkaufmannscxamen ab, bevor der Heeresdienst ihn zur Unterbrechung seines Bildungsganges zwang. Nach seiner Entlassung bezog er die Universtät zu Frankfurt, wo er bei Fritz Schmidt arbeitete und 1919 zum Dr. rer. pol. promoviert wurde.
Die erste Station seiner Laufbahn als Hochschullehrer war Mannheim, wo er unter Heinrich Nicklisch am Betriebswissenschaftlichen Institut, dem ältesten seines Faches, die Stelle eines Direktorialassistenten und Abteilungsleiters bekleidete. Nachdem Julius Hirsch 1919 von Köln als Staatssekretär nach Berlin gegangen war, wurde die auf dem Gebiet der Handelswirtschaftslehre entstandene Vakanz dadurch ausgefüllt, daß Seyffert 1920 einen ministeriellen Lehrauftrag übernahm. Mit dem Übergang nach Köln stieß er auf den dritten maßgeblichen Betriebswirt der älteren Generation, nämlich Eugen Schmalenbach, der auf ihn, den schon auf eigene Leistungen verweisenden, zwar nicht mehr als unangezweifelte Autorität wirken konnte, mit dem ihn aber die Lust an der für beide Seiten fruchtbaren Disputation wahrend der gesamten Zeit ihrer gemeinsamen Tätigkeit verband. Schon im Jahre 1922 habilitierte sich Seyffert in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Nach kurzer Tätigkeit als Privatdozent erhielt er einen ehrenvollen Ruf an die Leipziger Handelshochschule, den er jedoch wegen der in Köln, besseren Wirkungsmöglichkeiten nicht annahm. Daraufhin wurde er bereits am 25. August 1924 im Alter von nur 31 Jahren zum ordentlichen Professor an der Universität zu Köln ernannt und auf den für ihn errichteten neuen Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaft, Handels- und Absatzwirtschaft berufen.
Als Ordinarius hat er vier Jahrzehnte lang in Köln gelehrt und dabei die Freude gehabt, seinen Hörerkreis ständig wachsen zu sehen. Die hohe Wertschätzung, die er sich während dieser Zeit in der gesamten Fachwelt erwarb, fand ihren sichtbaren Ausdruck darin, daß die Wirtschaftshochschule Mannheim, an der er seine akademische Laufbahn begonnen hatte, ihm aus Anlaß der Feier ihres fünfzigjährigen Bestehens im Dezember 1957 wegen seiner „weit ausgreifenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen" und unter Hinweis auf seine „auf dem Gebiete der empirischen Forschung in der Betriebswirtschaftslehre hervorragenden Leistungen" den hohen Grad und die Rechte eines Doctor rerum politicarum honoris causa verlieh.
Für die oft umfangreichen Arbeiten im Gefolge empirischer Forschung hatte Seyffert während seiner Mannheimer Zeit die großen Vorzüge gut ausgestatteter Institute schätzen gelernt. Diese schienen ihm besonders geeignet, auf bisher vernachlässigten Arbeitsgebieten einen raschen Fortschritt zu erzielen. Im Zuge seiner Bemühungen, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg vorzugsweise industriewirtschaftlich orientierte Disziplin stärker auf die Probleme der Distribution hinzulenken, übergab er 1924 der Kölner Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät eine Denkschrift über „Die Errichtung eines Forschungsinstitutes für Kleinhandelsbetriebslehre an der Universität zu Köln". Nach etlichen Widerständen erreichte er, daß dieser Plan durch die Opferwilligkeit der Kaufmannschaft in die Tat umgesetzt wurde. Am 14. Juni 1928 fand im Hansasaal des Kölner Rathauses die Gründungsversammlung der Förderungsgesellschaft statt, und schon am 19. Januar 1929 wurde das Institut Seyffert als dem ersten Institutsdirektor übergeben. Mit dem Gründungsvorgang sind viele bedeutende Namen verknüpft. Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrates, hielt die Eröffnungsansprache, in der er Notwendigkeit, Nutzen und Aufgaben des Instituts in fast zeitlos richtiger Weise
umriß.
Als „Betriebswirtschaftliches Institut für Einzelhandelsforschung (Einzelhandelsinstitut}", wie seine volle Bezeichnung zuerst lautete, hatte die neue Forschungseinrichtung satzungsgemäß die Aufgabe, die Probleme des Einzelhandels wissenschaftlich zu untersuchen und die so gewonnenen Erkenntnisse durch geeignete unterrichtliche und literarische Veranstaltungen auszuwerten. Weil „Einzelhandel" damals oft sehr eng verstanden wurde, nämlich institutional als Handel nur der Einzelhandlungen, wohingegen der funktionale Handelsbegriff gemeint war, der auch die Konsumtionsversorgung auf anderen Wegen in sich einschließt, beantragte Seyffert die Umbenennung in „Betriebswirtschaftliches Forschungsinstitut für Konsumtionsversorgung (Einzelhandelsinstitut)", für die 1931 die ministerielle Genehmigung erteilt wurde. Da sich jedoch in der Folge der weitere Begriff des Einzelhandels
immer stärker durchsetzte, außerdem fast durchweg von allen Seiten nur die seit der Gründung geläufige Kurzbezeichnung verwendet wurde, konnte der offizielle Name des Instituts auf sie reduziert werden. Als „Einzelhandelsinstitut" bestand es von 1936 bis 1944. In diesem Jahr erhielt es durch ministeriellen Erlaß die noch geltende Bezeichnung „Institut für Handelsforschung". Die Namensänderungen resultierten aber nicht nur aus begrifflichen Überlegungen; sie sollten auch zum Ausdruck bringen, daß gemäß den Intentionen Seyfferts bei den Forschungsaufgaben der Schwerpunkt wiederholt zu wechseln hatte.
Ging es zunächst um die Funktionen und Risiken, Prozesse und Strukturen der mittelständischen und großbetrieblichen Einzelhandelsunternehmungen, so erkannte Seyffert bald, daß auch die Einbeziehung der detaillierenden handwerklichen und industriellen Betriebe, jedenfalls bezüglich ihrer Absatzphase, erforderlich war und außerdem die von den Konsumenten getragenen Genossenschaften sowie die ihnen in der Zielsetzung verwandten Einrichtungen nicht unberücksichtigt bleiben durften. Von da aus war der Weg nicht weit, die einzelwirtschaftliche Betrachtungsweise durch eine zwischen- und überbetriebliche zu ergänzen, deren Objekt der gesamte Distributionsprozeß zu sein hatte, wie er sich als arbeitsteiliger Vorgang, ausgehend vom Produzenten über die Handelsstufen hinweg bis zum privaten Verbraucher oder gewerblichen Verwender vollzog. Das wieder zwang dazu, nun auch den betriebswirtschaftlichen Problemen der Großhandlungen nachzugehen. Wer überschaut, in welchem Ausmaß seit dem Ende des zweiten Weltkrieges die Zusammenschlußformen zwischen Groß- und Einzelhandel an Boden gewonnen haben, sieht sofort, daß Seyfferts Initiative der Ausweitung des Einzelhandelsinstituts zum Institut für Handelsforschung der wirtschaftlichen Entwicklung und den wissenschaftlichen Notwendigkeiten entsprach.
Die von Seyffert geleiteten Forschungsarbeiten des Instituts haben zu zahlreichen Abhandlungen, Berichten und Tabellensammlungen geführt, die zum Teil noch unveröffentlicht sind. Soweit sie publiziert wurden, sind sie als umfangreichere Werke innerhalb der von Seyffert herausgegebenen Schriftenreihen erschienen; als knappere Arbeiten haben sie zumeist ihren Platz in den Monats- oder Sonderheften der Institutsrnitteilungen gefunden. Die
Forschungsergebnisse haben sich jedoch nicht nur in diesen Veröffentlichungen und den archivierten Manuskripten niedergeschlagen, sondern auch in den von Studenten und Assistenten, Doktoranden und Habilitanden angefertigten Arbeiten, sofern sie, was oft genug der Fall war, in enger Verbindung mit der Institutstätigkeit zustandekamen. Auch das umfangreiche Oeuvre, das aus Seyfferts eigener Feder floß, ist teilweise als eine Frucht seiner gründlichen und systematischen Institutsarbeit anzusehen.
Zahlreiche größere und kleinere Forschungsvorhaben sind als in sich abgeschlossene geplant und durchgeführt worden. Über sie informieren die von Seyffert jährlich aufgestellten ausführlichen Tätigkeitsberichte des Instituts. Als Beispiel eines gewichtigeren Projekts kann die von ihm groß angelegte Untersuchung der „Wege und Kosten der Distribution der industriell gefertigen Konsumwaren" (1966) genannt werden, die viele Jahre hindurch einen erheblichen Teil der Institutskapazität beanspruchte.
Neben den einmaligen Forschungsarbeiten steht die 1948 von Seyffert und seinem Institut übernommene Daueraufgabe des Betriebsvergleichs für den Groß- und Einzelhandel an Bedeutung nicht zurück; denn zum einen verlangt die Erhebung der jährlich benötigten Millionen von Einzelangaben aus Tausenden von Betrieben sowie ihre anschließende Verarbeitung und Auswertung ständig die Bereithaltung eines umfangreichen Apparates, zum änderen fließt infolge des Betriebsvergleichs ein Strom statistischen Materials und daraus abgeleiteter Daten, der vielen Stellen wichtig ist: den nach Rationalisierung strebenden Unternehmungen, den auf Information bedachten Verbänden, den für die Wirtschaftssteuerung auf verlaßliche Unterlagen angewiesenen Behörden und den auf empirischer Grundlage nach wissenschaftlichen Erkenntnissen suchenden Forschungseinrichtungen. Während zwischen den Kriegen der Betriebsvergleich von Verwaltungen und Verbänden vorwiegend als ein Mittel zu dem
Zweck gefördert wurde, volkswirtschaftspolitisch aufschlußreiche Zahlen zu liefern, war es Seyfferts Ziel, darüberhinaus den beteiligten Betrieben ein Instrument für Leistungsanalysen und einen Kompaß für ökonomisierungsmaßnahmen bereitzustellen. Er hat es dadurch erreicht, daß er, ausgehend vom Elementarvergleich, über den Grundvergleich hinaus den Spezialbetriebsvergleich entwickelte, der sehr weitgehende einzelwirtschaftlich orientierte Auswertungen gestattet. So wurde es in zahlreichen Handelsbranchen möglich, durch das verständige Zusammenwirken von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspraxis eine für beide Partner fruchtbringende Arbeit zu leisten.
Das Institut für Handelsforschung ist in den fast vier Jahrzehnten, die es unter Seyfferts Leitung stand, zur zentralen Forschungsstelle im deutschen Sprachgebiet für alle Probleme der Distributionswirtschaft geworden. Doch ergab sich dies nicht etwa daraus, daß es alle Gebiete, die der wissenschaftlichen Durchpflügung bedurften, an sich gezogen hätte. Vielmehr ist Seyffert ganz bewußt den viel mühevolleren Weg der Erarbeitung und Erprobung spezifischer Methoden für den Ausbau der Handelsbetriebslehre gegangen. Außer auf die Vervollkommnung des Betriebsvergleichs ist in dieser Hinsicht besonders auf die ständige Verfeinerung der Handelskettenanalyse hinzuweisen. Die allseitige Anerkennung des Instituts, der Arbeitsweise Seyfferts und seiner Arbeitsergebnisse zeigte
sich besonders deutlich, als die Einrichtung im Jahre 1953 ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feierte.
Der prinzipiell weite Rahmen, innerhalb dessen sich seit Kriegsende die Forschungsprojekte des Instituts bewegten, schloß es nach Seyfferts Vorstellungen nicht aus, daß aus guten Gründen Sonderbereiche auf speziellere Einrichtungen zu übertragen waren. So ist die ehemalige Institutsabteilung für den Außenhandel schon 1956 in das selbständige, jedoch von ihm weiter mitbetreute „Institut für Außenwirtschaft" umgewandelt worden, das sich neben dem Außenhandel im engeren Sinn auch mit dem industriellen Export und Import, mit der Außenhandelsfinanzierung, den Wirtschaftsbeziehungen zu den Entwicklungsländern und anderen angrenzenden Fragen befaßt. Auch das seit 1967 bestehende „Institut für Distributionsforschung" ist aus einer von Seyffert aufgebauten, vorwiegend distributions- und marktanalytischen Untersuchungen gewidmeten Abteilung des Instituts für Handelsforschung hervorgegangen.
Damit ist die Reihe der Einrichtungen, welche die Wissenschaft der Initiative Seyfferts zu verdanken hat, noch nicht erschöpft. Auf das „Seminar für Allgemeine Betriebswirtschaft, Handels- und Absatzwirtschaft", das er 1924 in Köln als junger Ordinarius ins Leben rief, geht direkt das heutige „Seminar für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Besondere des Handels" zurück, indirekt aber auch das „Seminar für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Absatz- und Werbewirtschaftslehre", das kürzlich erst seine Tätigkeit aufgenommen hat. Der Institutionalisierung der Werbeforschung hatten schon frühe Bemühungen gegolten. Bereits 1922 gelang es Seyffert, als „Werbewissenschaftliches Institut" eine Pflegestätte methodischen Arbeitern zu gründen, die später als „Werbewissenschaftliches Seminar" fortgeführt wurde und seit 1964 neben einer betriebswirtschaftlichen auch eine psychologische Abteilung umfaßte. Wegen seiner stärker auf die Forschung hin verlagerten Zielsetzung trägt es mit ministerieller Genehmigung unter Beibehaltung der beiden selbständig arbeitenden Abteilungen seit 1967 wieder
den alten Namen „Werbewissenschaftliches Institut". In allen seinen Formen hat es wesentlich dazu beigetragen, daß die schon durch Präsenz und Schrifttum Seyfferts dominierende Stellung der Kölner Fakultät auf dem Gebiet der Werbelehre erhalten und gefestigt wurde. Auch das 1958 errichtete, in Verbindung zu den Universitäten in Bonn und Köln stehende „Institut für Mittelstandsforschung" ist unter Mitwirkung Seyfferts geschaffen worden. Aktiv hat er sich in dieser wlrtschafts- und sozialpolitisch wichtigen Einrichtung als Mitglied des Vorstandes und als Direktor der betriebswirtschaftlichen Abteilung betätigt. Außerdem war er Mitherausgeber der seit 1962 erscheinenden „Abhandlungen zur Mittelstandsforschung".
Die institutsgebundene Forschung erschien Seyffert deswegen so dringlich, weil in den Wirtschaftswissenschaften das empirische Vorgehen bei der Lösung eines Problems die Kräfte des Einzelnen meist übersteigt. Gerade die induktiven Verfahren waren es aber, anders als bei seinem Lehrer Nicklisch, denen er das größere Gewicht beilegte. Seine beispielhaften Analysen hat er überwiegend durch die Anwendung der historischen und der statistischen Methode vorbereitet. Doch lehnte er es ab, sich durch Prinzipiendogmatismus selber zu fesseln und fand es selbstverständlich, die dem Forschungsgegenstande adäquate, notfalls erst zu entwickelnde Methode anzuwenden. So kam in der Synthese durchaus auch die Deduktion zum Zuge. Die Arbeitsweise Seyfferts hat es den Lesern seiner Werke allerdings nicht immer leicht gemacht. Sein ausgebildetes Scheidungsvermögen, verbunden mit seinem Hang zum Systematisieren, wie auch seine Neigung, scharfe und infolgedessen sprachlich oft sehr anspruchsvolle Begriffe zu bilden, und schließlich sein Streben nach mitunter enzyklopädischer Vollständigkeit und höchster Akribie erschweren den Zugang zu manchen seiner Arbeiten. Solche Barrieren wird jedoch gern zu überwinden suchen, wer erkennt, daß sie ein Ausdruck von Seyfferts Strenge gegen sich selber sind.
Die Zahl seiner Bücher und Aufsätze ist außergewöhnlich groß. In ihnen spiegeln sich die vielen Bereiche, denen sein wissenschaftliches Interesse galt. Entgegen der die Anfänge der modernen Betriebswirtschaftslehre kennzeichnenden Überbetonung der Fragen des Rechnungswesens hat Seyffert schon früh auf weitere und vorrangige Aufgaben des Faches hingewiesen. In seiner kleinen, des grundsätzlichen Gehaltes wegen aber äußerst wichtigen Abhandlung „Ober Begriff, Aufgaben und Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre", die er 1963 als fünfte Auflage einer bereits 1925 unter einem etwas anderslautenden Titel erschienenen programmatischen Schrift vorlegte und dieser gegenüber insbesondere nach der historischen Seite hin erweiterte, sind die von ihm als Kernfragen jeglicher Wirtschaftsgestaltung bezeichneten Problemkreise in den Vordergrund gerückt worden. Es sind in seinen eigenen Worten „Der Mensch als Träger der Arbeit im Betriebe: die Organisation seiner Arbeitskraft; der Mensch als Bedürfender außerhalb des Betriebes: die Organisation seiner Bedarfsbefriedigung; und der Mensch als Gestalter seiner Eigenwirtschaft: die Organisation seiner Haushaltung". Den beiden ersten Kernfragen ist Seyffert selber
in seinen Publikationen nachgegangen. Für die Behandlung der dritten gab er Anregungen; er verfolgte es, wie dieses Gebiet sich erst zögernd einführte, aber schließlich doch durchsetzte. Es paßt in dieses Bild, daß er nicht dem Rentabilitätsprinzip den Vorrang einräumte, sondern die gleichzeitige Erfüllung des Wirtschaftlichkeits- und Dienstleistungsprinzips verlangte. Daß er bei solcher Sicht der Aufgaben seiner Disziplin die Volks- und die
Betriebswirtschaftslehre nur als zwei Seiten einer einheitlichen Wirtschaftswissenschaft verstehen konnte, ist nur konsequent. So zählte er schon seit jeher zu der wachsenden Zahl der Ökonomen, die den Unterschied der beiden Fächer mehr in der Blickrichtung, den Methoden und den abweichenden Schwerpunkten als im Grundsätzlichen erblicken.
Die historischen Arbeiten Seyfferts fanden ihren Ansatzpunkt in seiner überaus gründlichen Kenntnis des Werdegangs der Betriebswirtschaftslehre seit der Jahrhundertwende. Ihre Ergebnisse haben sich außer in dem allgemeinen Überblick, den seine vorgenannte Schrift enthält, in vielen speziellen Aufsätzen und Handwörterbuchartikeln niedergeschlagen, die bis an die Schwelle zum Kameralismus führen. Ihnen durch die Wiedergabe der alten Texte die konkrete Basis unterzulegen, war für Seyffert der Anlaß zur Edition der „Quellen und Studien zur Geschichte der Betriebswirtschaftslehre", Innerhalb dieser erschienen als Band IV der „Grundriß eines vollständigen Kaufmanns-Systems" von Carl Günther Ludovici (1932) und als Band V das „System des Handels" von Johann Michael Leuchs (1933), beide von Seyffert mit umfangreichen Einführungen versehen.
Die Bedeutung des Menschen, seiner Arbeitskraft und seiner Arbeitsleistung für den Betrieb sowie die sich daraus für Leitung und Organisation ergebenden Aufgaben hat Seyffert in seinem Buch „Der Mensch als Betriebsfaktor" (1922) am Beispiel der Warenhausunternehmung dargestellt. Er bekennt sich darin zum Gemeinschaftsprinzip, das er zum einen für unvereinbar mit rationeller Ausnutzung des Menschen hält, falls sie ihn zum bloßen Werkzeug degradiert, das aber zum anderen auch dann nicht realisiert werden kann, wenn aus ideologischen Gründen der Gemeinschaftsgedanke abgelehnt wird. Auch die kleinere Schrift über „Die rationelle Nutzung der Betriebskräfte" (1925) gehört in diesen Zusammenhang, in dem die Seyffert mit Nicklisch verbindenden normativen Auffassungen deutlich hervortreten.
Zahlreiche Publikationen sind Seyffert in der Werbelehre zu verdanken, der seine besondere Hingabe galt. Bereits 1914 erschien „Die Reklame des Kaufmanns" in erster, schon 1925 in dritter Auflage. Größte Beachtung fand seine „Allgemeine Werbelehre" (1929), die wegen ihres reichen Inhalts, vieler neuer Erkenntnisse, der zahlreich gebotenen Anregungen und der oft eigenwilligen Blickrichtung als ein Markstein im werbewissenschaftlichen Schrifttum empfunden wurde. Mehr auf die Bedürfnisse der Studenten ausgerichtet war seine „Kaufmännische Werbelehre" (1930), die als Beitrag in der wirtschaftswissenschaftlichen Gesamtdarstellung „Die Handelshochschule" erschien. Ihr folgten in der zweiten und dritten Auflage dieses Sammelwerkes mit gleicher Zielsetzung die „Werbung" (1937) und die „Wirtschaftliche Werbelehre" (1951). Der letztgenannte Titel wurde dann nochmals (1952) als vierte, beträchtlich umgestaltete Auflage der alten Kaufmännischen Werbelehre in separatem Druck herausgebracht. Der Höhepunkt seines Schaffens auf diesem Gebiet ist zweifellos die „Werbelehre — Theorie und Praxis der Werbung" (1966), die mit ihren beiden voluminösen Bänden das umfassendste einschlägige Werk darstellt, das in deutscher Sprache vorliegt. Auch in ihm hat Seyffert, wie schon zuvor in seiner Allgemeinen Werbelehre den psychologischen Problemen der Marktbeeinflussung sehr viel Raum gewährt. Bezeichnend für seine Art, über die Grenzen des eigenen Fachs hinauszuschauen, ohne dabei die betriebswirtschaftlichen Zielsetzungen Not leiden zu lassen, ist, daß er sich zwar in erster Linie mit der Werbung als einer Erscheinung des wirtschaftlichen Lebens auseinandersetzte, darüber aber ihre wachsende Bedeutung für die anderen Aktivitäten in einer menschlichen Gesellschaft nicht übersah. Dem entspricht, daß er die Werbelehre bereits seit langer Zeit als eine weit über das ökonomische hinausgreifende, in die allgemeine Kommunikationstheorie einzuordnende Disziplin verstand.
So umfangreich schon das bisher aufgeführte literarische Produkt Seyfferts ist, den Hauptteil seiner Schaffenskraft widmete er doch, wie bereits aus der Betrachtung seiner Institutstätigkeit ersichtlich ist, dem Handel im institutionellen wie im funktionalen Sinn. Die kaum übersehbare Zahl seiner auf diesem Gebiet veröffentlichten Zeitschriftenaufsätze und Abhandlungen in Sammelwerken im einzelnen aufzuführen, muß einer künftigen Bibliographie seines Gesamtwerks vorbehalten bleiben. Darüber hinaus hatte er großen Anteil als Anreger und Förderer bei vielen Untersuchungen, die in Verbindung mit der Institutsarbeit zustande kamen. Als Herausgeber der „Schriften zur Einzelhandels- und Konsumtionsforschung", auf die nach Kriegsende die „Schriften zur Handelsforschung" folgten sowie der als Zeitschrift regelmäßig erscheinenden „Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung" hat er es ermöglicht, der Fachwelt neben größeren Monographien viele kleinere Arbeiten zu präsentieren. Inhaltlich berührt sich mit der Institutsarbeit auch das von Seyffert herausgegebene „Handbuch des Einzelhandels" (1932), in dem erstmalig auf breiter Basis das lange vernachlässigte Gebiet des Einzelhandels eine umfassende Darstellung erfuhr und das viele Beiträge namhafter Praktiker und Theoretiker sowie einige von ihm selber enthält. Auf allen diesen Wegen hat er wesentlich zur Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre des Einzelhandels beigetragen, deren große mittelstandspolitische Bedeutung er bei seiner Neigung, die ökonomischen Probleme stets auch unter volkswirtschaftlichem Aspekt zu sehen, als einen starken Antrieb für seine Arbeit empfinden mußte.
Als herausragendes und ganz seiner eigenen Feder zu verdankendes Werk ist die „Wirtschaftslehre des Handels" zu nennen, die 1951 erstmalig und 1961 in vierter Auflage erschien. Wie schon der Titel des Buches erkennen läßt, handelt es sich nicht um eine rein einzelwirtschaftliche Publikation; der gesamtwirtschaftliche Bezug ist an vielen Stellen deutlich erkennbar. Daß interdisziplinäre Verzahnung nicht zu einer Beeinträchtigung der einzelwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweise führen muß, dafür ist auch und gerade die Wirtschaftslehre des Handels ein vorzügliches Beispiel. Der weitgespannte Rahmen und die Fülle dieses Werkes ergeben sich aus seiner Zielsetzung, mittels einer umfassenden Lehre von der Distribution, den Handelsbetrieb und Handelsverkehr in vielen seiner Zweige und in allen seinen Stufen gründlich zu durchleuchten. Immer münden die Überlegungen letztlich in die Frage ein, wie die betriebswirtschaftlichen Strukturen und Prozesse zu gestalten sind, damit die Volkswirtschaft den Bedürfnissen der Konsumenten am besten gerecht werden kann. Bei straffer Führung der Gedanken weist das Buch einen fast enzyklopädischen Reichtum auf, Seyfferts zum Teil bahnbrechende Publikationen, unter denen die Wirtschaftslehre des Handels und die Werbelehre längst den Ruf von Standardwerken besitzen, haben ihm viel Anerkennung eingebracht. Sie fand ihren literarischen Ausdruck in einer Reihe von Aufsätzen, die Würdigungen seiner Person und seiner Leistungen enthalten, darüber hinaus in dem 1968 von Fritz Klein- Blenkers vorgelegten Buch „Rudolf Seyffert — Grundzüge seiner Lehre". Weitere Ehrungen sind die drei Festschriften, die ihm von seinen Habilitanden, seinen Fachkollegen und seinen ehemaligen Mitarbeitern zu den Geburtstagen gewidmet wurden, an denen Rückblick und Besinnung geboten sind. Die erste, „Betriebsökonornisierung durch Kostenanalyse, Absatzrationalisierung und Nachwuchserziehung", erschien 1958; die beiden anderen, „Betriebswirtschaft und Marktpolitik" sowie „Distributionswirtschaft'', kamen 1968 heraus. Die in diesen Festgaben enthaltenen Aufsätze behandeln durchweg Fragen, die in Berührung zu schon von Seyffert angeschnittenen Problemen stehen.
Obwohl Seyffert sich stets in erster Linie der Forschung verpflichtet fühlte, hat er seine Lehraufgaben sehr ernst genommen und fast ein halbes Jahrhundert lang vom Katheder aus auf einen ständig wachsenden Kreis von Hörern eingewirkt. Die großen Erfolge, die er dabei aufzuweisen hatte, rührten nicht zuletzt daher, daß er Institut und Seminar als ein Ganzes zu betrachten pflegte, innerhalb dessen sich Forschung und Lehre zum gegenseitigen Nutzen anregen, fördern, ergänzen und korrigieren sollten. Diese Vorstellungen sind bei vielen Untersuchungsprojekten realisiert worden; Seminarleiter, Institutsassistenten und Studenten haben nicht selten in Gemeinschaftsarbeit größere Aufgaben bewältigt. Außerdem hat Seyffert die Diplomarbeiten von mehr als 1400 Kandidaten betreut, über 150 Doktoranden bei der Anfertigung ihrer Dissertationen beraten und nicht weniger als
sechs seiner Schüler habilitiert, die dann sämtlich auf Lehrstühle an Universitäten berufen wurden.
In der akademischen Selbstverwaltung hat Seyffert sehr aktiv mitgewirkt. In den ersten Jahren nach Kriegsende hat er sich als Leiter der Baukommission der Universität um ihren Wiederaufbau große Verdienste erworben. Zur Reorganisation der Universität als Institution und Korporation trug er als mehrmaliges Mitglied des Senats und seiner Ausschüsse wesentlich bei. Um Unterlagen zur Verbesserung der harten Bedingungen zu erhalten, unter denen sich das Studium der Kriegsteilnehmergeneration nach der Wiedereröffnung der Universität vollzog, führte er eine Untersuchung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse durch, bei der er die gesamte Kölner Studentenschaft erfaßte. Ein daraus zusammengestellter Bericht veranlaßte viele spontane und organisierte Hilfsaktionen sowie ein größeres Verständnis seitens der Besatzungsmacht. Die später unter dem Titel „Methode und
Ergebnis einer Gesamtbefragung der Kölner Studenten im Winter-Semester 1946/47 (1958) vorgelegte Publikation ist ein beeindruckendes Dokument der bedrückenden Verhältnisse, unter denen Lehren und Lernen sich damals
vollziehen mußten.
Auch in den anderen Gremien, denen Seyffert angehörte, war sein Rat geschätzt. Nicht weniger als sechsmal berief ihn das Vertrauen seiner Fakultät dazu, die besonders in der Zeit nach dem Zusammenbruch schwere Last des Dekans auf sich zu nehmen. Aus diesem Amt und seiner vieljährigen Tätigkeit als Vorsitzender der Prüfungsamter für die Diplomprüfungen seiner Fakultät erwuchs seine eingehende Kenntnis aller Fragen der Hochschulreform im allgemeinen und der Neuordnung des betriebswirtschaftlichen Studiums im besonderen. So war er dazu vorbestimmt, Jahre hindurch die Fakultät auf der Handelshochschulkonferenz und später auf dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultätentag zu vertreten. Er hat auch dort gründliche Arbeit geleistet und Reformpläne ausarbeiten helfen, die, wenn sie in ruhigeren Zeiten zustandegekommen und verwirklicht worden wären, die Situation der Hochschulen sehr verbessert hätten.
Obwohl Seyffert seine Pflichten in Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung sehr ernst nahm, versagte er sidi nicht den zusätzlichen Aufgaben, die aus dem öffentlichen Leben an ihn herangetragen wurden. Bekannt als Mann von reicher Erfahrung, großer Umsicht, sadilidier Einstellung und unermüdlicher Arbeitskraft,
waren sein Rat und seine Mitwirkung von vielen Behörden und sonstigen Organisationen gesucht. Wegen seiner offensichtlichen Leistungen für Staat und Wirtschaft wurde ihm 1963 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Seyffert war viele Jahre hindurch Vorsitzender der 1963 beim Bundesministerium für Wirtschaft konstituierten Katalogkommission für handeis- und absatzwirtschaftliche Forschung, deren Mitglieder die Leiter der in diesem Bereich tätigen Hochschulinstitute und -seminare sowie der ihnen gleichzusetzenden übrigen Forschungsinstitutionen sind. Die Aufgabe der Kommission besteht zum einen in der Führung von Katalogen der im Rahmen der Distributionsforschung zu verzeichnenden Personen und Einrichtungen, laufenden und angestrebten Projekte. Zum anderen sucht sie auf der Basis dieser Informationen wünschenswerte Untersuchungen anzuregen, die kollektive Durchführung größerer Forschungsvorhaben zu organisieren und zu weiteren Forschungsvoraussetzungen beizutragen. Dieses Programm der Katalogkommission, das letztlich die Rationalisierung der handeis- und absatzwirtschaftlichen Forschung im Gebiet der Bundesrepublik bezweckt, geht auf eine bereits im Jahr 1941 von Seyffert vertretene Konzeption zurück.
Mehr auf die ökonomisierung der Wirtschaftspraxis eingestellt ist die Arbeitsgemeinschaft für Rationalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, in die Seyffert 1952 vom Ministerpräsidenten als Mitglied berufen wurde und innerhalb derer er die Arbeitsgruppe Distributionsforschung leitete. Außerdem war er Mitglied in zahlreichen weiteren Beiräten, Arbeitskreisen und Aussdiüssen. Über diese wirkte er zwar nur mittelbar, aber sehr aktiv an den Aufgaben der die einzelnen Gremien tragenden Stellen mit, zu denen u. a. die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, das Bundeswirtschaftsministerium, das Statistische Bundesamt, das Landesamt für Forschung, das Rationalisierungskuratorium der Deutsdaen Wirtschaft, die Internationale Handelskammer und die Deutsche Statistische Gesellschaft gehörten.
Seyffert war schon an der im Jahr 1919 erfolgten Gründung der Deutschen Werbewissenschaftlichen Gesellschaft beteiligt, die ihn zu ihrem geschäftsführenden Vorstandsmitglied wählte. Auf seine Initiative hin wurde 1959 von 25 Hochschullehrern verschiedenster Fachrichtung, deren Arbeitsgebiete jedoch sämtlich eine Beziehung zur Werbung aufwiesen, die Vereinigung reaktiviert. Seyffert hat sich als erster Präsident der erneuerten Gesellschaft um ihre Aufgaben sehr verdient gemacht; u. a. hat er für sie seit 1963 das Werbewissenschaftliche Referatenblatt herausgegeben. Die Anerkennung seiner Leistungen durch die Mitglieder zeigte sich darin, daß er beim Ausscheiden aus seinem Amt zum Ehrenpräsidenten der Gesellschaft gewählt wurde.
Den vielen Ehrungen, die Seyffert besonders in den letzten Dezennien seines erfolgreichen Lebens zuteil wurden, suchte er sich möglichst zu entziehen. Nicht um Äußerlichkeiten, sondern stets nur um das Wesentlidie ging es ihm. Als echter Wahrheitssudler wies er jeden Versuch einer nicht wissenschaftlich motivierten Beeinflussung seiner Arbeit entschieden zurück, hatte aber ein offenes Ohr für das fachlich begründete Argument. In der alten Bedeutung des Wortes Professor war er ein Bekenner, der seine Überzeugungen in Rede und Schrift verteidigte, der auda die offene Auseinandersetzung mit anderen Meinungen nicht scheute und dabei eine scharfe Klinge führte, aber doch stets ein sadilicher Gegner blieb und das versöhnliche Wort suchte. Die sein Wesen kennzeichnende Distanz, manchmal selbst Freunden gegenüber, darf nidit mißverstanden werden; sie war ein Selbstschutz, dessen der feinfühlige Gelehrte und Ästhet bedurfte, aber nicht ein Wall, der es verhindert hätte, im konkreten Fall an den Sorgen und Nöten anderer teilzunehmen. Ein ausgeprägtes Pflichtbewußtsein trug dazu bei, seine erstaunliche Schaffenskraft bis zum letzten auszuschöpfen. Wohl wissend, daß ihm nur noch eine begrenzte Zeit gewährt war, hat Seyffert unbeirrt seiner Schrift „Über Begriff, Aufgaben und Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre" die letzte Fassung zu geben vermocht und die fünfte Auflage seiner „Wirtschaftslehre des Handels" vorbereitet, deren Manuskript am Tag vor seinem Tod dem Verlag übergeben wurde. Wer ihn gekannt hat, wird den vornehmen, verstehenden, toleranten und gütigen Menschen stets in hohen Ehren halten.
„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen." So war es, im biblischen Sinne, ein erfülltes Leben.
