Die Investitionsentscheidung in Einzelhandlungen
von Dr. Inge Niedermöller1. Die Wahl zwischen Investitionsarten
Den nachfolgenden Erörterungen liegt ein Investitionsbegriff zugrunde, der sich auf die langfristige Anlage von Zahlungsmitteln beschränkt. Unter Investition wird die Umwandlung von Zahlungsmitteln in materielle und inimaterielle Vermögenswerte mit langfristiger Kapitalbindung verstanden. Jede Investition besteht aus einem güterwirtschaftlichen und einem finanzwirtschaftlichen Prozeß, Der finanzwirtschaftliche Prozeß wird durch einen Strom von Auszahlungen und Einzahlungen charakterisiert2. Der güterwirtschaftliche Prozeß umschließt die Anschaffung der Investitionsobjekte, ihre Kombination zu einer produktiven Einheit und ihr Ausscheiden aus dem Betrieb.
Notwendig für die Investitionsentscheidung ist das Vorhandensein einer Wahlmöglichkeit. Sie liegt nur vor, wenn mindestens zwei annähernd gleichgewichtige Alternativen im Zeitpunkt der Entscheidung bestehen3, weil bei Ungleichgewichtigkeit die Lösung durch die herrschende Alternative bereits bestimmt ist.
Bei der Planung der Investitionen im Einzelhandel steht der Entscheidungsträger einer Vielzahl von Kapitalverwendungsmöglichkeiten gegenüber, zwischen denen er seine Wahl trifft.
Anlageninvestitionen umfassen die Ausgaben für den Ankauf von Geschäftsgrundstücken und -gebäuden, den Neubau und den Wiederaufbau von Betriebsgebäuden, den Umbau und die Erweiterung von Verkaufs-, Verwaltungs- und Lagerräumen und die Anschaffung von Fahrzeugen und Eiiwidbitungsgegenständen. Die Entscheidung für Anlageninvestitionen wird von der Zugehörigkeit der Einzelhandlungen zu den einzelnen Branchen bestimmt. Ursächlich für den festgestellten Branchenemfluß4 auf die Betriebsmittelstruktur sind neben der Verderblichkeit, dem Gewicht, der Sperrigkeit und dem wirtschaftlichen Wert der Ware die von ihr ausgehenden unterschiedlichen Rationalisierungsmöglichkeiten sowie die Wettbewerbsverhältnisse innerhalb der einzelnen Branchen und die gewählte Betriebsform.
Lagerinvestitionen umfassen die Ausgaben für Warenvorräte, die zur langfristigen Lagerung bestimmt sind. Der eiserne Warenbestand ist zur Sicherung des Absatzprozesses unerläßlich und begleitet den Betrieb nahezu während seiner gesamten Lebensdauer. Bei geldmäßiger Betrachtungsweise bleibt das Kapital, das für den eisernen oder sichernden Warenbestand investiert wird, langfristig für diesen Zweck gebunden und kann nicht anderweitig verwendet werden, Bei gütermäßiger Betrachtungsweise wird jedoch der sichernde Bestand bei ökonomischem Vollzug der Lagerpolitik unter Beachtung des Grundsatzes first in — first out kurzfristig zur Vermeidung von Lagerverlusten gegen Waren gleicher
Art ausgetauscht.
Bestehen beim eisernen Bestand Unterschiede in kapital- und gütermäßiger Sicht, so decken sich dagegen beim spekulativen und reifenden Warenbestand beide Betrachtungsweisen. Warenvorräte werden spekulativ festgelegt, wenn damit gerechnet wird, daß die zusätzlich erwarteten Einnahmen aus dem Mehrumsatz größer sind als die Ausgaben für den spekulativen Warenbestand und seine Lagerhaltung und die Ausgaben für die Lagerhaltung geringer sind als die Einnahmenverluste in der Folge von Beschaffungspreiserhöhungen. Reifende Warenbestände gewinnen erst durch Lagerung an Wert. Sie werden langfristig gelagert, wenn erwartet wird, daß die Mehreinnahmen durch Absatzpreissteigerungen der an Wert gewonnenen Güter die Ausgaben für die Lagerhaltung des reifenden Bestandes kompensieren oder überkompensieren.
Unter Finanzinvestitionen wird der Erwerb von Beteiligungen, langfristigen Forderungen und als Kapitalanlage dienenden Wertpapieren verstanden. Im Gegensatz zu den Sachinvestitionen machen sie nur einen ganz geringen Prozentsatz innerhalb der Gesamtinvestitionen der Einzelhandlungen aus. Die Bedeutung der einzelnen Finanzinvestitionen ist für die Investitionspolitik der verschiedenen Betriebsformen des Einzelhandels und bedingt durch die Konzentrationsbestrebungen innerhalb der Branchen sehr unterschiedlich.
Die Investitionen in immaterielle Werte kann man in die Bildungs- und die Good-will-Investitionen trennen. Bildungsinvestitionen sind von dem Unternehmer veranlaßte Ausgaben, welche für die Bildung des Betriebsfaktors Arbeit, der neben dem Personal den Unternehmer selbst einschließt, entstehen. Außerhalb der Arbeitszeit getätigte private Bildungsinvestitionen, die der Arbeitnehmer selbst finanziert, sind keine betrieblichen Investitionen, wenn sie auch die Qualität der Arbeitskraft verbessern können. Im Gegensatz zu allen anderen Investitionen zeichnen sich die Bildungsinvestitionen der Einzelhandlungen durch ihre völlige Illiquidität aus. Soweit sie der Unternehmerfortbildung dienen, können sie einerseits durch die Abwesenheit des Inhabers vom Geschäftsbetrieb mit hohen Opportunitätskosten belastet sein, andererseits sind sie aber nahezu völlig risikolos, wenn der Bildungsträger mit dem Eigentümer der Einzelhandlung identisch ist. Da der Eigentümer für eine von ihm selbst zu bestimmende Zeit in der Unternehmung verbleibt, ist lediglich das Risiko des Ausfalls durch Krankheit und baldiges Ableben, das mit zunehmendem Alter steigt und dessen Wahrscheinlichkeit mit Hilfe von Sterbetafeln berechnet werden kann, zu berücksichtigen. Demgegenüber
sind Bildungsinvestitionen, bei denen die Mitarbeiter Empfänger der Bildungsmaßnahmen sind, mit dem sehr hohen Risiko der Fluktuation behaftet. Die Fluktuationsrate ist in den Einzelhandlungen nach dem Geschlecht verschieden. Hypothetisch kann angenommen werden, daß sie auch nach dem Alter differiert. Die Höhe der Fluktuationsrate ist nicht nur für das der Bildungsinvestition anhaftende Risiko, sondern auch für den Umfang des Bildungsvermögens ausschlaggebend. Je höher die Fluktuationsrate ist, desto größer ist das Risiko der Bildungsinvestition, und desto stärker sinkt das betriebliche Bildungsvermögen. Schwierig ist es, den Einnahmenstrom einer Bildungsinvestition zu ermitteln.
Zwar können die Einnahmen der Bildungsinvestition theoretisch über die Mehrleistung der Bildungsträger und die sich daraus ergebenden Mehreinnahmen bestimmt werden. Praktisch ergibt sich aber das Problem, der Bildungsinvestition bezifferte, einzig durch die Investition verursachte Einnahmen zuzurechnen.
Ähnliche Bedenken tauchen auf, wenn man die Zahlungsströme von Good-will-Investitionen erfassen will. Die Ausgaben für den Aufbau und die Sicherung der Organisation einer Einzelhandlung, eines guten Betriebsklimas, den Kundenstamm, den guten Ruf oder die Marktstellung auf den Absatz- und Beschaffungsrnärkten lassen sich meist nicht gesondert feststellen. Selbst wenn man in Einzelfällen die Werbekosten heranziehen kann, bleibt unbestimmt, in welchem Ausmaß
die durchgeführte Werbemaßnahme einen kurzfristigen oder nachhaltig langfristigen Vermögenszuwachs darstellt.
2. Die Wahl zwischen Investitionsobjekten
Die Wahl zwischen Investitionsarten steckt den Rahmen der in Betracht zu ziehenden unterschiedlichen Möglichkeiten langfristiger Kapitalverwendung in Einzelhandlungen ab. Bei der Wahl zwischen Investitionsobjekten ist die Entscheidung konkret darauf gerichtet, aus mehreren Kapitalverwendungen für unterschiedliche Investitionsarten die Anlagen zu bestimmen, die dem jeweiligen Ziel des Entscheidungsträgers am meisten entsprechen. Dieses Wählen und Werten orientiert sich an den quantifizierbaren und nichtquantifizierbaren Daten. Die Analyse der quantifizierbaren Daten ermöglicht es, erwartete Einnahmen- und Ausgabenströme der Investitionsobjekte zu prognostizieren und rentabilitäts-, gewinn- oder kostenorientierte Wirtschaftlichkeiten festzustellen. Bei Anwendung von kostenorientierten Wirtschaftlichkeitsrechnungen werden die gesamten Kosten der Investitionsalternativen verglichen und das Objekt mit den vergleichsweise niedrigeren Kosten bestimmt. Bei Anwendung von finanzmathematisch orientierten Wirtschaftlichkeitsrechnungen geht man von den Ausgaben und Einnahmen der Alternativen aus und errechnet die Objekte mit dem vergleichsweise größeren Kapitalwert oder dem höheren internen Zinsfuß. Oft. genügt es, nur die abweichenden Daten gegenüberzustellen. Erwartet man, daß die Ausgabenströme der verglichenen Investitionsprojekte
übereinstimmen, so errechnet man die Kapitalwerte der Einnahmenströme und bestimmt die Investition mit dem vergleichsweise höheren Kapitalwert. Wenn die Einnahmen der Investitionsalternativen nicht voneinander abweichen, so vergleicht man die Kapitalwerte der Ausgabenströme und stellt das Investitionsobjekt mit dem vergleichsweise kleineren negativen Kapitalwert fest. In den Einzelhandlungen lassen sich die Einnahmen- und Ausgabenströme für die einzelnen Investitionsobjekte in der Regel nur schwer getrennt bestimmen. Es wird dann notwendig, die Einnahmen und Ausgaben für die gesamte produktive Kombination zu erfassen.
Wirtschaftlich ist es, mehrere Investitionen so zu kombinieren, daß die vorhandenen Betriebsfaktoren und das zur Verfügung stehende Kapital voll genutzt werden. Dabei kann es sinnvoll sein, Investitionen mit niedrigerem Kapitalwert zu wählen, wenn dadurch Mittel freigesetzt werden, die für andere Investitionen, welche die Gewinnschmälerungen bei Verzicht auf die rentabelsten Investitionen überkompensieren, Verwendung finden5.
3. Die Wahl zwischen Investitionszeitpunkten
Die investitionspolitischen Entscheidungen der Einzelhändler richten sich nicht nur auf den Gegenstand der Investition, sondern auch auf den Zeitpunkt ihrer Durchführung. Um die Frage zu klären, wann investiert werden soll, muß man zunächst zwei Situationen unterscheiden:
(1) die Wahl des Zeitpunktes von Neuinvestitionen
(2) die Wahl des Zeitpunktes von Ersatzinvestitionen,
Wenn man dem Ziel der Gewinnmaximierung folgt, dann wird eine Neuinvestition vorteilhaft zu einem Zeitpunkt eingeführt, an dem der erwartete Kapitalwert der Investition am höchsten ist. Auf die Einnahmen- und Ausgabenströme der Investition wirken zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Daten mit konträren Tendenzen ein. Günstige Besehaffungs- und Finanzierungsmöglichkeiten oder steuerliche Erleichterungen senken den Ausgabenstrorn der betrieblich notwendigen Investition und bewirken oft, daß ein früher Investitionszeitpunkt gewählt wird. Investitionstermine werden vorverlegt, wenn der Einzelhändler geplanten Investitionen der Konkurrenz zuvorkommen will. Die Einzelhändler eröffnen Läden in neuen Wohnsiedlungen zu Zeitpunkten, an denen die Nachfrage noch gering ist, und nehmen sogar bewußt in Kauf, daß die laufenden Ausgaben der Investition die laufenden Einnahmen im Anfangsstadium übertreffen können. Freiwillig oder unfreiwillig wird der Investitionszeitpunkt hinausgezögert, wenn technische oder modische Fortentwicklungen bei Betriebsmitteln erwartet werden, Umsatzverluste durch Ladenumbauten während der Saison zu befürchten sind oder gesetzliche Verordnungen der geplanten Investition zunächst entgegenstehen.
Die Fragen, wie lange eine Anlage genutzt und wann sie ersetzt werden soll, werfen eine Reihe von wirtschaftlichen Problemen auf, die in der Literatur schon diskutiert worden sind. In der Praxis wird die Nutzungsdauer der Investitionsobjekte häufig nach Erfahrungswerten oder intuitiv geschätzt. Ganz allgemein ist aber auch zu beobachten, daß viele Einzelhändler ihre Anlagen ohne dringenden Anlaß nicht ersetzen. Technisch nutzbar ist eine Anlage selbst dann noch, wenn die laufenden Ausgaben die laufenden Einnahmen übertreffen; denn die technische Nutzungsdauer kann durch Reparaturen verlängert werden. Die wirtschaftliche Nutzungsdauer ist für investitionspolitische Entscheidungen
immer dann von Bedeutung, wenn sie kürzer als die technische Nutzungsdauer ist. Dies trifft aber für eine Vielzahl von Einzelhandelsinvestitionen zu. Der enge Kontakt zum Verbraucher macht die Investitionsobjekte äußerst empfindlich gegen modische Wandlungen und verursacht, daß die wirtschaftliche Nutzungsdauer der Investitionen weit unter der technischen liegt. Eine veraltete Ladeneinrichtung ist beispielsweise über einen langen Zeitraum technisch nutzbar. Dennoch wäre es unwirtschaftlich, sie nicht zu ersetzen, da die werbende Wirkung eines ansprechenden Ladens einen
positiven Einfluß auf die Umsätze hat. Der Rhythmus der Ersatzinvestitionen für Ladeneinrichtungen hat sich in den letzten Jahrzehnten, veranlaßt durch modische Wandlungen und technische Fortentwicklungen auf den Einzelhandelsmärktcn, immer mehr verkürzt. Ladeneinrichtungen werden heute im Lebensmitteleinzelhandel etwa nach sechs Jahren, im Eisenwaren- und Hausrateinzelhandel nach sieben bis acht Jahren, im Textileinzelhandel etwa nach elf Jahren und in Drogerien etwa nach zwölf Jahren ersetzt6, auch wenn sie technisch noch nutzbar sind.
Die wirtschaftliche Nutzungsdauer eines Investitionsobjektes hängt von dem Verlauf seines Einnahmen- und Ausgabenstromes ab. Wenn man wiederum dem Ziel der Gewinnmaximierung folgt, dann ist die wirtschaftliche Nutzungsdauer die gewinnmaximale der Anlage, also diejenige Nutzungsdauer, bei welcher der Kapitalwert am größten ist7. Die wirtschaftliche Nutzungsdauer ist beendet, wenn der Kapitalwert bei weiterer Nutzung des Investitionsobjektes nicht erhöht werden kann, die Investition also bei längerer Inanspruchnahme keinen Gewinn mehr erzielt. Allerdings ist es recht schwierig, die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Anlagen der Einzelhandlungen zu bestimmen, da oft allenfalls
die Ausgabenströme hinreichend genau abgeschätzt und den Investitionen zugerechnet werden können, während man sich bei einer Prognose der Einnahmenströme mit sehr unsicheren Daten begnügen muß. Oft ist es nicht möglich, den Investitionsobjekten getrennte Einnahmenströme zuzurechnen. Man berücksichtigt dann nur die Ausgabenströme. Die wirtschaftliche Nutzungsdauer Ist dann die Investitionsdauer, bei welcher der Kapitalwert oder die Annuität, die sich aus der Umwandlung der Gegenwartswerte einer Investition in gleich große Jahresbeträge ergibt, den vergleichsweise kleineren negativen Wert erreicht8.
Die Wahl des Ersatzzeitpunktes wird nicht von der technischen, sondern von der wirtschaftlichen Nutzungsdauer bestimmt, je günstiger die Gewinnchancen sind, die der Einzelhändler für die Ersatzinvestition prognostiziert, oder allgemeiner ausgedrückt, je höher der Kapitalwert der folgenden Investition ist, desto mehr verkürzt sich die wirtschaftliche Nutzungsdauer der vorangehenden Investition. Denn die höheren Einnahmen oder niedrigeren Ausgaben der Ersatzinvestition schlagen sich in einem erhöhten Kapitalwert nieder, und die Zinsen auf den erhöhten Kapitalwert gehen zu Lasten der vorangehenden Investition9. Je niedriger der Kapitalwert der folgenden Investition ist, desto mehr verlängert sich die wirtschaftliche Nutzungsdauer der vorangehenden Investition. Hohe Einnahmen und niedrige Ausgaben der Folgeinvestition verkürzen un niedrige Einnahmen und hohe Ausgaben der Folgeinvestition verlängern die wirtschaftliche Nutzungsdauer der vorangehenden Investition. Je höher der Restkapitalwert des alten Betriebsmittels ist, um so zögernder wird es durch eine neue Anlage ersetzt. Insbesondere kapitalintensive Betriebsmittel mit niedrigen laufenden Ausgaben sind schwer zu verdrängen, wenn ihre Anschaffungssumme verdient ist10.
Um den Ersatzzeitpunkt zu bestimmen, werden die Zahlungsströme der alten und der neuen Anlage in Annuitäten umgewandelt. Unterstellt man wiederum das Ziel der Gewinnmaximierung, dann ist die Alternative mit der vergleichsweise höheren Annuität vorzuziehen.
Dieses Vorgehen eignet sich zur Beantwortung der Fragen, wann es wirtschaftlich ist, einen bestehenden Laden auf Selbstbedienung umzustellen oder eine bestehende Verkaufsstelle durch eine andere zu ersetzen, da die Einnahmen- und Ausgabenströme den Investitionen zugerechnet werden können und die Annuitätenmethode einen Vergleich zwischen unterschiedlichen Nutzungszeiten der Investitionsobjekte ermöglicht. Man errechnet den Kapitalwert der geplanten Verkaufsstelle aus dem Kapitaleinsatz, den laufenden Einnahmen und Ausgaben und dem geschätzten Restverkaufserlös
am Ende der geschätzten Nutzungsdauer und "wandelt den Barwert in Annuitäten um. Für den bestehenden Laden wird die Annuität aus den laufenden Einnahmen und Ausgaben und dem Restverkaufserlös im geplanten Ersatzzeitpunkt errechnet und der Annuität für das Investitionsvorhaben gegenübergestellt. Ist die Annuität für die geplante Verkaufsstelle größer als die für den bestehenden Laden, dann ist es sinnvoll, die bestehende Verkaufsstelle durch die neue jetzt zu ersetzen. Ist die Annuität für die geplante Verkaufsstelle kleiner als die für den bestehenden Laden, dann, muß nachgeprüft werden, ob ein späterer Ersatzzeitpunkt vorteilhaft ist. Der Ersatz kann zu einem späteren Zeitpunkt
wirtschaftlich werden, wenn die laufenden Einnahmen und der Restverkaufserlös für den bestehenden Laden sinken und (oder) die Ausgaben im Zeitablauf steigen, während die Einnahmen für den geplanten Laden eine ansteigende Tendenz aufweisen.
Ebenso kann man verfahren, wenn man der Frage nachgeht, ob ein bestehender Laden auf Selbstbedienung umgestellt werden soll. Hierbei wird man aber einen Restverkaufserlös für den bestehenden Laden nicht berücksichtigen, wenn die alte Ladeneinrichtung unverkäuflich ist. Man stellt die Annuität aus den laufenden Einnahmen und Ausgaben für den Bedienungsladen der Annuität aus dem Kapitaleinsatz für die Umstellung, den laufenden Einnahmen und Ausgaben nach
der Umstellung dem geschätzten Restverkaufserlös für den Selbstbedienungsladen am Ende der geschätzten Nutzungsdauer gegenüber, um zu erfahren, ob die Umstellung auf Selbstbedienung zu dem augenblicklichen Zeitpunkt vorteilhaft ist. Wird nidit nach dem optimalen Ersatzzeitpunkt, sondern lediglich nach der Vorteilhaftigkeit der Rationalisierungsinvestition gefragt, dann genügt es, den Kapitalwert der Rationalisierungsinvestition aus dem für die Umstellung erforderlichen Kapitaleinsatz und den erwarteten Mehreinnahmen, die sich nach der Umstellung gegenüber den Einnahmen und Ausgaben des Bedienungsladens ergeben, mit Hilfe der Kapitalwertmethode zu errechnen. Die Rationalisierungsinvestition ist vorteilhaft, wenn ihr Kapitalwert nicht negativ ist. Man erhält damit eine Antwort auf die Frage, ob sich die Umstellung auf Selbstbedienung lohnt, nicht aber, wann sie am günstigsten ist.
4. Die Wahl zwischen Investition und Verzicht auf Investition
Die Möglichkeit zu investieren steht auch mit der Möglichkeit in Konkurrenz, die Investition zu unterlassen. Eine Investition unterlassen bedeutet, daß der Entscheidungsträger zu dem augenblicklichen Zeitpunkt auf sie verzichtet und auch nicht den Entschluß faßt, sie zu einem späteren Investitionszeitpunkt durchzuführen.
Als Maßstab für die Entscheidung zwischen Investition und Verzicht auf Investition kann ein bestimmter betriebsindividueller Wert, die gewünschte Mindestrendite, vorgegeben werden. Die Mindestrendite bildet die Untergrenze für zulässige Investitionen. Kann die gewünschte Rendite nicht erreicht werden, so wird nicht investiert. In den Investitionsrechnungen wird dann mit einem Kalkulationszinsfuß gerechnet, der einer bestimmten Mindestrendite entspricht. Eine Investition ist bei Anwendung der Internen-Zinsfuß-Methode zulässig, wenn der errechnete Zinsfuß wenigstens dem vorgegebenen Kalkulationszinsfuß entspricht. Eine Investition ist bei Anwendung der Kapitalwertmethode
zulässig, wenn der bei vorgegebenem Kalkulationszinsfuß errechnete Kapitalwert der Investition gleich Null oder größer als Null ist.
In der Praxis wird für die Entscheidung zwischen Investition und Verzicht auf Investition oft eine bestimmte Wiedergewinnungs- oder Amortisationszeit als Zeitraum bestimmt, in dem das eingesetzte Kapital der Investition über die Erlöse zurückgeflossen sein muß. Sofern aber die Wiedergewinnungszeit als alleiniger Maßstab für die Auswahl der Investitionsobjekte verwendet wird, kann dies zu falschen Entscheidungen führen, da der Einnahmen- und Ausgabenstrom der Investition nach Ablauf der Wiedergewinnungszeit und damit die rentabilitäts- oder gewinnbezogene Wirtschaftlichkeit nicht berücksichtigt wird. Bei der Wahl zwischen Investition und Verzicht auf Investition kann die Frage lauten, ob der Einzelhändler selbst investieren oder die produktiven Leistungen heranziehen soll, die sich aus den Investitionen fremder Unternehmungen ergeben. „Es wird also danach gefragt, ob das Investitionsrisiko vom Entscheidungsträger selbst übernommen oder . . . weitgehend auf andere Unternehmen überwälzt werden soll,"11. Die Einzelhändler übernehmen die produktiven Leistungen anderer Betriebe gegen entsprechende Ausgleichszahlungen in der Form von Miete oder Pacht oder auch in der Form eines Wareneinkaufs- oder Dienstleistungspreises, wenn sie sich an Stelle der Eigenleistung für Fremdbezug entscheiden.
1 Die Verfasserin ist Autor des Buches „Die Investitionspolitik der Einzelhandlungen", Diss. Köln 1970., 2 Eridi Schneider: Wirtschaftlichkeitsrechnung, Theorie der Investition, 7. Aufl., Tübingen u. Züridi 1968, S. 1., 3 Hans Adolf Rosenstock: Die Entscheidung im Unternehmungsgeschehen, Sdiriftenreihe Führung und Organisation der Unternehmung, Bern 1963, S. 30., 4 Vgl. den Bericht über die empirischen Ergebnisse in der dem Aufsatz zugrunde liegenden Untersuchung., 5 Horst Albach: Investition und Liquidität. Die Planung des optimalen Investitioasbudgets, Wiesbaden 1962, S. 85 f. u. S. 105., 6 Werner Osel: Einzelhandels-Investitionen: Ein milliardenschwerer Markt, in: Die Absatzwinschaft, 9. Jg., 1966, S. 748, 7 Dieter Schneider: Die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Anlagegütern als Bestimmungsgrund der Abschreibungen, Band 14 der Beiträge zur betriebswirtschaftlichen Forschung, hrsg. v. E. Gutenberg u. a., Köln u. Opladen 1961, S. 50., 8 Ein rechnerisches Beispiel, durchgeführt mit Hilfe der Annuitätenmethode, findet man bei Dieter Schneider: Die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Anlagegütern als Bestimmungsgrund der Abschreibungen, S. 137 ff,, 9 Dieter Schneider: Die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Anlagegütern als Bestimmungsgrund der Abschreibungen, S. 131,, 10 Manfred Groos: Die optimale Investltionsentsdieidung in der Unternehmung unter besonderer Berücksichtigung derErsatzinvestitionen, Diss. Köln 1964, S. 81 f., 11 Hans E. Büschgen: Das Leasing als betriebswirtschaftliche Finanzierungsalternative, in: Der Betrieb, 20. Jg., 1967, S. 473.
